2016-07-17 Nacht

By openmedi on 17. Juli 2016 — 4 mins read

Umzug überstanden. Das ist das wichtigste. Die kleine billige Wohnung, die mehr Probleme bereitete, als sie Geld einsparte liegt jetzt hinter mir und ich wohne mit meinem Bruder – temporär noch mit meiner Mutter – zusammen. Wir haben jetzt hier natürlich alles doppelt da. Vorhin haben wir gedacht: Fühlt es sich so an, wenn man reich ist? Wenn man sich über den richtigen Kühlschrank verständigen muss, in dem dieses oder jenes liegt? Ich bin erleichtert, dass das mit der Umzugsfirma auch einwandfrei funktionierte. Dass ich einwandfrei einen erwachsenen Mann mimen konnte, der eine Umzugsfirma beauftragt, die ihm die Sachen hochträgt.


Den Benjamin-Latour-Essay in Version 2 fertig. Nachdem die erste Version vollständig abgelehnt worden ist und auch diese Version im Prinzip auf dieselbe Argumentation hinausläuft, bin ich natürlich unsicher. Der Essay Version 1 ist abgelehnt worden, weil er zu essayistisch mit der Literatur verfuhr und sich auf die Inhalte jeweils nur auf einer Metaebene einließ. Auch wenn Version 2 nicht nur einfach eine Verbesserung dieser ersten Fassung darstellt, sondern ein vollständig neuer Text ist, so bleibt natürlich der Schiss vor einer erneuten Ablehnung und ihren Folgen (der Masterplan würde so nicht mehr funktionieren). Ich werde den Aufsatz jedenfalls mit nach Finnland nehmen und dort überarbeiten. Ich fühle mich etwas schlecht, dass ich mit dem Aufsatz nicht irgendwann mittendrin zu meinem Prof gegangen bin. Aber erstens gab es für mich da ja keine Unklarheiten (ich kann die Kritikpunkte ja irgendwo nachvollziehen) und zweitens stand die Argumentation ja schon seit Version 1. Also werde ich das Ding rausschicken und auf Verständnis durch meinen Prof hoffen.

Am Freitag habe ich auch meine Klausur zurückbekommen und als Note eine 1,7 erhalten. Ich selbst war mit dem Text also auch in diesem Fall wesentlich zufriedener als der Bewerter. Am Ende fehlte in einer zweiteiligen Frage dem Dozenten die Beantwortung des zweiten Teils völlig. Und mir fiel es beim Schreiben nicht mal auf. Ich wusste nämlich schon vor der Frage, was ich hinschreiben würde. Ich hatte mich ja vorbereitet. Es wurde mein essayistischer Stil lobend erwähnt, aber kurz zuvor auch gesagt, dass man so etwas nicht gut bewerten könne. Was man bewerten kann, seien die Fakten, bzw. Konzepte und Zusammenhänge die man in den Seminaren bespricht. Namen, Daten, Relationen. Es ist zum Mäusemelken! Meine Stärke Gedanken essayistisch entwickeln zu können, führt zur Unbewertbarkeit des Aufwandes den ich betreibe! Wenn ein Teilaspekt bei meinen Texten hinten runterfällt, dann ist das natürlich tragisch und meines Erachtens auch durchaus in eine Bewertung einzubeziehen, da will ich auch gar nicht drüber meckern. Meine Frustration ergibt sich aber eher daraus, dass gute, interessante theoretische oder historiografische Arbeit diese Mängel in der Bewertung nicht wieder aufwiegen können. Dass mir so die 1,0 verwehrt bleibt, weil dafür alles ganz genau stimmen müsste: geschenkt. Aber meine Darstellung der Epoche der Renaissance, als eine Instanz einer generellen Struktur in der Zeit – die der rückblickenden Aufschwünge – und das Aufzeigen der Verwobenheit dieser rückblickenden Aufschwünge miteinander, provinzialisieren die Renaissance™ elegant im Vorbeigehen. Außerdem zeige ich über die materielle Verfasstheit dieser historischen Struktur, wie sich diese Aufschwünge in unterschiedlichen Kulturen abspielen und sich in Raum und Zeit lokalisieren lassen. Die Überlappung diverser Instanzen der rückblickenden Aufschwünge erlaubt es dann über Wechselwirkungen dieser Strukturen verallgemeinernde Spekulationen anzustellen. Schließlich kann man, wenn man das eben Gesagte auf die Ebene der Konstruktion dieser Epoche selbst hebt, also auf die histografiegeschichtliche, noch zeigen, dass sich die exzeptionelle Urinstanz (die Renaissance™) der generellen Struktur selbst so ergeben hat, weil sie für Erzählbarkeit und Anschlussfähigkeit in Europa oder dem Westen optimiert wurde. Und das natürlich alles angereichert mit Querverweisen auf Literatur aus dem Seminar, vielen Fakten oder zumindest Andeutungen dazu und viel näher noch, nicht so theoretisch-abstrakt wie hier, am Thema bleibend. Dass diese konzeptionelle Arbeit an der Explikation einer impliziten Theorie des Seminars „die Renaissance der Anderen“ nichts oder nicht mehr wert ist, dass ist schon schade.

