Eine Kurzfassung der Aufgabe

By openmedi on 8. August 2016 — 4 mins read

Meine erratischen Beiträge hier und anderswo einmal so zusammenfassend darzustellen, wie sie in meinem Kopf zusammenhängen, darum soll es in diesem Artikel gehen. Was mache ich und was will ich eigentlich? Mir selbst käme diese Frage im Hinblick auf die eine oder andere geführte Twitterdiskussion (als ich noch Twitter benutzte), wenn ich mir selbst gegenüber gestanden hätte. Hier nun also der Versuch einer ersten Formulierung des eigenen Forschungsprogramms, wie es sich mir derzeit darstellt.

Sicherung des Lebensunterhalts

Zunächst ist unleugbar, dass ich mich um die Sicherung eines Lebensunterhalts kümmern muss. Ich bin ein pragmatischer Mensch und demnach gehört dies an die erste Stelle. Womit ich mein Geld verdiene hängt stark davon ab, ob man mir gestattet im akademischen Feld zu arbeiten. Ich werde mich natürlich umfänglich und weiträumig für eine Doktorandenstelle bewerben, bzw. solche Stellen für wissenschaftliche Mitarbeiter_innen, die eine Weiterqualifikation ermöglichen. Aber auch für Volontariate in Museen, Archiven und anderen Kulturinstitutionen, sowie als Fachreferent in Bibliotheken will ich mich bewerben so es denn der Arbeitsmarkt erlaubt. Sollte all das nicht funktionieren, dann würde ich mich einerseits um die Verbesserung und Aufpolierung meiner Programmierfähigkeiten bemühen und/oder mir eine Stelle im Support bei einer größeren Firma (Apple, Amazon, o.Ä.) suchen, denn mit technischem Support über Telefon und per Mail kenne ich mich aus. Mittelfristig könnte auch eine Selbstständigkeit infrage kommen.

Der Historiker als Wissensarbeiter

Um zu wissen, was man als Historiker eigentlich zu tun hat, muss man den Platz in der Gesellschaft feststellen, die der_die Historiker_in einnimmt. Diese Lokalisierung geht mit einer Selbstbeschreibung einher und beide Prozesse sind zwei Seiten einer Medaille, nämlich die Konstruktion des Historikers selbst. Im Unterschied zu den Soziolog_innen, die Gesellschaft konstruieren, produzieren Historiker_innen (historische) Zeit.

Minimale Rahmentheorie mit maximaler Bewegungsfreiheit

Die Anforderungen an eine Theorie der Geschichtswissenschaft sind sehr hoch. Meine eigene Theorie baut dabei auf einem Derivat der Akteur-Netzwerk-Theorie auf, d.h. ich habe in gewisser Weise die ANT „geforkt“ um mit ihr neue und andere Dinge anzustellen, zu experimentieren, usw. und gleichzeitig nicht kanonisch sein zu müssen. Ja, was ich mache hat viel mit der ANT™ zu tun – insbesondere mit Bruno Latours – aber es ist ein eigenes Derivat.

Die ANT hat den großen Vorteil, dass sie eine minimale und gleichzeitig eine überaus agile Theorie ist, d.h. man kann sich mit relativ wenig Vokabular in vielen Bereichen orientieren, Verbindungen herstellen und sich gleichzeitig treu bleiben. Die Selbstreflexivität, d.h. die Möglichkeit der Anwendung der ANT auf sich selbst macht die Lokalisierung des eigenen Forschungsprogramms neben anderen möglich.

