Englers Sonderdrucksammlung

By openmedi on 26. Januar 2017 — 4 mins read

(Ich will gerne eine Artikelkategorie wieder aufleben lassen, die ich ganz am Anfang dieser Inkarnation des Blogs mal verwendet hatte: die „Irrfahrt“.)

Eine Sonderdrucksammlung wie diejenige Adolf Englers zu untersuchen, stellt sofort Fragen nach der Beschaffenheit dieser seltsamen Textsorte. Was ist ein Sonderdruck? Und was eine Sonderdrucksammlung? Wir wissen: Bibliotheken verzeichnen Sonderdrucke nicht gesondert. Denn: Sie gehören wie so vieles zur unselbstständigen Literatur. Aber was veranlasst jemanden wie den Direktor des botanischen Gartens in Berlin eine Sonderdrucksammlung anzulegen?

Wir können, ohne hier im einzelnen Zahlen und Daten nennen zu können, davon ausgehen, dass Engler als Direktor eines der wichtigsten botanischen Gärten um 1900, das heißt, zu seinem kolonialbotanischen Höhepunkt, im Zentrum eines gewaltigen botanischen Netzwerks saß. Wir wissen weiters, dass Sonderdrucke, in einer Zeit als es noch keine Kopierer oder das Internet gab, dem Wissensaustausch diente. Was man heute schnell mal im Netz einfach so findet, oder als etablierte_r Forscher_in per Mail bei den Verfassern als PDF anfragen darf, war damals notwendigerweise an Papier gebunden. Das heißt der Aufwand einen Sonderdruck zu produzieren, war im Verhältnis relativ hoch und dementsprechend wertvoll genug, um ihn als eine Art Geschenk zu betrachten: „Überreicht vom Verfasser“, das liest man nicht selten.

Wenn man nun also wie Engler in einem riesigen Forschungsnetz sitzt, dann wird man häufig beschenkt, so häufig, dass die anfallenden Sonderdrucke eine Einordnung erfordern. Wonach sortiert man sie? Man sortiert sie zunächst nach Untergebieten der Botanik, z.B. Systematik oder Pflanzengeografie. Innerhalb solcher Untergebiete ergibt sich die Ordnung dann häufig aus der Differenzierung des Feldes selbst. So im Fall der Pflanzengeografie, über die ich ja schreibe: „Pflanzengeografie, Arktische Gebiete“ oder „Pflanzengeografie, Südamerikanisches Florenreich, B. Gebiet des trop. Amerika“ oder „Pflanzengeografie, Allgemeine Pflanzengeschichte“, steht auf den Ordnern, in denen sich zwischen 15 und 40 Dokumente finden, die den Themen zugeordnet worden sind. Wir erkennen die Notwendigkeit die geschenkten Sonderdrucke in eine Form zu bringen, die dem Wert eines solchen Geschenks gerecht wird. Die Ordnung nach dem Pertinenzprinzip ist die Wertschätzung für das Geschenk.

Aber es nicht nur Wertschätzung, vielleicht nicht mal in erster Linie. Es ist auch Arbeitsmaterial, wie an zeitweiligen Annotationen, Anstreichungen, Marginalia, usw. zu sehen ist. Diese Sonderdrucke wurden, jedenfalls zum Teil, benutzt. Das botanische Museum ist 1943 abgebrannt und dementsprechend schwer ist es nachzuvollziehen wie Engler gearbeitet hat. Aber ein Negativabdruck, oder eher: eine Ahnung der Arbeit müsste sich aus der Sonderdrucksammlung herauslesen lassen können. Wir kennen seine Veröffentlichungen zum Bereich der Pflanzengeografie, seine Publikationen, wir kennen seine tagwissenschaftliche Seite (vgl. Rheinberger: Wissenschaft zwischen Labor und Öffentlichkeit, 2001).

Um es noch einmal mit den Worten Jacobs zu sagen: «Schaut man sich … näher an, was die Wissenschaftler tun, hält man sich also an ihre Taten und hört nicht auf ihre Worte, so stellt man erstaunt fest, daß die Forschung in Wirklichkeit zwei Gesichter hat, die jemand einmal als Tagwissenschaft und Nachtwissenschaft bezeichnet hat. Wie ein Räderwerk greifen die Beweisführungen der Tagwissenschaft ineinander, und ihre Resultate haben die Kraft der Gewißheit. … Die Nachtwissenschaft dagegen ist blindes Irren. Sie zögert, stolpert, weicht zurück, gerät ins Schwitzen, schreckt auf. An allem zweifelnd, sucht sie sich, hinterfragt sich, setzt immer wieder neu an. Sie ist eine Werk- statt des Möglichen, in der das künftige Material der Wissen- schaft ausgearbeitet wird.»

(Rheinberger zitiert hier: François Jacob, Die Maus, die Fliege und der Mensch. Über die moderne Genforschung. Berlin Verlag, Berlin 1998, S. 164. Der Kontext ist hier die experimentelle Forschung, aber dieses Verhältnis trifft als Metapher in verschiedener Stärke sicher auch auf die Text- und Beobachtungswissenschaften zu.)

Wir können sehen, noch ahnen wir es nur, dass Engler die Sonderdrucksammlung als Inputs hatte, deren Outputs zu seinen Veröffentlichungen führten. Wir verstehen, dass sie nur einen Teil einer umfangreicheren Sammlung darstellt und dass man die Ordnung der Sammlung selbst nicht überwerten darf. Ihre Nichtbeliebigkeit und ihren Wert als Arbeitswerkzeug zu unterschätzen wäre aber auch falsch.

Die Sonderdrucksammlung sagt uns auch etwas über die Akteure, mit denen Engler in Beziehung stand. Wir wissen dadurch zwar nur mit einiger Wahrscheinlichkeit, dass diese Forscher(_innen?) sich wenigstens einmal über den Weg liefen, noch nicht wie gut sie sich leiden konnten, aber immerhin ist ein Kontakt gemacht. Die Schriften werden uns mehr Auskunft geben können, über den Gebrauch der Sonderdrucke, bzw. lassen sich u.U. Vorlieben herauslesen.

Und es sind nicht nur Sonderdrucke. Briefe, wissenschaftliche Journale aus den Kolonien (bisher 1), Werbeprospekte, ganze Zeitschriften, die aufgrund eines Artikels aufbewahrt worden sind, Ausrisse, Dissertationen, usw. usf. Ein Material, dass sich an der Dämmerung befindet, ein Stück weit in die Dunkelheit hineinreicht, die durch den Brand 1943 nur bedingt zugänglich ist.

  • Dunkelheit->Sonderdrucksammlung->Tageswissenschaftliche Publikation

Es gilt die Dunkelheit zu erforschen. Zu verstehen, was man durch die Sonderdrucksammlung über die Nachtwissenschaft Adolf Englers sagen kann.

Posted in: Irrfahrt

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