2016-07-27 Nachmittag

By openmedi on 27. Juli 2016 — 5 mins read

Letzter Tag vor der Abreise. Es hat das erste Mal geregnet – wenn auch nur kurz. Insgesamt wunderschöne Zeit gehabt. Meine Mutter har recht, wenn sie sagt, dass die Sonne im Norden wärmer wirkt. Lange Nächte, spätes Aufstehen. Sie räumte die neue Wohnung zurecht, während ich entweder half oder an meinem Rechner saß. Wir waren am Nallikari Strand, sind von Freunden zu einem Ausflug auf die Insel Hailuoto eingeladen worden, badeten im Kuivasjärvi und besuchten den kleinen botanischen Garten der Universität.

Ich war trotz der Wärme zweimal in der Sauna und habe das wieder sehr genossen. Ich werde mir in Berlin wohl auch eine Sauna suchen. Die Mischung aus Wärme und Kälte, die kontemplative Stimmung, all das gefällt mir. (Das gilt im Übrigen nur, wenn man allein in die Sauna geht. Hier ist Sauna eine überaus lebhafte Veranstaltung, die nicht so meditativ gehandhabt wird, wie in Deutschland. In Finnland hand man häufig keine Sanduhren, keine Aufgusszeiten, keine Thermometer, es wird in großen Saunen quer über alle Bänke hinweg geredet, in Gemeinschaftssaunen wird ein Stück finnischer Gesellschaft konstruiert. Aber allein ist das etwas ganz anderes.) Zu meiner Freundin antwortete ich auf die Frage hin, was mir am Saunieren gefalle, dass es ebendiese Abgeschiedenheit ist. “Je mehr Türen sich zwischen mehr und der Außenwelt befinden, desto wohler fühle ich mich. Ich kann selbst entscheiden, ob ich die Welt erobern will oder nicht, mich den Leuten aussetzen will, usw.” Diese Abgeschiedenheit – die Einigelung in direkter Umgebung des mehr oder weniger pulsierenden Lebens – unterscheidet sich in ihrem Zustandekommen von der Abgeschiedenheit, wie sie einem dünn besiedelte Landstriche, Naturschutzgebiete, o.Ä. bieten. Ihre Funktion scheint mir aber nicht allzu verschieden. Nur die sich aus der jeweiligen Abgeschiedenheitskonstellation mit ergebenden Möglichkeiten und Assoziationen sind andere. Meine liebste Abgeschiedenheit ist die Einigelung auch deshalb, weil sich damit infrastrukturelle Erfordernisse verbinden lassen. Ich bin dafür bereit auf weite Landschaften oder tolle Ausblicke oder was auch immer “nur für mich ganz allein” zu verzichten, denn das Verlassen des eigenen Nests und das Teilen jener Orte um mein Nest, die ähnliche Gedanken und Gefühle evozieren können (können sie das?), macht mir nicht so viel aus, wie es diejenigen stört, die weit weg sein wollen – was zunehmend immer schwerer wird. Die Einigelung ist im Prinzip der Rumpf der in Bezug aufs Internet nicht reproduzierbar konstruierbaren Privatsphäre (und bleibt damit nur in Ausnahmenfällen ein erstrebenswertes Konzept), rückgeführt auf seinen tatsächlichen wirkmächtigen Raum: der physischen Nichtanwesenheit oder wenigstens nicht unmittelbaren Anwesenheit von nichterwünschten Akteuren. Die verschiedenen Kommunikationsmittel erodieren den Einigelungsprozess natürlich ein Stück weit, aber Komfort bietet diese Einigelung trotzdem. Macht über einen wie auch immer begrenzten Raum ist Genuss. Die Einhegung des Selbst in mehr oder weniger disziplinierte Akteure – Türen, Jalousien, Zäune, Wachhunde, usw. – produziert Freiheit im Rahmen dieser Einhegung. Ich nenne dieses Feld “Stimulanzökonomie”.


