Realität mit Büchern beschweren, Bücher mit Realität beschweren

By openmedi on 8. Mai 2017 — 3 mins read

Einige der klügsten Gedanken, die die Menschheit je gedacht hat, findet man in Büchern. Kluge Dinge finden sich natürlich nicht nur in Büchern, sondern auch in vielen anderen Kulturerzeugnissen, aber auch wenn das Buch heute nur noch ein Medium neben vielen anderen ist, so ist diese Galaxis doch eine überaus reichhaltige. Schon aus pragmatischen Gründen scheint es daher geboten, sich die Fähigkeiten der Buchkultur anzutrainieren.

Es gibt Leute, die kennen sich mit Musik aus, andere kennen die Videospiellandschaft wie ihre Westentasche, es gibt viele Filmfans und Serienfans, Podcastfans, Technik- und Internetkenner_innen und noch viele mehr. Für jeden dieser Individuen steht ein bestimmtes Medium mehr im Mittelpunkt als ein anderes. Das soll nun nicht heißen, dass Feinschmecker nicht auch z.B. Magazine in die Hand nehmen, natürlich gibt es auch Leute, die mehr als ein Medium zu ihrem persönlichen Leitmedium erklären, aber es scheint doch eher so zu sein, dass ein Medium im Mittelpunkt steht.

Dabei sollte von der vorhergehenden Aufzählung klar sein, dass ich das Wort Medium sehr weit fasse und mehr darunter verstehe als nur die klassischen Medien, wie Buch, Radio, Fernsehen, Internet, usw. Vieles kann Medium, oder besser: Mediator sein. Das heißt aber auch, dass vieles zum Hauptmediator werden kann. Die Eisenbahnen Deutschlands ebenso wie der eigene Garten, das eigene Longboard oder der private Twitteraccount.

Alle Hauptmediatoren des eigenen Lebens haben ein riesiges Potential das eigene Leben zu bereichern, denn sie binden weitere Mediatoren an sich, zu der wir gehören. Die andauernde Beschäftigung mit dem Hauptmediatoren, gestaltet nachhaltig die eigene Realität, das eigene Hier und Jetzt, in dem wir leben. Die Agency oder Handlungsmacht, über die diese Mediatoren verfügen, kann man sich kaum entziehen und auch dann nur, wenn man einen anderen Mediator für wichtiger erklärt.

Es scheint, wenn man hier eine gewisse Unmöglichkeit sich dessen zu widersetzen annimmt, geboten, doch selbst bewusste Entscheidungen für oder gegen bestimmte Mediatoren zu fällen, d.h. selbst gestalterisch in die einen stets umgebende Mediatorenlandschaft einzugreifen und sich vielleicht, wenn man schon eine gewisse Tendenz zu einem Mediatoren hat, warum dann nicht nur die Handlungsmacht dieses Mediatoren über einen selbst und seine Umgebung über sich ergehen lassen, sondern diesen Effekt andersherum auch zu optimieren suchen?

Als Historiker, der sich insbesondere für die Neuzeit interessiert, interessiere ich mich für Bücher und die Galaxis in der diese Bücher einst existierten. Das geschriebene und gedruckte Wort war das ein und alles. Auch heute kann man Bücher lesen und man wird sie grundsätzlich in ähnlicher Weise verwenden, wie man sie damals verwendete. Aber doch besteht ein Unterschied, wie mir scheint.

Es gibt Leute, die Musik nicht nur hören, sondern die in ihr regelrecht leben. Bis zu einem gewissen Grad haben wir das alle durch und doch kennen wir den Unterschied vermutlich alle: Es gibt sie, die jedes Punkalbum kennen, die dazu passenden Klamotten tragen, zu jedem Gig gehen, selbst in Bands spielen und in den richtigen Bars die richtigen Leute kennen. Es gibt sie, die jedes Wochenende ins Berghain gehen, die alle DJs kennen, die ständig auf MDMA zu sein scheinen, usw. Es gibt sie, die Kirchenleute, Jogger, die Cosplayer.

Es wäre billig zu behaupten, dass all diese Leute lediglich Punker, Raver, usw. „spielten“, dass sie ihre Identität lediglich vortäuschten. Das mag es auch geben, aber allein der Umstand, dass es ein Hochstapler-Syndrom gibt, spricht dafür, dass zumindest der Wunsch besteht, die eigene Identität mit etwas Echtem, mit Authentizität, beschweren. Was also tatsächlich geschieht ist eben das: Man bindet sich an Mediatoren, die der Realität entsprechen, die durch den Leitmediatoren mitkonstruiert wird, bis der Grad der Realität hoch genug ist, um Authentizität zu verströmen.

Ich halte viel von diesem Konzept. Selbst wenn ich selbst keine Comics lese, keine Youtube-Videos mache, so lese ich doch als Historiker Bücher. Dieses „lesen als Historiker“, ist das Eingangstor in eine spezifische Realität, deren höchster Verwirklichungsgrad nicht nur durch den Hauptmediator „Buch“ selbst hergestellt werden kann.

Es scheint also sinnvoll sich in bewusster Weise auf die an einem zupfenden und zerrenden Mediatoren einzulassen und nicht nur das: Ihnen durch kreative Mitkonstruktion dabei zu Helfen eine tiefgehende lokale Realität zu entfalten.

Posted in: Irrfahrt

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