Kommunikation zwischen Unbekannten

By openmedi on 17. April 2016 — 4 mins read

In meiner Timeline beschäftigen sich eine große Anzahl von Soziolog_innen mit der „Kommunikation zwischen Unbekannten“, kurz #kzu. Es wird darin offenbar etwas Neues gesehen, was man theoretisch wie praktisch erst noch erkunden muss. Ziel des Projektes, das hauptsächlich von Klaus Kusanowsky (siehe auch meinen kurzen Post zu seinem Zettelkasten) befeuert wird, scheint zunächst die Bedingungen und daraus wiederum die Folgen zu explorieren, die eine Kommunikation mit Unbekannten nach sich zieht. @kusanowsky hat eine große Reihe von Dokumenten dazu zusammengetragen, die aufzeigen, warum unter den Bedingungenen der sozialen Medien im Internet, die althergebrachten Techniken zur Organisation von Akteuren nicht mehr funktionieren und sich daher Institutionen wie etwa der Journalismus und die Wissenschaft möglicherweise auflösen, jedenfalls auch anders, nämlich ohne „Zwänge“, einrichten lassen. Wenn man begriffen hat, dass die Erwartung an Kommunikation, nämlich Konsens oder Korrespondenz zu produzieren, in den sozialen Medien in den häufigsten Fällen enttäuscht wird, was folgt dann aus der nun gesetzten Bedingung, dass man gefälligst von Kommunikation keinen Konsens erwarten kann (und man gefälligst gegen eine solche Erwartung arbeitet)? Was bedeutet es, wenn dann trotz allem sich Emergenz in den Netzen zeigt? Kann man damit nicht etwas anfangen? Wie lässt sich das beschreiben und nutzen? Es sind solche Fragen, die die mit #kzu Beschäftigten umtreiben und zu einer gehörigen außerakademischen wissenschaftlichen Produktivität auf Twitter beitragen. Sie artikulieren damit die Tendenz dieser von ihren Betreiber_innen stiefmütterlich behandelten Plattform in Bezug auf Poweruser das Potential für eine Anreicherung im Prozess der Bedeutungserzeugung aktiv in die Kommunikation einzugreifen. Twitter ist ein mächtiger Mediator und ermöglicht die Annahme von #kzu durch ihre besondere Überzeichnung eines Grundproblems von Kollektiven: Miteinander in Verbindung zu stehen.

Nun kann man die Artikulation der Plattform Twitter als Blackbox, d.h. als selbst nur im Hinblick auf seine Ins und Outs bewerteten Teil der in diesem sozialen Medium stattfindenden Kommunikation nur so und so weit treiben. Solange man diese Blackbox nicht öffnet, solange man sich nicht die volle Komplexität gibt, die Bandbreite der in bestimmte Konfigurationen gezwungene Akteure nicht miteinbezieht, solange vermag die vermeintlich „zwanglose Kommunikation“ als neu und anders erscheinen, als unzählige inzwischen geöffnete Korrespondenz-Blackboxen vor ihr. Und möglicherweise ist sie das auch. Aber das Neue und Andere ist vermutlich nicht auf der Ebene der Kommunikation und der Herstellung von Korrespondenz von mehr oder weniger Unbekannten zu suchen. Selbst wenige Momente der Exploration der Machtdimension einer solchen Kommunikation über Kommunikation zwischen Unbekannten zeigt schon, dass wir es auch hier mit im Prinzip seit dem es Kollektive gibt aufkommenden Organisationsproblemen zu tun haben: Denn ist mit dem Wissen und der Untersuchung der Intensivierung von #kzu notwendig auch eine Etablierung von mächtigen Akteuren verbunden. Mit @kusanowsky als demjenigen, der die Rede von der Kommunikation zwischen Unbekannten überhaupt erst ins Spiel brachte und um den man heute und – sollte sich die soziologische Debatte darum weiterhin intensivieren – auch in Zukunft in Bezug auf #kzu nicht drumherum kommt, gibt dafür ein deutliches Beispiel ab. So läuft das halt. Ein neuer Akteur erblickt das Licht der Realität in dem er plötzlich ans Kollektiv angebunden wird – das Konzept der #kzu – und sowohl er als auch sein am eindeutigsten zuordenbarer Fürsprecher, Klaus Kusanowsky, binden sich aneinander. @kusanowsky repräsentiert im Kollektiv den Akteur #kzu und das erlaubt der #kzu auf dem Rücken seiner Korrespondenz mit anderen weitere Fürsprecher_innen zu finden. Es geht hier, wie leicht einzusehen ist, um die Organisation von Akteuren, die keineswegs zwanglos sind, sobald sie einander als #kzu-ler erkennen. Denn zu diesem Denkstil gehört ein gewisser Jargon, gehört ein gewisses Verhalten, dass es erlaubt mit dem Akteur #kzu zu korrespondieren.

Die eigentlich interessante Frage wäre daher, ob man, anstatt mit #kzu es “besser zu wissen” und in der #kzuMafia zu enden, wie ich das Denkkollektiv mal genannt habe, die Blackbox der sozialen Medien nicht als Intermediär sich zu betrachten gestattet, sondern als ultrakomplexen (d.h. aus vielen Akteuren bestehenden) Mediator nimmt, der das Wunder der Vermeidung von #kzu durch das Herstellen von vielfältigen Korrespondenzen ermöglicht, die wiederum mehr und anders Akteure einander zugänglich machen, als der Mediator “Gespräch im Meatspace” es könnte. Da #kzu ohnehin die Ausgangssituation ist, in der Akteure zu Kollektiven werden, ist die Annahme, dass die über die Jahrtausende entwickelten Kulturtechniken nun hinfällig seien, weil irgendwelche Institutionen oder gar Kollektive untergehen, bzw. assimiliert werden, auf die überaus produktive Ignoranz zurückzuführen, die die #kzuMafia als ein Beispiel heutiger außerakademischer Wissenschaft zu einem interessanten Beschreibungsprojekt für mich als Wissenschaftshistoriker machen. Im Resonanzraum dieser Ignoranz ist die Wahrscheinlichkeit für das Erscheinen neuer interessanter Akteure hoch. Deshalb nehme ich auch aktiv an deren Versuchen Teil.

Posted in: Essay

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