Wir hatten zwei kleine Zwischenfälle. Beide waren im Nachhinein betrachtet lächerlich und Konsequenz unserer Verschiedenheit sowie der gleichzeitigen Unmöglichkeit diese Verschiedenheit in dem Moment zu akzeptieren. Ich will hier gar nicht zu sehr ins Detail gehen, aber zumindest feststellen, dass diese Momente, so sehr sie auch intensiv negative Gefühle evozieren, unheimlich lehrreich sind und zur eigenen Bescheidenheit anregen. Sowohl Beobachtung als auch Handlung werden durch die Möglichkeit des Konflikts mit dem Menschen, den man liebt auf eine immer wieder überraschende aber gleichzeitig nicht beliebige Probe gestellt. Der Raum, in dem es zur Probe kommt, hat ein enormes emergentes Potential – ich weiß z.B. nicht, ob ich jemals in jener Weise, wie ich es in und nach diesen Momenten getan habe, über mich und mein Verhältnis zur Welt, zu anderen Menschen generell, zur Liebe und zu meiner Freundin, aber auch zu meinen Eltern, nachdachte.

Ein, wenn auch etwas flacher Gedanke, der mir kam, war die Unterschiedlichkeit, mit der wir sensibel für bestimmte Sinneseindrücke sind. Ich z.B. mache mir aus dem was ich sehe verhältnismäßig wenig. Es muss funktional sein und mit ein bisschen Geduld kann ich natürlich auch gutes Design oder noch allgemeiner: Schönes sehen. Aber es stört mich nicht so wie sie, wenn es nicht schön aussieht. Dafür stört sie es nicht, wenn man die Türen knallt, was mich hingegen stört. Diese unterschiedliche Sensibilität der Sinne ist sehr schön von Tucholsky im Schloss Gripsholm beschrieben worden:

Es war ein strahlend heller Tag. Das Schloß, aus roten Ziegeln erbaut, stand leuchtend da, seine runden Kuppeln knallten in den blauen Himmel – dieses Bauwerk war dick, seigneural, eine bedächtige Festung. Bengtsson winkte dem Führer ab, Führer war er selber. Und wir gingen in das Schloß.
Viele schöne Gemälde hingen da. Mir sagten sie nichts. Ich kann nicht sehen. Es gibt Augenmenschen, und es gibt Ohrenmenschen, ich kann nur hören. Eine Achtelschwingung im Ton einer Unterhaltung: das weiß ich noch nach vier Jahren. Ein Gemälde? Das ist bunt. Ich weiß nichts vom Stil dieses Schlosses – ich weiß nur: wenn ich mir eins baute, so eins baute ich mir.

(Ich hatte das vor einer ganzen Weile schon mal zitiert.)

Und so empfinden wir beide verschiedenes als störend. Dass mir etwas selbst nicht als “Big Deal” erscheint und anderes hingegen als offensichtlich unaushaltbar, führt vermutlich häufig zu so typischen Konflikten innerhalb des Lebens eines Liebespaares. Erst mit dem Einbezug, dass die eigenen Erwartungshaltungen nicht die Lebensvoraussetzungen für die andere Person darstellen, ist an eine Neutralisierung zu denken. Je länger man zusammenlebt, je mehr werden diese Probleme durch eingeübte Kommunikationstechnik neutralisiert (nehme ich jedenfalls an). Nicht, dass sich an den Voraussetzungen, die diese Erwartungen produziert haben viel grundsätzlich ändert, aber die sich gelegentlich einstellende Konfliktsituation wird schneller unschädlich gemacht.

Für uns als ein Paar in Fernbeziehung kommt natürlich noch hinzu, dass es keinen dauerhaften Kontakt gibt, was positive wie negative Emergenzpotenziale innerhalb der Beziehung nach sich zieht. Effektiv verzögern wir die Neutralisierung des positiven wie negativen Einflusses ein Stück weit und damit aber auch den Weg hin zur beziehungstechnischen Normalität. Kein Wunder: Fernbeziehungen, insbesondere zwischen zwei Studis, die im Abschluss stehen und noch nicht hundertprozentig wissen wie und wo es weitergeht, sind unsichere Konstrukte, deren Beziehungshaftigkeit mit großem Aufwand immer wieder erneut performt werden muss um Realität zu bleiben. Man muss sich ständig schreiben, skypen, anrufen, besuchen, einbeziehen. Die andere Person muss signifikanter Akteur im eigenen Leben sein, selbst wenn dieser physisch nicht anwesend ist. Wir beide tun das gerne und das spricht für unsere gesunde Beziehung, die im nächsten Monat immerhin schon ein Jahr Bestand haben wird.

Posted in: Journal

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