Zur Parallelisierung von Soziologie und Geschichte

By openmedi on 17. Januar 2016 — 1 min read

Die Geschichte ist eine Wissenschaft der Zeit. Sie versucht Signifikanzen innerhalb der Zeit aufzuzeigen. Was nun aber, wenn wir Zeit als Aktant definieren? Zeit wird dann selbst konstruiert und zwar in Abhängigkeit von Akteur-Netzwerken, die Zeit selbst nicht messen, sondern ganz im Sinne der ANT produzieren. Die eindeutigsten Beispiele dafür wären sicherlich Uhren. Ein anderes wäre Musik. Ein drittes wäre das eigene Herz. All diese Zeiten können sich überlagern und gemeinsam wirken. Bei hohem Akteurs-Aufkommen ist daher eine hohe Signifikanz sehr wahrscheinlich.

Bezogen auf die Geschichte stellt sich dann aber die Frage, was sie noch von der Soziologie unterscheidet.1 Ist die Zeit als Aktant beschrieben, ergibt sich notwendig eine Synchronisierung der Forschungsprogramme Soziologie und Geschichte. Während die (theoretische) Soziologie mit einigem Unrecht als Produktionsstätte aus der Zeit gefallener Modelle von Gesellschaft gelten kann, war es der Geschichte vorbehalten Narrative entlang der unhintergehbaren, unumkehrbaren Zeit zu finden, die Signifikanzen auf die eine oder andere Art und Weise zum Ausdruck brachten.

Dementsprechend ist die Zeit für die Geschichte das, was für die klassische Soziologie die Gesellschaft ist: Dasjenige, welches es gleichzeitig zu erklären und vorauszusetzen gilt. Diese paradoxe Funktion macht das Forschungsprogramm entgegen aller Wahrscheinlichkeit nach wie vor produktiv. Die sogenannte Sozialgeschichte war allein schon deswegen ein produktives Forschungsprogramm, weil sie sich an beiden Paradoxien gleichzeitig abarbeitete.

In meinem Versuchsaufbau stellt sich die Situation nun aber als aufgelöst dar: Zeit wird lokal und relational produziert. Signifikanzen ergeben sich durch das Zusammenwirken vieler verschiedener Akteure und existiert außerhalb “metrologischer Ketten” (und anderer zeitlicher Assoziationen) schlicht nicht. Zeit ist nicht denkunmöglich, aber die Möglichkeit des Denkens von Zeit hat mit der Assoziationen von Akteuren zu tun, die selbst wiederum nicht Zeit, sondern die Möglichkeit der Realität zur Voraussetzung haben, die sie sich durch gegenseitige Assoziation überhaupt erst produzieren.


  1. Ob diese Frage in diesem Kontext von Bedeutung ist, würde ich jedoch verneinen. Sie kann nur im Hinblick auf die Rekonstruktion anderer Versuchsaufbaue – das ist, was ich kleinere Akteur-Netzwerke nenne – von Bedeutung sein, nicht jedoch für den eigenen, denn eine Essenz von Begrifflichkeiten gibt es nicht. Indexierung von Wissenformationen über einzelne “Begriffsworte”, sind immer nur für die jeweilige Instanz gültig. Und dementsprechend ist die Frage, was denn die Unterscheidung zweier Begriffe nun wirklich ist, hinfällig bis schlicht nicht beantwortbar. 
Posted in: Essay

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