Das Seminar als Versuchsaufbau

By openmedi on 19. November 2016 — 6 mins read

Wie es der Zufall so wollte, ist eines meiner letzten Seminare in meinem Studium der Wissenschafts- und Technikgeschichte eines, welches ich bereits zu Beginn meines Studiums (da noch im Bachelor allerdings…) besucht habe. Es handelt sich um ein Proseminar, in welchem Quellen zur Wissenschaftsgeschichte der Antike gelesen und anschließend diskutiert werden. Proseminare sind dabei Seminare, die meistens dem ersten Abschnitt eines Studiums zugeordnet sind und deshalb für Einsteiger_innen geeignet sein sollen. Jetzt, da ich nach immerhin einigen Jahren wissenschaftshistorischen Studiums, erneut Einblick in ein solches einführendes Quellenseminar nehmen kann, komme ich nicht umhin ein Problem festzustellen, welches mit der Auswahl und der Struktur des Seminars zusammenhängt.

Das Problem ist, dass das Lesen von Quellen, insbesondere solchen aus antikem Bestand, ohne Kontext, d.h. ohne die lange Überlieferung und Erklärung solcher Texte, von einer Einführung in solche Texte wegführt. Dieses Problem bringt einen nicht uninteressanten Twist mit sich, zu dem ich später kommen will.

Liest man etwa, so wie ich heute, Epikurs Brief an Herodot (hier in einer englischen Übersetzung; wir haben die Apelt-Übersetzung in der Edition von Reich und Zekl gelesen), dann wird schnell klar, dass die Zuordnung dieses Textes zum „Frühgriechischen Atomismus“, wie in unserem Überblick zum Seminar angegeben leer bleibt, weil die erwähnten Worte noch keine Bedeutung haben. Sie zeigen lediglich in einer paradoxen Eindeutigkeit auf den im Seminar zu besprechenden Text, der aber selbst keine eindeutige Aussage oder Erklärung von „frühgriechischer Atomismus“ hergibt. Selbst ich, der seit sechs Jahren Wissenschaftsgeschichte betreibt, kennt sich kaum bis gar nicht mit den hier erwähnten Akteuren, ihrem Platz in der Geschichte und ihrem Einfluss auf das nachfolgende aus. Ich finde das nicht weiter schlimm. Sowohl zu Epikur als auch zum „frühgriechischen Atomsimus“ ist viel geschrieben worden und so lässt sich mit ein wenig eigener Recherche über das Seminar hinaus selbstredend etwas mehr oder weniger schlüssiges zum Kontext der von uns gelesenen Quelle sagen. Der Mehraufwand, insbesondere wenn man die Zwischenschritte mitbedenkt, die eine solche Recherche erforderlich macht, ist insbesondere für frisch immatrikulierte Studierende jedoch nicht unerheblich und kann allein schon aus diesem Grund nicht vorausgesetzt werden. Ich setze meine eigene Motivation und Situation nicht als „normal“ voraus. Was dann also bleibt ist der Umstand, dass wir einen Raum mit mehr oder weniger unerfahrenen Studis haben, die eine antike Quelle – ohne Kontext – analysieren sollen, denn deshalb gibt es diese Quellenseminare: zum Erlernen der Technik der Quellenkritik.

Genau genommen, gibt es natürlich einen Kontext. Denn das Seminar und die im Seminar besprochenen Texte sind dieser Kontext. Sie werden ausführlich (in ca. 90 Minuten) besprochen und aufeinander bezogen, so gut oder schlecht das auch immer gehen mag. Dazu kommt das teilweise vorhandene Detailwissen, welches von außerhalb des Seminars kommt, nicht weiter überprüft werden kann und dessen Akzeptanz und argumentatives Gewicht deshalb stark von der Rhetorik und der Autorität abhängig ist, mit der es vorgetragen wird. In der Universität hat der_die veranstaltende Professor_in per definitionem letzte Autorität, denn ist er oder sie es, der_die die Diskussion leitet und nachher die Noten vergibt. Er oder sie ist es auch, der_die den Textkorpus des Seminars zur Verfügung stellt, den Rahmen und die Aufgabe vorgibt. Seine bzw. ihre Aufgabe liegt in der Schließung oder in der Öffnung von Diskussionen, die dann im Rahmen des durch ihn oder sie aufgestellten Versuchsaufbaus, wenn man Seminare hier einmal so bezeichnen wollte, abläuft. Der Kontext, in dem so ein Text also situiert ist, kann aus Sicht der Teilnehmer_innen in vielerlei Hinsicht gestaltet sein. Als Experimentator_in hat der_die Professor_in die Aufgabe eine Balance zwischen Interessanz (oder Emergenz) und Reproduzierbarkeit (d.h. Lernerfolg) zu finden.

