Zettel 643: Ideelle Kontingenz

By openmedi on 27. Juni 2016 — 1 min read

(Auf Twitter wurde der Vorschlag gemacht, dass Leute, die sich für so etwas interessieren, sich doch zukünftig Zettel zuspielen könnten, mit denen andere wiederum anfangen können, was sie wollen. Es wurde angeregt, das ganze simpel über Twitter zu organisieren und längere Gedanken bei Twitlonger abzulegen. Ich hoste meinen Kram dann doch lieber selbst. Die Kategorie „Zettel“ dient der Veröffentlichung ausgewählter Zettel aus meinem Zettelkasten.)

  • \@openmedi: „Vorhersagbarkeit und Nachvollziehbarkeit sind zwei verschiedene Dinge.“ (q)
  • \@kusanowsky: „@openmedi sind auch Katzenbabies und Fünfganggetriebe zwei verschiedene Dinge?“ (q)

  • „mir erscheint nichts gleich. alles ist anders. und ALLES IST KONTINGENT @sozialwelten (so?)“ (q)

„Niklas Luhmann definierte den Begriff wie folgt: „Kontingenz ist etwas, was weder notwendig ist noch unmöglich ist; was also so, wie es ist (war, sein wird), sein kann, aber auch anders möglich ist. Der Begriff bezeichnet mithin Gegebenes (zu Erfahrendes, Erwartetes, Gedachtes, Phantasiertes) im Hinblick auf mögliches Anderssein; er bezeichnet Gegenstände im Horizont möglicher Abwandlungen.““ (q)

Ist das ein Blindfleck der #kzuMafia? Dass die Luhmann’sche Kontingenz noch gar nichts über den Status Quo sagt, d.h. über die gemachten und Realität produzierenden Zustände? Es ist billig zu argumentieren, dass es auch anders sein könnte, wenn man dabei die Arbeit vergisst, die gemacht wird, um diesen ideellen Zustand, dass es auch immer anders sein könnte, zu vermeiden. Die Stabilität bestimmter Unterscheidungen nicht ernst zu nehmen, riskiert einerseits die Unterschätzung geschaffener begrifflicher wie instrumenteller Infrastruktur (, die man, wenn es einem gerade in den Kram passt, selbst nutzt…) und andererseits den Vorwurf der Vortäuschung falscher Tatsachen. Mit der Ausschaltung der Plausibilität, durch die Behauptung einer ideellen Kontingenz, schafft man die Möglichkeit etwas anderes zu behaupten, aber es kann im Hinblick auf die Beschreibung, auch auf eine neue Beschreibung, eigentlich nur zu Verzerrungen führen, weil man die Arbeit unterschätzt, die zur Erzeugung von Ähnlichkeit gemacht wird.

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  • Die Vorhersagbarkeit ist sicherlich auf den ersten Blick das interessantere, rigidere Kriterium, Notwendigkeit zu definieren. Nachvollzug bzw. Erklärbarkeit im Nachhinein müsste z.B. erst mit Ansprüchen an die Erklärung versehen werden, ferner vllt auch mit Ansprüchen an die Verallgemeinerbarkeit. Da wäre eine ganze Skala möglich, von sehr harten Anforderungen, wie sie die Naturwissenschaft kennt, bis zu weichen Anforderungen á la „Verständlichkeit“ oder „für jedermann plausibel“. Die Begriffe notwendig, unmöglich und kontingent bilden ein Triumvirat, wobei das „unmöglich“ überflüssig ist, weil unmöglich im Rahmen des sich Abquälens mit dem Eindeutigen nur ein verneintes Notwendiges darstellt, das notwendig Nicht-Bestehende: „Er schoss den Ball bis zum Mond“ ist notwendig unmöglich. Kann man „möglich“ also einfach streichen, dann bleiben notwendig und kontingent übrig, wobei „kontingent“ eine zweite Negationsform des Notwendigen ist, das schlicht Nicht-Notwendige: „Er schoss den Ball ins Aus statt ins Tor.“ Damit ist das Quellwort des Ganzen nur 1 Wort: notwendig. Der Wissenschaftsgeschichtler könnte daran Interesse haben, denn irgendwann in den 50er/60er Jahren machte das Denken in logischen Notwendigkeiten Karriere, nachdem die Physik den anderen Sciences einen neuen Standard vorgeführt hatte, nämlich die mathematisch-logische Vorhersagbarkeit. In Frankfurt nannte man das „das szientistische Selbstmissverständnis“ diverser geisteswissenschaftlich-analytischer Fächer. Zuerst schmiss sich ein Abteil der Gesellschaftslehre auf die Notwendigkeit, nämlich die Ökonomen (Chicago-Boys). Die ließen danach für Jahrzehnte nur noch gelten, was sich mathematisch formulieren und mit „konkreten“ (hahaha) Zahlen befüllen ließ. Inzwischen ist dieses 60er-Jahre-Denken bei den Ökonomen in der Krise – zumindest dass man einsieht, dass es neben dem Mathematisieren noch andere Rubriken des Erklärens gibt, die – obwohl definitiv nicht notwendig – vom Standpunkt der Vorhersagbarkeit die besseren Ergebnisse liefern. Was’n Wunder! Und ein ziemliches Problem, wenn man sich immer noch mit dem Begriffspaar „notwendig“/“nicht-notwendig“ herumquält.
    Es hängt doch sehr daran, wie dieses ominöse „notwendig“ definiert wird. Wenn ich die Definition mathematisch-logisch anlege, ist die Endstation Physik bzw. ein physikhafter Anspruch an die Verwendung von „notwendig“. Dann lande ich entweder bei „alles ist vorherbestimmt, wir können es nur nicht erkennen“ oder bei „(fast) alles ist kontingent“. Dieser Begriff von Notwendigkeit ist aber selbst nicht notwendig, wenn ich über die Vorhersagbarkeit gehe. Es gibt ja auch recht erfolgreiche Formen der Vorhersagbarkeit per Wahrscheinlichkeit, in Bezug auf subjektive Gründe u.a.m. Alles kontingent? Dann erst einmal definieren, was denn als notwendig gelten soll. Der Begriff ist nur scheinbar klar. „Vorhersagbarkeit“ reicht nicht. Eine Definition in Analogie zu den Notwendigkeiten in der Physik halte ich, wie angedeutet, für 60er Jahre Denken und für historisch obsolet, sofern sämtliche gesellschaftlichen Bereiche oder geisteswissenschaftlichen Fragen nur dann als „erklärt“ gelten sollen, als diese Erklärungen physikhaft designt sind.
    (Hilft das???)

    • Vielen Dank für deinen Kommentar.

      Die Struktur deines Kommentars:

      – Definition von Notwendigkeit entweder über Vorhersagbarkeit oder über Nachvollziehbarkeit
      – Vorhersagbarkeit rigideres Kriterium um Notwendigkeit zu definieren
      – Nachvollziehbarkeit erfordert Ansprüche an die Erklärung und Verallgemeinerbarkeit
      – Begriffe „notwendig“, „unmöglich“, „kontingent“ bilden Triumvirat
      – unmöglich überflüssig, weil verneintes Notwendiges (= darin bereits enthalten): notwendig unmöglich
      – kontingent überflüssig, weil zweite Negationsform von notwendig: nicht notwendig
      – Quellwort: notwendig
      – Notwendig und seine Wissenschaftsgeschichte:
      – in den 50er/60er Jahren machte Denken in logischen Notwendigkeiten Karriere; infolge der von der Physik ausgehenden mathematisch-logischen Vorhersagbarkeit
      – in Frankfurt nannte man diesen Punkt: „das szientistische Selbstmissverständnis“ div. gesteswissenschaftlich-analytischer Fächer (also vermutlich ist hier die Übertragung des mathematisch-logischen Vorhersagbarkeitskriteriums auf die Humanities, die sich im Anschluss daran für objektiv hielten)
      – Ökonomie und Gesellschaftslehre: Chicago-Boys; es galt nur noch was in „konkreten Zahlen“ formulierbar war
      – alle vorhergehenden Punkte dieses Abschnitts: 60er-Jahre-Denken
      – Dieses Denken in der Krise, oder zumindest wird eingesehen, dass es neben dem mathematisieren auch noch andere Erklärungen gibt, die auf die Vorhersagbarkeit bezogen bessere Ergebnisse liefern
      – Wenn man sich dann heute immer noch mit notwendig/nicht notwendig rumquält, ist das problematisch
      – die Definition von Notwendigkeit, davon hängt alles ab
      – mache ich es mathematisch-logisch, dann Anspruch wie in der Physik, mit der Ergebnis: alles ist vorbestimmt, aber für uns nicht erkennbar oder alles ist kontingent
      – Der mathematisch-logische Begriff von Notwendigkeit ist selber nicht notwendig, denn es geht ja auch über Vorhersagbarkeit: als Vorhersagbarkeit per Wahrscheinlichkeit bezüglich subjektiver Gründe (= Akteursbezogene Handlungswahrscheinlichkeit, die sich aus der Umwelt (und der Psyche?) des Akteurs ergibt?)
      – Alles kontingent?
      – abhängig von: Was gilt denn alles als notwendig?
      – Das Kriterium „Vorhersagbarkeit“ reicht nicht, weil auch dieser Begriff definiert werden muss
      – Wenn Vorhersagbarkeit dann mathematisch-logisch definiert wird: obsolete 60er-Jahre-Denke (= veraltet)
      – dieser letzte Punkt aber nur unter der Voraussetzung, dass das Kriterium der Erklärung nur dann als erfüllt gelten kann, wenn die Erklärungen „physikhaft“ designt sind.

    • Ja, man wird über kurz oder Lang um begriffliche Klärungen nicht herumkommen. Wenn alles kontingent ist, dann hängt diese Aussage mit dem Begriff der Notwendigkeit zusammen und diese, sofern sie auf Vorhersagbarkeit rekuriert, wiederum mit der Definition von Vorhersagbarkeit. Mit dem letzten Schritt, nämlich dass, sobald sich ein mathematisch-logisches Vorhersagbarkeitsverständnis, ergibt, wir es mit veraltetem Denken zu tun haben, kann ich aber nur unter Voraussetzung mitgehen, dass dies – wahrscheinlich – von einigen so gesehen wird, von anderen aber nicht und somit selbst nicht notwendigerweise „objektiv“ oder „absolut“ oder sonstwie unantastbar gilt.

      Das wiederum bedeutet nun zweierlei: Einerseits heißt das, dass die begriffliche Kette und die Deffinition der einzelnen Glieder in einem Möglichkeitsraum stattfindet. Dieser Möglichkeitsraum lässt sich von außen und von innen betrachten: Von außen hängt seine Definition notwendig von den gegebenen Definitionen ab und ist damit notwendig so oder so strukturiert. Man könnte auch sagen: Es ist notwendig für den Raum so auszusehen, wie es notwendig ist, dass die Regeln so sind. Notwendigkeit ist das wichtigste Kriterium. Andererseits findet man innerhalb des Raumes eine Situation vor, die viele verschiedene Situationen annehmen kann und in denen keine der Situationen als einzig notwendig definiert werden kann. Oder als Metapher: Das Schachspiel hat Regeln, die das Spiel definieren, jede Partie, jede Spielsituation, ist aber keinesfalls die einzigmögliche und deshalb eben nicht notwendig.