Na klar: Eine 1,7 ist keine schlechte Note. Aber es ist, jedenfalls in geisteswissenschaftlichen Fächern, keine herausragende. All das schreibe ich hier nur wieder hin, um einerseits meine Unruhe gegenüber der Einreichung der Version 2 meines Essays nachvollziehbar zu machen und auch um das für mich generell existierende Problem anzuschneiden, dass sich hier zeigt: Disqualifiziere ich mich mit meinem Hang zum Essayismus für das wissenschaftliche Arbeiten? Ich bin mir selbst nicht mal sicher, ob sich dieses Plus an Kreativität wider besseres Wissen je wird zäumen lassen. Und ob ich das das überhaupt will? Eines ist jedenfalls klar: An dieser Schreibproblematik – die nicht nur bei Version 2 des BenjaminLatour-Essays und dieser Klausur zum Tragen kommt – bin ich irgendwie an einen existenziellen Punkt angelangt. Wenn sich der Schreibdrang bei mir essayistisch äußert und dieser Schreibdrang aber properes wissenschaftliches Arbeiten verhindert und ich aber wissenschaftlich arbeiten will, dann muss sich irgendetwas ändern. Entweder mache ich etwas ganz anderes als den Versuch zu unternehmen in Zukunft akademisch zu arbeiten, oder ich finde Leute in dieser Sphäre, die diese Schreibe akzeptieren und gut finden, oder ich schreibe zukünftig anders. Darin liegt natürlich neben aller Furcht auch ein Potential. Vermutlich fühle ich mich deswegen so sehr von Latour angezogen, der aus irgendwelchen Gründen seine essayistische Schreibe behalten durfte. Na ja. Wir werden sehen.

Posted in: Journal

Leave a comment

  • Vielleicht wäre es eine Lösung, wenn Du zwar beim essayistischen Stil bleibst, ihn aber mit (kapitelweisen) Zusammenfassungen für alle diejenigen unterbrichst, die keine „Geschichten“ lesen wollen. Wenn das denn möglich ist. Wenn es nicht möglich ist, würde ich mal dreist behaupten, stimmt etwas nicht und der Schreibstil würde tatsächlich dem wissenschaftlichen Anspruch widersprechen. Aber wenn ich mich richtig an Latour (das eine Buch, das ich gelesen habe) erinnere, faßt er auch immer wieder zusammen, was er vorher ausführlich beschrieben hat. Das fand ich sehr angenehm.

  • So etwas in der Art habe ich jetzt bei der zweiten Version auch gemacht. Es gibt ein paar mehr Momente, in denen ich die Dinge noch mal kompakt anspreche. Und am Ende des Textes gibt es einen Rückblick, der ebenfalls in kurzen Worten den Argumentationsverlauf nachvollzieht.

    P.S.: Noch bin ich mit diesem Essay ja nicht durch, sobald das aber geschehen ist, werde ich wenigstens die erste Version des Essays veröffentlichen, wie ich ja auch auf Twitter angekündigt hatte. Am liebsten hätte ich beide Versionen hier, damit man sich selbst ein Bild machen kann.

%d Bloggern gefällt das: