Über die Wichtigkeit und Unwichtigkeit des richtigen Begriffs in der Wissenschaftsgeschichte

By openmedi on 7. Dezember 2016 — 9 mins read

Es handelt sich hierbei lediglich um erste Gedanken zum Thema, denen insbesondere eine gründliche Lektüre der einschlägigen Literatur fehlt. Klar, als Wissenschaftshistoriker in spe habe ich auch ein paar wissenschaftsphilosophische und sprachphilosophische Dinge gelesen, aber ich will nicht, wie man das aus so manchem postmodernen Diskurs (oder jedenfalls im Lerndiskurs über die Erkundung solcher Diskurse öfter beobachten kann), mehr behaupten zu wissen, als ich weiß und im Zweifel nachweisen oder erklären kann. Insgesamt ist mir deshalb nicht klar, wie meine eigenen Überlegungen sich zu etablierten Schulen und Ideen des Denkens über die Funktion und Struktur von Sprache im Verhältnis zur Wahrnehmung von Realität verhalten. In gewisser Weise könnte diese Präambel vor jedem meiner Blogposts stehen.

Es scheint eine der häufigsten Diskussionen zu sein, die man in akademischen Gesprächen hören und lesen kann: Die Frage danach, ob ein jeweiliger Begriff das zu Beschreibende genau (genug) trifft: Kann man es nicht auch noch besser ausdrücken? Ist der Begriff von seiner Etymologie her überhaupt geeignet das hier zu Beschreibende Phänomen zu fassen, oder nicht?

Die bemerkenswerte Hartnäckigkeit, mit der um solche Worte gestritten wird, hat mich immer erstaunt. Diskussionen dieser Art scheinen mir ihren Ursprung in ein paar Voraussetzungen zu haben, von denen mir einige mehr und andere weniger stichhaltig vorkommen, die es aber, bevor man sie weiter analysieren kann, zunächst grob zu skizzieren gilt.

Eine dieser Voraussetzungen ist, dass Bezeichnungen einen Unterschied machen. Soll heißen: Es kommt darauf an, dass man zu einer Ampel eben Ampel sagt und nicht Lichtsystem. Beide Worte sind als Bezeichner für das Ding, welches es zu bezeichnen gilt möglich, aber Ampel ist geeigneter, weil man gemeinhin Ampel zu Ampeln sagt und ein Lichtsystem vieles sein kann. Das heißt, es wird ein Unterschied gesehen, der sich durch Benutzung und Überlieferung ergibt. Denn schon viele Leute vor uns haben der Ampel den Namen Ampel gegeben und es handelt sich dementsprechend um die eindeutigere Bezeichnung. Die Bezeichnung macht also einen Unterschied und ist deshalb besser geeignet, weil sie leichter zu verstehen und außerdem spezifischer als Lichtsystem ist.

Eine weitere Voraussetzung für das Beharren auf richtigen Begriffen, ist die Möglichkeit der Unterscheidung von richtigen und falschen Begriffen. Eine Ampel ist eine Ampel und kein Haifisch, denn das Wort Haifisch bezeichnet etwas ganz anderes und impliziert damit etwas, was überhaupt nicht dem Ding zugeordnet werden sollte. Es verwirrt also als Bezeichnung nur und ist daher ein falscher Begriff, denn ein Haifisch bezeichnet einen Haifisch und keine Ampel.

Bei noch zu bildenden Begriffen, kommt außerdem hinzu, dass man befürchtet, mit einem schlechten Wort für die Entität blockiert zu sein. Da Worte immer Assoziationen auslösen, kann es die Fantasie mitunter in die falsche Richtung leiten und den Prozess des Verstehens negativ beeinflussen. Ein Beispiel, welches ich selbst letzte Woche in einem Forschungskolloquium hörte: Nach dem Zweiten Weltkrieg fand man eine Reihe von Spuren auf Nebelkammerfotografien, die keinem bisher bekannten Teilchen in der Teilchenphysik zugeordnet werden konnten. Man nannte diese hypothetischen Teilchen unter anderem τ-Mesone (Tau-Mesone). Ein Meson ist dabei ein instabiles subatomares Teilchen, wobei die Besonderheit darin besteht, dass es sich von der Masse her zwischen einem Elektron und einem Protron einordnet. Dies verwirrte für eine Weile die Diskussion um die Beschreibung und Einordnung dieser τ-Mesone. Denn wie sich herausstellte, fielen die unter diesem Namen zusammengefassten Teilchen massemäßig nicht alle zwischen Elektron und Protron, wie man es von einem Meson eigentlich erwarten würde.1 Für Wissenschaftshistoriker_innen heißt das: Wenn das Feld welches ich zu beschreiben versuche solche Probleme in sich trägt, dann müssen auch die Artikulationen über dieses Feld dieses Problem sichtbar machen können, da es signifikant zu sein scheint.

