Stimulanzökonomie und Ideologie

By openmedi on 20. Dezember 2015 — 3 mins read

Glücklicherweise haben wir die Möglichkeit uns Repräsentationen zu schaffen, mit denen wir mit so vielen Wesen in Verbindung stehen können, wie wir uns vorstellen können. Hier in meinem kleinen Raum, die Tasche für Berlin halb gepackt, ist die Welt nicht trotzdem, sondern gerade wegen der Möglichkeit der Artikulation so nah. Ich schreibe ins Internet, schreibe an meine Freundin, wir senden uns kleine Schnappschüsse und nutzen die Internettelefonie, mit der wir unsere Beziehung auch über viele Kilometer über ein ganzes Mehr hinweg, zumindest rudimentär funktionieren lassen können. Sicher, die Technologie erlaubt es noch nicht in ausreichendem Maße die Körperlichkeit einer solchen Beziehung fühlbar zu machen und es stellen sich auch Fragen der Unmittelbarkeit.

Aber ich bin nicht zurückgeworfen auf mich allein. Viel mehr ist es eine Frage der Auswahl der Repräsentationen, die mein Leben beeinflussen, die mich das fühlen lassen, was ich jetzt fühle. Und ich fühle selbst inmitten dieser Auswahl eine erschöpfte Melancholie. Ich fühle, dass es eine Zeit zwischen der Einsicht in die Notwendigkeit der realitätsstiftenden Ebene von Mediatoren und Intermediären und naiver Gläubigkeit, dass alles mit allem verbunden sei gab. Und diese Zeit zeichnete sich durch die verhältnismäßig einfache Narrativität aus. Sie war eine Zeit, in der die Welt ganz an mich gebunden war, in der ich und nur ich die Sache richtig machen konnte. Das heißt es gab einen Weg. Heute kann ich sehen, dass auch dieser Weg nur einer unter vielen war und überhaupt erstmal gemacht werden muss.

Die Realität ist ein Feld voller Potentialitäten, aber sie ist nicht kompliziert. Alles was immer zählt ist das unmittelbare, weil wir mit nichts anderem korrespondieren können. Alles wichtige zum Weitermachen steht immer auf der nächsten Seite des nächsten Textes. Es ergibt sich aber auch durch jede beliebige nächste Handlung. Durch jeden beliebigen nächsten Gegenstand, den du affizierst. Durch den nächsten Menschen mit dem du sprichst. Das einzige schwerwiegende Problem ist nur, diese relationale Freiheit auszuhalten. Gibt es ein besseres Wort für dieses Bemühen es auszuhalten als “Ideologie”?

Und möglicherweise ist dem Wort Ideologie insofern also zu danken, als dass es die ganze Unnötigkeit der eigenen Rekonfiguration auf irgendein Ziel hin, dass man selbst gar nicht wirklich kennt, unter eine temporär wertvolle Idee zu stellen scheint. Und so wird Geschichte gemacht. So wird Theorie und Politik gemacht. So wird Realität produziert.

Der Unterschied zwischen einer guten und einer schlechten Angewohnheit ist nur, wenn wir vergessen, dass wir etwas tun, um ein Ziel zu haben. Und de Auswahl und Beschränkung unserer Teilnahme direkt vor unserer Nase anfängt. Je undurchsichtiger uns das ist, was direkt mit uns korrespondiert, desto unmöglicher wird, was man klassischerweise vernünftiges Handeln nennen könnte: Ein Handeln, dass einem Ethos, d.h. einem bestimmten, extrinsischen Wahnsinn folgt. Um diesem Toxikum, dieser Droge, die das Leben, überhaupt lebenswert macht, aber der Möglichkeit zur Vergiftung der eigenen Person zu geben, lohnt es sich, die Wahrscheinlichkeit der Möglichkeit für die Vergiftung zu erhöhen.

Es lohnt sich die Anzahl der Repräsentationen zu begrenzen, weil auf diese Weise Mangelerscheinungen und Ersatzhandlungen den Wuchs des uns umgebenden Netzes beeinflussen. Das heißt: Jede Plattform, jeder Mediator, dem man sich aussetzt verringert die Möglichkeit von Beruhigung durch den simplen Umstand, dass Ideologie in naturwüchsigen Netzen zu Nichte gemacht wird und damit der oben erwähnten Unnötigkeit der eigenen Auswahl der Vortritt gelassen wird. Was man jedoch will, ist die bestimmte, d.h. kultivierte Organisation der einen umgebenden Akteuren mit dem Ziel Emergenz im Sinne einer bestimmten Idee zu erzeugen, die dann wiederum aushaltbare Lebenswirklichkeit generiert.

Es ist ein Spiel mit den Knöpfen des täglichen Konsums auf allen Ebenen. Diese Stimulanzökonomie hat direkte Auswirkungen auf die Art unseres Handelns und die Art von Realität, die wir produzieren, d.h. artikulieren können.

Posted in: Irrfahrt

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