Ist der Kontext zu beliebig und orientiert der Versuchsaufbau, den man sich hier als ein im Karte-Landschafts-Verhältnis zum Gelehrtendiskurs stehender vorstellen muss (es wird in gewisser Weise nämlich Wissenschaft unter kontrollierten Bedingungen simuliert), nicht oder nicht ausreichend im Gelände der Wissenschaft, dann muss man den Versuchsaufbau als defizitär auffassen. Man mag trotzdem das eine oder andere herausfinden, aber die Mehrarbeit, die für eine sinnvolle Orientierung im Feld nötig ist, kann von denen, die sich im Feld nie aufgehalten haben nur schwerlich bis gar nicht bewältigt werden. Der Versuchsaufbau artikuliert zu bruchstückhaft die abzubildende größere Struktur. Das Abbildungsverhältnis ist ungünstig.

Es ist natürlich auch andersherum vorstellbar, dass der Kontext zu genau abbilden will und nichts auslassen kann. Der Schriftsteller Jorge Luis Borges hat dies einst im Hinblick auf die oben verwendete Kartenmetapher in einem Bild zu beschreiben versucht:

In jenem Reich erlangte die Kunst der Kartografie eine solche Vollkommenheit, dass die Karte einer einzigen Provinz den Raum einer Stadt einnahm und die Karte des Reichs den einer Provinz. Mit der Zeit befriedigten diese maßlosen Karten nicht länger, und die Kollegs der Kartografen erstellten eine Karte des Reiches, die die Größe des Reiches besaß und sich mit ihm in jedem Punkte deckte. (Quelle)

Eine Vollsimulation des größeren Kontexts (d.h. des gesamten Gelehrtendiskurses) im Seminar ist deshalb genausowenig sinnvoll, weil dann die begrenzte experimentelle Situation des Seminars, des Versuchsaufbaus, ad absurdum geführt werden würde.

Wie gesagt zeichnet sich das von mir angesprochene Quellenseminar durch einen Aufbau aus, der lediglich aus einer Liste von Quellen besteht, zu denen keine Erklärungen, Einführungen oder Kontextualisierungen zur Verfügung gestellt werden, das heißt: faktisch nicht zur Verfügung stehen. Die Seminarteilnehmer_innen sind im wesentlichen auf sich selbst gestellt, um irgendetwas mit den Texten anzufangen, was zumeist auf Äußerlichkeiten hinausläuft, die dann vom Professor (in diesem Falle ein Mann) einer Schließung zugebracht werden, wenn eine Öffnung überhaupt geschieht (man kann sich ja schlecht 90 Minuten lang anschweigen). Was man hier lernt ist also eher das Hervorbringen von Detailwissen mit Autorität als die Einordnung und Bewertung von Quellen im Rahmen der Gelehrtendiskurses, d.h. im Rahmen der Wissenschaftsgeschichte.

Der interessante Twist dieses Problems ist, dass es sich um eine sehr genaue Simulation des wissenschaftlichen Treibens handelt. Denn auch hier ist der Korpus, wenn auch umfänglicher bis hin zur Unüberblickbarkeit, endlich und damit notwendig perspektivisch oder intersubjektiv. Auch hier beruhen die rhetorischen Gefechte auf unzureichenden Informationen, sind subjektiv und stark vom Kontext des sie aussprechenden Akteurs abhängig und die Balance zwischen Interessanz und Reproduzierbarkeit ist alles andere als universell hergestellt. Das gesamte Feld muss man sich als ein Gewebe aus unterschiedlichsten Versuchsaufbauen vorstellen, in denen Autoritäten andere Akteure zu disziplinieren versuchen, wobei es aber nie zu der Konstruktion einer (dauerhaften) „Metaautorität“ kommt, die für den „Metaversuchsaufbau“ verantwortlich zeichnet. Vielmehr finden Disziplinierungsversuche im Kleinen wie im Großen zwischen allen Akteuren ständig statt und auch dies stimmt für mein Seminar, wie der hier publizierte Versuch zeigt, meinen Professor zu etwas mehr Kontextualisierung zu bewegen.

Aus diesem Schluss lässt sich nun wieder die Frage formulieren, ob eine Karte mit besserer Balance (d.h. hier mehr Einführung, mehr Kontext, bessere Erklärungen, ein wenig mehr Disziplinierung), dem Territorium, in dem sich die Seminarteilnehmer_innen orientieren müssen, besser oder schlechter entspricht. Möglicherweise erfordert die Wissenschaftsgeschichte bis dato als Feld das Aushalten einer gewissen Orientierungslosigkeit. Hier wiederum schlösse sich dann eine weitere Metapher und mit ihr eine Forderung an: Möglicherweise muss das Feld einem Terraforming unterworfen werden. Das heißt die Karte – die Simulation, der Versuchsaufbau, das Seminar: alles Artikulationen des Gegenstands – entspricht nicht dem Feld, sondern sie ist Bauplan oder Design.

Posted in: Essay

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