2016-07-05 Nacht

By openmedi on 5. Juli 2016 — 4 mins read

Am Wochenende zum ersten Mal ernstlich Angst gehabt, den Abschluss und damit den Anschluss zu verpassen. Habe es mir schreibend exorziert. Ich kann das alles schaffen. Ich kann.

Diese Woche steht eine Präsentation für mein Seminar in Designgeschichte an und die Klausur fürs Seminar zur “Renaissance der Anderen”. Und irgendwie muss dieser Essay über Benjamin und Latour auch noch fertig werden, spätestens nächste Woche. Es sind stressige Zeiten angebrochen, aber gleichzeitig werde ich nach dieser Woche mit der Klausur auch in messbaren Zahlen (d.h. ECTS) vorangekommen sein. Die Struktur meiner Prüfungsordnung bedeutet nämlich, dass man nicht für jedes abgeschlossene Seminar, sondern meistens für eine Kombination aus verschiedenen Veranstaltungstypen (meistens vier: zwei Vorlesungen, zwei Seminare), die mit einer mündlichen Prüfung abgeschlossen werden, Punkte bekommt. In den meisten meiner Module sind mehr als zwei Drittel aller Veranstaltungen abgeschlossen, aber es fehlt häufig ein Essay, eine Hausarbeit, eine Klausur o.Ä., die Voraussetzung für die mündliche Prüfung ist. In der Folge habe ich lediglich 13 Punkte nachgewiesen. Es ist so frustrierend: Ich weiß, wie unser System funktioniert und weiß, dass ich nach meiner Planung diese Dinge bis Ende September abgeschlossen haben werde – vorausgesetzt man lässt sich mich überall die mündlichen Prüfungen machen, ansonsten könnte sich der Modulabschluss noch ins nächste Semester ziehen, aber ich sollte mit Beginn des nächsten Semesters (im Oktober) so oder so voraussichtlich mindestens 70 Punkte haben, die wiederum Voraussetzung für die Anmeldung der Masterarbeit sind.

Es sollte alles klappen. Und ich sollte dann auch in der Lage sein, die restlichen Punkte bis Februar, d.h. bis meine Finanzierung ausläuft und das Semester endet einzusacken und mein Masterstudium abzuschließen.


Heute dann endlich die Erlösung: die ersten 15 “neuen” ECTS sind da. Das Thema Dänemark ist damit nun endlich abgeschlossen.


Ansonsten umfänglich mit dem was ich der Designgeschichte machen will Zeit verbracht. Viele Worte geschrieben, die im Nachhinein sehr uninteressant sind. Was aber klar wurde: Man muss sich über alle Maßen beschränken, wenn man feste Aussagen über etwas treffen will. Ein Dossier zur gesamten Designgeschichte zu schreiben, erfordert die Auswertung riesiger Textmassen. Die Anzahl der Akteure ist zu groß. Man muss also einschränken und damit den Anspruch relativieren. Man sagt also: Ich schreibe ein Dossier zur deutschen Designgeschichte. Und weiter: Ich schreibe ein Dossier zur Designgeschichte in der BRD. Ich schreibe ein Dossier zur HfG Ulm, die eine wichtige Institution innerhalb der deutschen Designgeschichte darstellt. Usw. Die Einschränkung auf diese Art und Weise macht es möglich über etwas bestimmtes zu schreiben. Was man tut ist die Menge der möglichen Akteure zu begrenzen, denen man folgt. Noch einmal anders gesagt, geht es darum eine irgendwie begrenzte Auswahl aus dem Gesamtbestand der Quellen zu machen und den durch Relativierung des eigenen Anspruchs konstruierten Korpus zu beschreiben. Was artikulieren diese Texte, Bilder, Dinge, also: Akteure? Worauf verweisen sie? Was lässt sich nur mit Rückgriff auf Akteure, die im Korpus nicht artikuliert sind gut beschreiben? Usw. Das Dossier beschreibt daher im besten Falle die Zusammensetzung des Korpus, oder seine Form. Eine Metapher: Der Korpus verhält sich zum Gesamtbestand der Quellen wie die Stichprobe in der Statistik zur Population. Die Auswertungsstrategien sind natürlich etwas anders, weil Quellen viel weniger normalisiert und damit interpretationsbedürftiger als Zahlen sind (oder? ODER? Ist es nicht genau umgekehrt?), aber das Prinzip ist das gleiche. Wie es bei Stichproben zu Abweichungen von der Grundgesamtheit kommt, kommt es bei der Auswertung von Korpora zu Abweichungen im Vergleich zum theoretisch vorhanden Gesamtkorpus. Das heißt: Die Beschreibung, die Geschichte, das Narrativ, das Akteur-Netzwerk, was man aus dem Korpus herausdestilliert, kann aus verschiedenen Gründen von den tatsächlichen Form, der tatsächlichen Komplexität der Entwicklung abweichen. Eine “perfekte Geschichte”, die alle Artikulationen aller Akteure umfasst, ist also theoretisch möglich, praktisch jedoch nicht, weil die Zeit des Nachvollzugs und des Aufschreibens um ein Vielfaches die menschliche Zeit übersteigt. Hinzu kommt, dass ständig neue Akteure hinzukommen und zwar nicht nur in der Gegenwart, sondern auch in der Vergangenheit, weil ständig neue Quellen gefunden, neue Forschungen gemacht, neue Theorien entwickelt und Entwicklungen erlebt werden, die eine perfekte Geschichte zu einem unmöglichen Unterfangen machen. Im Prinzip handelt es sich bei einem solchen Geschichtsentwurf um nichts weiter als um die Big-Data-Schimäre: Ohne Auswahl, ohne Theorie, ohne Begrenzung der Akteure, denen man folgt, geht es nicht. Hier ist nun aber eine wichtiger Unterschied zu machen: Nämlich der Unterschied zwischen theoretischem Rahmen und praktischem Fall. Denn natürlich ist es theoretisch wünschenswert für die Qualität der Beschreibung, wenn der Rahmen prinzipiell alle Akteure enthalten könnte, selbst wenn das praktisch durch die vorher gemachte Auswahl nicht nötig sein wird. Und ein weiterer Punkt ist bedeutsam: Historiker_innen sind immer auf der Suche nach Signifikanzen im unüberblickbaren Quellenmeer. Welche Akteure kommen in vielen Korpora vor? Welche Akteure sind schlicht notwendig? Was zeichnet diese aus? Wie werden Signifikanzen in Korpora generell konstruiert? Wie sind die Relationen zwischen diesen Akteuren zu beschreiben? Usw. Usf.

Die unendliche Aufgabe dieser Wissenschaft ist die Konstruktion von historischer Zeit selbst, durch die Schaffung von Akteuren, die wiederum die Antworten auf diese Fragen artikulieren und damit den nächsten Historiker_innen die gleiche unlösbare Aufgabe stellen. Die Sisyphos-artige Konstruktion der historischen Trajektorie ist so wundervoll wie nihilistsich, wenn man da so drüber nachdenkt… Aber irgendjemand muss ja die Zeit konstruieren! Genauso wie andere die Gesellschaft konstruieren müssen.

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