2016-07-20 Vormittag

By openmedi on 20. Juli 2016 — 4 mins read

Vorgestern über Riga und Helsinki nach Oulu geflogen. Auf diesem Wege war die Reise trotz etwas knapper Kasse bezahlbar. Statt ausschließlich mit Geld, finanzierte ich den Trip also mit Zeit und Stressverarbeitungsressourcen. Hier in Oulu dann schöneres Wetter als in Berlin. Die Freundin empfängt mich im Kleid. Bin überglücklich sie zu sehen. Es ist wie immer etwas komisch zu Beginn, finden wir beide.


Gestern waren wir im kleinen botanischen Garten und da meine Freundin ein paar Fotos von einem baldigen Hochzeitspaar schießen sollte (sie ist eine gute Freundin der Braut), hatte ich ne Dreiviertelstunde für mich. Ich lief durch den Garten. Dabei ist mir aufgefallen, dass ich vielleicht zum BenjaminLatour2 noch etwas dazuschreiben könnte, nämlich das Aufzeigen der prinzipiellen Möglichkeit der Beschreibung vom Inhalt des Kunstwerkaufsatzes mit den Mitteln der ANT. Ich habe das bereits für den Kontext und den Entstehungszusammenhang des Aufsatzes skizziert, aber wir könnten das auch inhaltlich für den Aufsatz zeigen.


Now aktualisiert. Pokémon Go installiert, weil die Freundin es mit mir spielen will. Ganz Oulu spielt anscheinend das Spiel. Ein Cabrio, das uns vorbeifährt, spielt die finnische Version des Serienthemes und grölt laut mit. Andere Leute laufen etwas verschämt aneinander vorbei, wenn sie entdecken, dass man selbst auch auf Pokémonjagt ist, usw. Interessante Implikationen hat das. Leute gehen vor die Tür und bewegen sich oder bewegen sich mehr. Das alles nicht ungesund. Bin mir ziemlich sicher, dass Pokémon eine der wenigen Marken ist, die eine solche Massenbewegung auslösen kann. Alle bis 35 haben zumindest von Pokémon gehört, es vermutlich gespielt und/oder die Serie im Fernsehen gesehen. Sie haben inzwischen alle ein Smartphone (und das wiederum hat einen GPS-Empfänger und eine Kamera). Das Spiel funktioniert eigentlich auch nur auf der Ebene der Nostalgie: Begriffe wie Pokedex, Pokeball, usw. werden nicht weiter erklärt, sondern vorausgesetzt und ebenso verhält es sich mit den Pokémon selbst. Wenn man das alles schon mal gesehen hat, dann ist jeder Fang ein kleiner Nostalgietrip.

Außerdem sammelten wir Blaubeeren im Wald hinter dem botanischen Garten, die wir buchstäblich mit Blut bezahlten. Die Anzahl und Agressivität der Mücken hier oben ist wirklich atemberaubend. Da ich in langer Hose und Sweatshirt unterwegs war, hat man mir die Hände, den Haaransatz hinten und vorne und an den Ohren das Blut in rauen Mengen abgezapft.


Wir reden lange über alles Mögliche und in diesem Zusammenhang wird mir klar, dass das Problem des Ja-Projektes, d.h. der Totalaffirmation im täglichen Leben die fehelnde “Mitkonstruktion” von Realität ist. Aber von vorne: Eine Beschreibungstheorie sollte in der Lage sein, prinzipiell zu allem, was es zu Beschreiben gilt “ja” zu sagen. Im Anschluss an die ANT ist das die Bewegungsfreiheit, die nötig ist um Akteuren überhaupt folgen zu können. Schafft man es sich in die Lage zu bringen jeder Entität Realität zuzuerkennen, dann sind alle Twists und Turns und Unerwartbarkeiten und Überraschungen kein Problem mehr. Sie ergeben sich aus der Akteurs-eigenen Metaphysik, die dieser Akteur bewohnt. Das ist alles wunderbar, insbesondere wenn man die Konstellationen und ihre (relativen) Bedeutungen zu beschreiben versucht, die Signifikanzen in gesellschaftlicher wie historischer Hinsicht produzieren. Aber: Die Gelassenheit oder Achtsamkeit, die mit der Totalaffirmation kommt, kann einen darüber täuschen, dass die (Re)Konstruktion von Realität durchaus wünschenswert sein kann. Nämlich dann, wenn man auf eine toxische Realität (die Toxizität bezeichnet den Grad der Fremdheit eines Akteurs in einem Akteursensemble, siehe auch Akteur-Netzwerk-Toxikologie) trifft, d.h. eine Realität, die im Hinblick auf ihre Toxizität zu viele verschiedene Elemente miteinander in Verbindung zu bringen sucht, ohne die dafür nötige Neutralisierungsarbeit durchzuführen. Dann nämlich gleicht das Leben im Rahmen eines solchen Akteursensembles dem Tanz auf einem Vulkan. Begriffliche Klärungen, Verarbeitungen von Traumata und ihre Überführung in Lernereignisse, Relationalisierungen, das Aussortieren allzu fremder oder aufwändig zu neutralisierender Akteure geben Orientierung und sichern das Gelände. Sie geben Struktur und Verlässlichkeit. Sie fördern die Aushaltbarkeit der jeweiligen Realität. Unter diesem Aspekt können ansonsten eigentlich allzu einschränkende Unterscheidungen überaus praktische Werkzeuge sein: Zwischen wahr/falsch, gut/schlecht, wirklich/unwirklich, rational/irrational, subjektiv/objektiv, etc. zu unterscheiden, kann zur Umgestaltung und Disziplinierung von Realität genutzt werden. Die Ablehnung eines Akteurs und dann des nächsten durch diese lange bestehenden Dichotomien, erlaubt es eine Zwickmühle zu schaffen, die Akteur um Akteur zur Verkleinerung des Akteursensembles beitragen kann. Auch erlaubt das “Nein” die Vermeidung von Akteuren. In dem man die Möglichkeit der Ir­re­a­li­tät in die jeweilige Akteursmetaphysik hineinkonstruiert, verändern sich notwendig die Fragen, die man seiner Lebenswirklichkeit sinnvollerweise stellen kann. (Wichtig ist noch, dass man hier trotz allem nicht Gott oder Therapeut spielt: man partizipiert lediglich als ein – wenn auch signifikanter – Akteur neben vielen anderen an der Kokonstruktion der Realität des Anderen.)


Sehr ähnlich zum Ja-Projekt ist übrigens die Idee der Achtsamkeit oder Mindfulness, wie mir bei dem erneuten Versuch eine Meditationspraxis zu etablieren auffiel. Dieses Video, in dem es eigentlich um Meditation und Achtsamkeit geht, beschreibt auch ganz gut die Stimmung, in der man die Welt zu betrachten versucht, wenn man sich an einer Totalffirmation versucht. Dieses Video stammt im übrigen von Headspace, das mir bei der Schaffung der Meditationspraxis in den letzten Tagen schon sehr geholfen hat. Gehört hatte ich von der App über Tim, einen der Hosts des von mir sehr gemochten Podcasts The Complete Guide To Everything.

Posted in: Journal

Leave a comment

%d Bloggern gefällt das: