ANT und Theorie

By openmedi on 11. September 2016 — 1 min read

Die ANT ist keine Theorie. Die ANT ist eine Methode zur Beschreibung von Relationen und bietet zu diesem Zweck ein Beschreibungsvokabular an. Ihr Interesse ist das Ende der Theorie. Im Gegensatz zu anderen (tatsächlichen) Theorien, die etwas erklären wollen, z.B. wie oder warum diese Relationen zustande kommen, geht es ihr eigentlich immer um die Beschreibung von mehr oder weniger profanen Aktivitäten, die zusammengenommen das zu beschreibende Phänomen zeitigen. Nicht mehr, nicht weniger: Die ANT versucht erklärende Theorien durch gründliche Beschreibungen dessen, was Akteure selber tun, zu ersetzen.

Die Anthropologie der Moderne, d.h. das Latour’sche Forschungsprogramm, dass sich fast parallel zur ANT und keinesfalls unabhängig von ihr entwickelt hat wiederum, versucht mit diesem Beschreibungsvokabular das Kollektiv der Modernen zu untersuchen und deren implizite Metaphysiken, die sich in näher spezifizierbaren Relationsnetzwerken ausdrücken, zu artikulieren. Religiöse Akteur-Netzwerke haben spezifische Bedingungen unter denen sie existieren und die sie als religiöse ANs wirken lässt. Erfolgreiche Referenzketten in diesem Modus sind von bestimmten nur für den Modus der Religion geltenden Bedingungen abhängig. Zusammengenommen versucht die Anthropologie eine alternative Beschreibung der Modernen zu geben, die das komplexe, implizite Universum der Metaphysik dieses Kollektivs explizit macht und der Selbstbeschreibung der Modernen selbst entgegen stellt.

Auch hier geht es wieder eher um die Beschreibung. Das Kollektiv der Moderne soll lediglich besser beschrieben werden, damit man anschließend (als modernes Kollektiv) sich gegenüber der Welt neu öffnen kann und mit den anderen Kollektiven in Diplomatie treten kann.

Aber warum die Moderne so geworden ist, wie sie wurde was sie ist, ist nicht interessant. Alle Folgerungen in diesem Feld werden auf der Grundlage von gründlichen Beschreibungen geschlossen. Alles bleibt innerhalb der Beschreibung und die Folgerungen daher induktiv. Die explizierten metaphysischen Modi, die zur Beschreibung genutzten Begriffe, sind stets vorfristig. Sie erheben keinen Anspruch auf Regelhaftigkeit außerhalb der eigenen Beschreibungen.

Die ANT und die Anthropologie der Moderne versuchen keine Erklärung für die beschriebenen Phänomene zu geben, die über die Beschreibung selbst hinausreicht. Daraus folgt, dass jede Erhöhung der Beschreibungsqualität (das Qualitätsmerkmal für eine „ANT“ige Beschreibung) enorme Aufwände mit sich bringt. Wer mehr über die Moderne sagen will, muss mehr beschreiben.

Literatur:

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Posted in: Essay

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