In all diesen Fällen und ich bin mir sicher, dass sich noch weitere finden ließen, scheint mir der richtige Begriff immer im Verhältnis zu irgendeiner, wie auch immer definierten Gesamtheit von Akteuren – Gesellschaft, Diskurs, das gesamte Feld der Wissenschaftsforschung, Tradition, etc. -, bestimmt werden zu müssen. Erst wenn der Begriff in diesem größeren Zusammenhang haltbar ist, kann er verwendet werden. Meiner Meinung nach führt diese Situation erstens zu Scheindiskussionen über einen Begriff dessen Haltbarkeit und Nützlichkeit sich in einem viel größeren Rahmen beweisen muss, als sein eigener Gültigkeitsbereich berührt und zweitens bleiben die Qualitätskriterien für einen Begriff, der eine lokale Nützlichkeit besitzt im Dunkeln.

Ein weiteres Beispiel, diesmal aus der Programmierung: Ich wiederhole gerade mit dem Free Code Camp, einer Seite, bei der man sich online im Selbststudium und kostenlos die Anfänge der Programmierung beibringen kann, was ich einst in einem vorhergehenden Studium gelernt habe. Das ganze funktioniert durch das Lösen von interaktiven Programmieraufgaben, die durch eine Reihe von Tests durchgeprüft werden. Beispielsweise könnte die Aufgabe darin bestehen, ein Programm zu schreiben, welches die ROT13-Verschlüsselung dekodieren kann. Zur Entschlüsselung ist nichts weiter zu tun, als alle Buchstaben um 13 Stellen nach vorne zu verschieben. Aus ‚A‘ wird also ‚N‘ und ‚B‘ wird zu ‚O‘, etc. Für die Programmierung unerlässlich ist die Zuweisung von Werten zu Variablen. So könnten wir den Satz, den es zu entschlüsseln gilt – sagen wir „Qnf Orvfcvry vfg mh xbzcyvmvreg.“, z.B. der Variable ’satz‘ zuordnen. Wir könnten dann anschließend jeden einzelnen Buchstaben aus dem zu übersetzenden Satz, der sich nun in der Variable ’satz‘ befindet extrahieren, um 13 stellen verschieben und erhielten anschließend das decodierte Ergebnis. Ich will das hier nicht im Einzelnen durchexerzieren, denn der entscheidende Zusammenhang ist schon mit der Variablenzuweisung gegeben: So ist leicht ersichtlich, dass Bezeichnung und Inhalt der Variable zwar in einem Verhältnis stehen und dass es wohl sinnvoller ist, dass man eine Variable, die den verschlüsselten Satz enthält vielleicht ’numberwang‘ nennt, aber im Prinzip spielt das keine Rolle. Ob der Name der Variable nun ’satz‘ ist, oder ’s‘, ‚toDecode‘, ’sentence‘ oder sonst irgendetwas anderes, spielt für das korrekte Ausführen des Codes keine Rolle. Es gibt nun auch in der Programmierung nicht gerade wenig Regeln und Richtlinien, wie man seinen Code am besten zu gestalten – und seine Variablen zu benennen – hat, denn viel Software ist wie der wissenschaftshistorische Diskurs eine Angelegenheit von Gruppen. Dementsprechend können gute Variablen z.B. die Lesbarkeit des Codes verbessern, in dem sie zusätzliche Informationen liefern, die andernfalls in Kommentare geschrieben werden müsste. Auch hier wird übrigens implizit auf eine Gesamtheit von Akteuren Bezug genommen. Aber klar ist auch, dass im hier gegebenen Beispiel, in dem es lediglich um die Lösung einer Programmieraufgabe geht, die nicht einmal von Menschen getestet wird, es auf eine Variablenbenennung nach einer Namenskonvention nicht ankommt. Und weiters: Es kommt nur sehr selten auf die Einhaltung von Namenskonventionen an, weil wir es nur im seltensten Fall mit einem Verhältnis des Begriffs zu einer wie auch immer definierten Gesamtheit aller Akteure zu tun bekommen.

In Bezug auf die Wissenschaftsgeschichte kann man z.B. für Diskussionen im Seminar festhalten, dass Namen für zu analysierende Phänomene nur im Rahmen des Seminars, d.h. nur lokal funktionieren müssen. Über die Richtigkeit des Namens kann man sich dann später unterhalten, wenn man z.B. seine Forschungsergebnisse publiziert und sie deshalb eine gewisse Festigkeit, die man immer über Normalisierung erreicht, erhalten müssen. Wenn also das zu Sagende die Sphäre der Gesprächs- oder Diskussionssituation verlässt und transportabel wird, dann wird es sinnvoller die eignen Begrifflichkeiten auf ein universelleres Verständnis hin zu befragen. Aber selbst hier ist eine übermäßige Beschäftigung mit Begriffen konterproduktiv, weil die Aufgabe der Historiker_innen in erster Linie darin besteht miteinander in irgendeiner Weise in Verbindung stehende Quellen in Erzählbarkeit zu überführen und Begriffe stets nur Hilfsmittel sind um auf einer abstrakten Ebene zu dieser Erzählbarkeit beizutragen. Bezugspunkt ist also in erster Linie die Quelle und nicht das Beschreibungsvokabular und in der Frage, wie denn die Form eines Quellenkorpus am besten zu artikulieren sei, kann die Antwort nicht lauten: „So, dass dies den Begriffen gerecht wird.“

Selbst für das, was Wissenschaftshistoriker_innen zu beschreiben versuchen, ist die Annahme der Vorfristigkeit, des temporären Zustands, der zu erwartenden Weiterentwicklung eine viel fruchtbarere Haltung, als die Abwägung aller Begriffe im Angesicht eines bestehenden historischen Narrativs oder bereits bestehender Erklärmuster. Insbesondere in der Wissenschaftsgeschichte (aber auch für die Philosophiegeschichte würde ich das behaupten wollten), trügt die Unterscheidung von richtig und falsch gewaltig und informiert uns mehr über unseren heutigen Status Quo als über die Entwicklungen in der Vergangenheit. Wenn z.B. die Alchemie von Newton und die Astrologie von Kepler ebenso betrieben wurde wie die Physik bzw. die Astronomie, dann wäre eine Unterscheidung zwischen richtigen Wissenschaften und Pseudowissenschaften eine anachronistische und zutiefst asymmetrische Unterscheidung. Die Geschichte der Wissenschaften beschäftigt sich ja nun mal der Geschichte der Wissenschaften, d.h. den Veränderungen des Status Quo dieser Sphäre über die Zeit und nicht damit, welche Teile damaliger Wissenschaft auch noch heute als solche gelten (auch wenn das natürlich ein Teilbereich ist, der selbst aber auch wiederum die Veränderung des Status Quo der Wissenschaften, in diesem Fall als Definitionen für ein Tun in den Blick nehmen; nur so rum wird ein Schuh draus). Man muss also das jeweilige Hier und Jetzt unabhängig von der richtig/falsch-Differenz beschreiben lernen und ihre innere Situation zu erfassen suchen (soweit dies durch irgendwie im Zusammenhang stehende Quellen möglich ist).2 Die Wissenschaft ist insbesondere auf der Seite ihrer Praxis, d.h. bevor es zur Normalisierung im Rahmen von Publikationen kommt, voll von Begrifflichkeiten, die fließend sind, deren Status höchst unklar und deren Nützlichkeit nur lokal nachzuweisen ist.

Insgesamt ist es also für mich erstaunlich, dass ein historisches Fach, dass sich in den letzten 40 Jahren insbesondere für die Praxis der Wissenschaften interessiert hat, sich in seiner eigenen Praxis nur ungern mit der Unwichtigkeit des richtigen Begriffs auseinandersetzte.3 Begriffe sind zunächst nichts weiter als lokale Bezeichner für temporär nützliche Abstraktionen, deren Gültigkeitsbereich sich nur in den seltensten Fällen mit einer wie auch immer definierten Gesamtheit signifikanter Akteure deckt. Nicht mehr und nicht weniger.


  1. Wer hierzu mehr wissen will, sollte sich an Arianna Borrelli wenden, die genau zu diesem Thema forscht und im Gegensatz zu mir einen wirklichen Einblick in die Welt der Teilchenphysik hat. Ich bedanke mich aber für dieses wissenschaftshistorische Beispiel, da mir selbst leider keines einfallen wollte. 
  2. Man mag diese Beschreibung der Situation bei Gelingen als „richtige Beschreibung“ auffassen. Es sollte aber klar sein, dass diese „richtige Beschreibung“ nur eine für das aktuelle Hier und Jetzt sein kann, denn schon morgen könnten neue Quellen gefunden werden. 
  3. Dieser Eindruck entsteht hier in Berlin, als Masterstudent der Wissenschaftsgeschichte der TU und ist nur bedingt zu verallgemeinern. Meine Intuition sagt mir jedoch, dass es sich hierbei um ein weitaus verbreiteteres Problem handelt, welches vielleicht auf ein Grundproblem der akademischen Lehre hinweist. Nämlich scheint es mir so, dass die Beliebigkeit von Begriffen sich erst mühsam gegen ein eher essenzialistisches Verständnis der Bezogenheit von Bezeichnetem und Bezeichner durchsetzen muss. 
Posted in: Essay

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