Lesen, Sortieren, Rahmen, Kartieren, Beschreiben, Erklären

By openmedi on 9. Juli 2016 — 4 mins read

Der Historiker gehört zu den akademischen Wissensarbeitern und seine Aufgabe besteht darin Geschichte zu schreiben. Die Arbeit besteht darin Quellen zu verarbeiten, um damit neue Quellen zu erzeugen. Diese Arbeit ist für alle Wissensarbeiter_innen gleich. Was sich unterscheidet, ist die Art der Dokumente, die es zu verarbeiten gilt, die Art der Verarbeitung und die Art der zu erzeugenden Dokumente.

Als Historiker_innen haben wir es mit Zeit und zeitlichen Abläufen zu tun. Die Voraussetzung unter der man Quellen untersucht ist also zunächst immer diese im Hinblick auf ihre zeitliche Entwicklung auszuwerten. Aus der eigenen Zeitwahrnehmung wissen wir, dass Zeit vergeht, dass es ein Gestern, Heute und Morgen gibt und dass wir uns im Heute über dieses und über die Vergangenheit informieren können, um mit der Zukunft etwas anfangen zu können.

Die historiografische Arbeit ist dabei eine Arbeit, die aus mehr Einzelschritten besteht, als man das zunächst erwarten würde. Je nach Umfang und Detailgrad der zu beschreibenden Entwicklung, haben wir es mit gewaltigen Datenmengen zu tun, die in Erzählbarkeit überführt werden müssen.

Wie der Titel dieses Posts schon andeutet, sollen einzelne Schritte, die ich als Teil dieses Prozesses identifiziert habe, hier kurz skizziert und in der Form eines linearen Prozesses beschrieben werden, auch wenn klar sein sollte, dass Rückkopplungen, dass das Zurückkommen auf einen vorhergehenden Arbeitsschritt im praktischen Prozess der historiografischen Arbeit häufig vorkommt.

Lesen

Wie das Lesen von Quellen geschieht, hängt stark von der jeweiligen Quelle ab bzw. von dem auszuwertenden Korpus. Handelt es sich um einen Text, können wir zum Beispiel noch das Selbstlesen vom Lesen mit elektronischen Hilfsmitteln oder vom indirekten Lesen (d.h. von Übersetzungen oder von Texten, die anderen Texte zusammenfassen, erläutern, kommentieren und/oder erklären) unterscheiden. So oder so müssen Quellen erstmal gelesen werden, damit sie als Quellen überhaupt gelten können. Hinzu kommt dann noch der Grad des Lesens (nur der Titel, nur die Zusammenfassung, nur die erste Seite, nur das Inhaltsverzeichnis, der gesamte Text, alle Editionen in französischer Sprache des Texts, etc.). Für Bilder, Sounds, Gespräche und alles andere gelten demnach analoge Spezifizierungen des Lesens, denen allen gemeinsam ist, dass das Lesen geschehen muss.

Sortieren

Sind die Quellen gelesen, dann kann mit den so verfügbaren Daten etwas angefangen werden. Zunächst wird meist relevantes von nicht relevantem unterschieden. Zuordnungen zu einzelnen Autor_innen, zu Publikationsorganen und ähnlichem können durchgeführt werden, usw. Das Sortieren schafft Orientierung und Ordnung, es legt Potentiale frei und Möglichkeitsräume fest, es ist nicht beliebig, aber die Struktur ist auch keine einzelne notwendige. Das Sortieren ist die Voraussetzung für die weitere Auseinandersetzung mit den Quellen.

Rahmen

Auf die Sortierung der gelesenen Quellen, folgt die Rahmung dessen, d.h. die durch die Sortierung erfolgte implizite Ordnung des Korpus wird nun expliziert mit weitreichenden Folgen für das eigene Arbeiten. Die Rahmung entscheidet über die Möglichkeit und die Nötigkeit des Hinzufügens weiterer Quellen, über die aus der Arbeit zu ziehenden Schlüsse und über die Voraussetzungen auf der die Arbeit fußt. Die theoretische Rahmung, die vielleicht nicht direkt im Korpus und seiner Sortierung steckt (auch wenn es hilfreich ist, sich den Korpus immer inklusive des eigenen theoretischen Apparats zu denken), wird hier offensichtlich.

Kartieren

In diesem Schritt geht es um das Festhalten der bis dorthin gemachten Entscheidungen und dem sich daraus ergebenden Bild, so dass der Korpus reproduzierbar navigierbar wird. Dies wird über das anfertigen von theoretischen Apparaturen zur Arbeit, durch Exzerpte zu den Texten, durch Überblicke und Zusammenfassungen, Verzeichnisse, Listen und alles andere ermöglicht. Dies wiederum erlaubt einen schnellen und gesicherten Zugriff auf den Korpus ohne den ganzen Weg erneut “zu Fuß” zurücklegen zu müssen.

Beschreiben

Das Beschreiben erlaubt nun die Beschreibung des Korpus im selbst gegebenen Rahmen, nach der eigenen Karte. Hier wird also die zuvor gemachte Arbeit in ein Produkt überführt, dass auf der Grundlage der vorher durchgeführten Schritte einen “Shortcut” zum Korpus und seinen Implikationen ermöglicht. Aus einzelnen Beschreibungen von wissenschaftlichen Entwicklungen lässt sich etwa auf Normalwissenschaft und wissenschaftliche Revolution schließen, oder auch darauf, dass die Generalisierung der Geburt Christi als Bezeichnung für einen Neuanfang in der Renaissance, das Konzept der Periodisierung – in Antike, Mittelalter und (heute) Moderne – gebar. Diese Folgerungen selbst sind aber noch Beschreibungskonzepte, die später z.B. in eine Rahmung der nächsten Arbeit fließen können.

Erklären

Wenn wir Geschichte nun aus diesen Konzepten heraus erklären, d.h. das Warum der Geschichte angehen, dann sprechen wir von Erklärung. Gründliche Beschreibungen, denen dementsprechend umfängliche Vorarbeiten vorangegangen sind, erlauben es, aufgrund ihrer breiten Quellenbasis, besonders wahrscheinliche, oder signifikante Entwicklungsmomente zu destillieren und in Theorie zu überführen. Mit Theorie wiederum lassen sich durch Quellenarbeit nicht gedeckte Aussagen treffen, die trotz allem sehr wahrscheinlich sind.

Posted in: Essay

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  • […] ist. Die Erfassung und Aufarbeitung des mir zur Verfügung gestellten Korpus oder das (teilweise) Lesen, Sortieren, Rahmen, Kartieren und Beschreiben dessen, ist in „grober Auflösung“1 schon jetzt […]

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