Über die ANT hinaus gilt das Primat der Beschreibung insbesondere für die Geschichtswissenschaft. Dementsprechend ist es dringend nötig, dass man eine gute Beschreibung des historiografischen Prozesses (etwas was zuürck auf die Selbstbeschreibung des Historiker wirkt) gibt. Ein Startpunkt ist mit der Unterteilung des Prozesses in lesen, sortieren, rahmen, kartieren, beschreiben und erklären gemacht. Dies wiederum ist nur eine spezifische Variante des Prozesses von Wissensarbeiter_innen überhaupt. Zusätzlich muss also die Einordnung dieses Prozesses und sein Ziel, nämlich: die Normalisierung der Geschehnisse in der Welt gegenüber dem Fliegenglasbau (Soziologie) bzw. dem Ausweg-aus-dem-Fliegenglas-Zeigen (Philosophie), d.h.: in die generelle Konstellation intellektueller Realitätsproduktion gezeigt werden. Auch das wirkt selbstverständlich auf die Produktion einer Realität stiftenden Selbstbeschreibung von Historiker_innen zurück.

Schließlich ist zur Herstellung einer Konstellation in der die Beschreibung am wichtigsten ist, die Produktion von konzeptionellen oder begrifflichen Werkzeugen vonnöten, mit der die Normalisierung des Geschehens in der Welt gelingen kann. Dazu gehört die Akteur-Netzwerk-Toxikologie, die Alienanthropologie, die Stimulanzökonomie und das Ja-Projekt. All diese Begrifflichkeiten sind gleichzeitig Ausdruck des eigenen ANT-Derivats.

Wissensarbeit erfordert Wissensorganisation

Diese minimale Rahmentheorie wiederum soll, beispielhaft, in der Form eines digitalen Zettelkastens seine quasi-materielle Artikulation finden. Die Herstellung dieses Zettelkastens erlaubt einerseits die Verallgemeinerung und Relativierung des in der Rahmentheorie formulierten Programms und andererseits wird damit die Verwendbarkeit der Theorie fürs tatsächliche wissenschaftliche Arbeiten reproduzierbar vorgeführt.

Die Arbeit am Zettelkasten wirkt auf die Theorie zurück und umgekehrt. Sie erlaubt als höchst anschlussfähiger Ausgangspunkt der eigenen Arbeit die Veröffentlichung der eigenen Wissensarbeit (siehe unten).

Inhaltliche Aufgaben

Die Bearbeitung von signifikanten historiografischen Aufgaben, erlaubt es die Selbstbeschreibung, die Rahmentheorie und die Qualität der tatsächlichen historiografischen Arbeit vorführen zu können. Die Auswahl der Aufgaben ist dementsprechend mindestens ebenso bedeutend wie ihre tatsächliche Aufarbeitung. Die Aufgaben, die mich interessieren, haben dabei enormen Einfluss auf die Formulierung der Rahmentheorie und die Lokalisierung und Selbstbeschreibung der Rolle des_der Historiker_in.

Da wäre die Relationalisierung der Moderne, mit der die Affirmierung der Moderne als Epoche und Kultur bei gleichzeitiger Provinzialisierung, zeitlich wie räumlich, dieses Akteur-Netzwerks.

Die Botanikgeschichte (bzw. Naturgeschichte) als Wissenschaft zwischen Peripherie und Zentrum par excellence und ihre Rolle als Schnittstelle zwischen Kulturen, d.h. zwischen dem Bekannten und dem Fremden.

Die Theoriegeschichte als Wissenschaftsgeschichte nach dem practical turn und die damit einhergehende Normalisierung des gesamten geistes-/sozial-/kulturwissenschaftlichen Bereichs als lediglich spezifische Artikulationen von Wissensarbeit – einer Geste, die so alt ist, wie die Kultur selbst.

Veröffentlichung

Die eigene Wissensarbeit gilt es schließlich zu veröffentlichen um ihr so zu einer gewissen Wirkmächtigkeit und damit zu Realität zu verhelfen. Dies sollte im besten Falle über möglichst viele Wege geschehen. Blogs, Podcasts, soziale Medien, Vorträge, Papers, Diskussionen, Zeitschriftenartikel, Essays, Videos, Spiele, usw. usf. sollten alle zumindest mögliche Artikulationsformen der hier umrissenen Aufgabe darstellen. Dies wirkt zurück auf die eigene Wissensorganisation und erfordert von der Rahmentheorie die schon oben erwähnte Agilität.

Posted in: Essay

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