      Ob man also von außen oder von innen auf das Problem guckt, es ändert sich jeweils das Apriori oder die Reihenfolge, in der die begrifflichen Abhängigkeiten wirken. In einem nächsten Schritt kann man sich nun ein Forschungsprogramm vorstellen, in dem man davon ausgeht, dass man sich immer schon in der Partie befindet und die Regeln des Spiels immer schon definiert sind. Daraus ergibt sich, dass man guten Gewissens alles als kontingent bezeichnen kann, weil vor diesem Hingergrund alle eh immer das gleiche Spiel spielen und nicht nur das: Sie spielen auch immer die gleiche Partie weiter. Man kann unter diesen Annahmen Voraussetzungen erarbeiten, die dann soetwas wie Spielregeln sind. Sind die Spielregeln – etwas des modernen Wissenschaftsbetriebs – unter den zuvor gemachten – aber zutiefst kontingenten – Unterscheidungen erst einmal herausgearbeitet, dann kann man versuchen, absichtlich gegen diese Spielregeln zu verstoßen: Man kann die Kommunikation verweigern, man kann den Begriff der Plausibilität ablehnen, usw. All dies geschieht als Folge der Erarbeitung der Spielregeln, die selbst in Bezug auf den Möglichkeitsraum, der durch sie aufgespannt wird, nicht mehr kontingent sind.

      Das heißt, es lassen sich mit einer gewissen Wahrscheinlichkeit aus jeder beliebigen Auswahl innerhalb des Möglichkeitsraumes dieselben Spielregeln extrahieren und es kommt zu einer Art Erklärungskonvergenz, denn all die gemachten Auswahlen stammen notwendig aus dem gleichen Möglichkeitsraum, d.h. in unserem Falle: die Moderne (Gesellschaft).

      Kurz: Ganz egal wie wir konkret differenzieren, die Regeln ändern sich erst, wenn wir den Regeln nicht mehr folgen. Das ist, was die #kzuMafia versucht.

      Dieser Beitrag hier versucht nun die stille Voraussetzung dieses Denkens, nämlich, dass das grundsäzliche Vorhandensein einer gewissen Wahrscheinlichkeit für bestimmte Auswahlen schon dazu berechtigt alle Auswahlen als gleichberechtigt anzusehen, zu explizieren. Der Möglichkeitsraum selbst ist nämlich nicht glatt, sondern strukturiert. Denn jeder Möglichkeitsraum enthält selbst wiederum Möglichkeitsräume. Das aber wiederum bedeutet, dass die Missachtung der Spielregeln u.U. nicht zum gewünschten Erfolg führt, weil der Möglichkeitsraum nicht gründlich genug untersucht worden ist – und dementsprechend die inferierten Spielregeln gar nicht die Spielregeln sind. Darauf läuft auch meine Kritik im Beitrag [„Kommunikation zwischen Unbekannten“](openmedi.de/kommunikation-zwischen-unbekannten/) hinaus. Wichtiger aber noch als meine Kritik, die es ja selbst gar nicht besser wissen kann, ist aber meine Forderung einer Agnostik gegenüber der Möglichkeit, dass dem zumindest so sein könnte.

      Wahrscheinlichkeiten ändern sich mit jeder besseren Beschreibung. Für mich als Historiker ist das auch der interessantere Teil: Anstatt also das nächste Fliegenglas zu entwerfen, interessiert mich die normalisierende Beschreibung dieser gesamten Entwicklung. Die Moderne und ihre Spielregeln zu erforschen erfordert aber von mir als Wissenschaftshistoriker eben genau diese Agnostik. Insofern nehme ich deinen Hinweis auf die, möglicherweise, in dem KZU-Derivat der Systemtheorie wirksamen mathematisch-logische Tradition des Notwendigkeitsbegriffs, gerne auf.

      P.S.: Es sollte klar sein, dass man auch für die #kzuMafia so etwas wie Spielregeln inferieren kann und das hast du ja versucht – wenn der Möglichkeitsraum der Moderne, ein Möglichkeitsraum von Möglichkeitsräumen ist, dann haben diese Unterräume jeweils eigene Spielregeln (Voraussetzung). Mein Hinweis auf die gebotene Agnostik im Hinblick auf inferierte Spielregeln bleibt aber bestehen. Die Wahrscheinlichkeiten innerhalb des Möglichkeitsraumes verschieben sich erst durch gründlichere Beschreibung.

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