Philosophie des 20. Jahrhunderts: Von Husserl bis Derrida (Rezension)

By openmedi on 2. Februar 2017 — 4 mins read

Ich bin ein großer Fan von Reihen wie C.H. Beck Wissen, die versuchen auf knappstem Raum viel Information zu vermitteln. Nicht immer gelingt das Kunststück, aber die Herausforderung ringt mir bei jedem Band Anerkennung für den Versuch ab. So auch in diesem Falle: Die Philosophie des 20. Jahrhunderts in 128 (sehr kleinformatigen) Seiten darzustellen, ist selbst in oberflächlicher Weise kaum möglich. Trotzdem halte ich das Buch eher für einen Erfolg, denn erlaubt diese Knappe Darstellung etwas, was in ausführlicherer Darstellung verloren gehen würde: Die „Streichholzschachtelversion“ ausführlicher Gedankengebäude. Diese sind für die wissenschaftliche Diskussion unerlässlich.

Thomas Rentsch bietet in dem schmalen Band viele Miniaturen zu einigen der wichtigsten Denker_innen diese Zeit, die in Form einer kurzen Philosophiegeschichte daherkommen. Diese Geschichte wird dann noch mal in 12 Unterabschnitte geteilt, der eine kurze Einführung vorangestellt wird.

In der durch das Format bedingten extremen Verkürzung der Darstellung, wird es möglich, größere Zusammenhänge wieder zu entdecken, die in längeren Büchern, die heute häufig mikrohistorischen Charakter annehmen und daher ein Wissen um die Anatomie historischer Entwicklungen voraussetzen, welches sie selbst nicht mal im Ansatz bieten können. Einführungswerke dieser Art erlauben es so, nachzuvollziehen, dass der Pragmatismus und der theologische Existenzialismus von Sören Kierkegaard mindestens ebenso einflussreich auf die Philosophie des 20. Jahrhunderts gewirkt haben, wie es der Marxismus tat. Nun ist dieser Zusammenhang mir auch schon zuvor prinzipiell klar gewesen, aber die Schärfe der Aussage und die Nützlichkeit ihrer Schärfe ist sicher zumindest anteilig dem Format zu verdanken.

Und so geht es im Prinzip durchs gesamte Buch: Der Mensch als ganzes kommt als Philosophisches Thema in den Blick. Die Phänomenologie hebt die Subjekt-Objekt-Dichotomie auf und zeigt, dass das Bewusstsein immer intentional verfasst ist, was sich erstens streng analysieren lässt und daher die Wahrnehmung banaler Gegenstände auf neue Weise interessant macht. Heidegger fragt nach dem Sinn vom Sein und danach warum überhaupt etwas ist. Der Existenzialismus versucht philosophische Antworten auf die Bedeutung der Existenz vor dem Hintergrund nachhaltiger gesellschaftlicher und kultureller Erschütterungen (z.B. die Weltkriege) zu geben. Gadamers philosophische Hermeneutik, nutzt die von Heidegger und Husserl gemachten Innovationen, um die Lehre vom Verstehen auf ein modernes Grundfundament zu setzen und macht sie gleichzeitig zur universalen Voraussetzung für ein Welt- und Fremdverstehen. Sie steht damit in einer bestimmten Traditionslinie, die sich eher kritisch gegenüber empiristisch-naturwissenschaftlichen Zugängen zur Welt verhält. Der Marxismus versteht das Betreiben von Philosophie als politischen Akt, wobei existenzialistische Motive ebenso eine Rolle spielen wie geschichtsphilosophische. Das heißt: Einerseits ging es um die Standortbestimmung des Einzelnen in der Menge oder Masse und andererseits um die Frage nach der Historizität des Marx’schen Gedankenguts, bzw. des Nachweises der Marx’schen Geschichtstheorie. Die kritische Theorie kann man als kritische Gesellschaftstheorie begreifen. Sie versucht die Aufklärung im Hinblick auf ihr Potential nicht nur gutes, sondern auch schreckliches (den Faschismus Deutschlands und die Massengesellschaft der USA) zu bewirken zu befragen. Der linguistic turn, der Stark mit Wittgenstein in Verbindung steht, fragt nach dem Verhältnis von Sprache und Bedeutung, wobei mit zunehmender historischer Entwicklung die Hoffnung über streng logische und formale Analysen von Sprache, ein belastbares Fundament zu finden, sich eher in eine Akzeptanz der Beliebigkeit von Sprache und die damit einhergehende Relativität von Bedeutungen transformierte. Es ist dies die Grundlage für die breite Strömung der analytischen Philosophie, die man heute gerne von der kontinentalen Philosophie trennt, wobei es wichtige Berührungspunkte z.B. zum phänomenologischen Programm gibt. Karl Popper und sein Ansatz, dass man Theorien niemals bestätigen, sondern nur widerlegen kann, sind für die Wissenschaftstheorie von immanenter Bedeutung. Thomas Kuhn zeigt, dass es nicht ausschließlich epistemologische Faktoren sind, die die Entwicklung der Wissenschaft beeinflussen und führt außerdem ein wissenschaftstheoretisches Beschreibungsvokabular ein, welches bis heute wirkt. Die Sozial- und Gesellschaftsphilosophie stellt die Kommunikation und die Mittel mit denen diese geschieht oder verhindert wird und welche Folgen sich daraus für die Ausdifferenzierung der Gesellschaft ableiten lassen in den Mittelpunkt. Der Strukturalismus und Poststrukturalismus ist stark mit den linguistischen Analysen von Ferdinand de Saussure verbunden, der schon im 19. Jahrhundert zeigte, dass die Struktur einer Sprache von ihren Sprecher_innen und dem was diese aussagen wollen unabhängig rekonstruiert werden kann und darüber hinaus in weitreichender Weise für das verantwortlich ist, was sich überhaupt sagen lässt. Dieses wird auf anthropologische, kulturwissenschaftliche und historische Probleme bezogen, in der plötzlich Akteure zu Spielbällen der meistens unbewussten Strukturen werden, die den Möglichkeitsraum ihres Handelns bestimmen.

All diese „Sätzchen“ sind gleichzeitig zu oberflächlich, um einer genaueren Betrachtung standzuhalten, aber sie sind nützlich um in grober Auflösung ein Verständnis für die Entwicklung der Philosophie im 20. Jahrhundert zu gewinnen. Wer genauer nachschauen will, oder, aufgrund des Forschungsgegenstands, muss, der hat jederzeit die Möglichkeit dazu. Sie sind auch nützlich um das schon vorhandene Wissen in kurzer Form artikulieren zu können, was für das wissenschaftliche Arbeiten in historisch-philologischen Fächern von herausragender Bedeutung ist.

Insgesamt kann ein solches Büchlein natürlich nur einen sehr bedingten Einblick in die Philosophiegeschichte geben. Die Knappheit zwingt aber zur Schärfe und lässt so nützliche Miniaturen entstehen, die, wie bei einem Globus oder einem Modell eines Gebäudes, die Orientierung stark vereinfachen können.

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