2016-11-30 Nachmittag

By openmedi on 30. November 2016 — 6 mins read

Zugegebenermaßen fällt es mir nicht leicht, mich in letzter Zeit zu motivieren. Das liegt auch daran, dass ich mich durch externe Faktoren in einer Situation befinde, in der es nur mühsam vorangeht und selbst das was vorangeht auch nur mit mäßigem Erfolg.

So fallen mir beispielsweise die Seminare nicht gerade leicht. Im Semester, was eigentlich mein letztes sein sollte, habe ich der Einfachheit halber nur die nötigsten Seminare (drei wenn man das Forschungskolloquium dazuzählt) bei einem Professor ausgewählt, bei dem ich auch meine Masterarbeit schreiben will. So weit so gut. Auf diese Weise sehe ich meinen Prof sehr häufig und der häufige Kontakt wirkt sich direkt oder indirekt hoffentlich positiv auf meine Masterarbeit aus.

Wie man aber leider sagen muss, sind sämtliche Seminare (wobei man das Forschungskolloquium hier vielleicht etwas außen vor lassen muss…) – und mir ist erst gestern klar geworden, dass meine letzte richtige Lehrveranstaltung in der Wissenschaftsgeschichte der TU Berlin mehr als ein Jahr zurückliegt – sehr unbefriedigend. Ich hatte dazu auch schon gebloggt: Das Problem sind die Spielregeln des Seminars, die dazu führen, dass wir ständig nur oberflächliche begriffliche Klärungen durchführen, aber von der eigentlichen geschichtlichen Entwicklung kaum etwas mitbekommen. Anstatt also gemeinschaftlich unter Anleitung ein Narrativ zur Geschichte des Experiments zu entwickeln, welches sich dann auch weitererzählen lässt und anstatt zumindest ab und an Grenzwertbestimmungen durchzuführen (auch dazu bloggte ich), was zumindest mein Vorschlag für ein nützliches Seminar wäre, lesen wir eine Reihe von mehr oder weniger unzusammenhängenden Primär- und Sekundärtexten und diskutieren Begriffe und Bedeutungen auf einer Ebene, die nur zeigt, wie austauschbar gerade in der Geschichte begriffliche Fassungen sein können.

Ein Beispiel: Gestern diskutierten wir u.A. darüber, was der Autor wohl mit der Wendung “nature’s normal course” gemeint hätte.1 Im Text ging es um sogenannte Parallelexperiment, bei der gleichzeitig zwei Teilexperimente durchgeführt werden, wobei einem Experiment die Funktion des Benchmarks zukam und der andere Versuch alle anderen Faktoren gleich beließ, aber einen Faktor zu isolieren versuchte, um dadurch eine Abhängigkeit des zu prüfenden Phänomens von dieser Variable aufzuzeigen. Für dieses zugegebenermaßen nicht gleich sofort einsichtige Setup, verwendete der Autor also nun den Begriff Parallelexperiment, nannte eines der Experimente “Benchmark” (also jenes Teilexperiment, in welchem “Nature’s normal course” zu beobachten sei) und das andere “the modified case”. Mich angeschlossen hatten wir etwa fünf Wortmeldungen, die versuchten diese Situation begrifflich zu fassen. Naturzustand, relativer Naturzustand, natürlicher Verlauf, Referenzpunkt, etc. etc. wurden als analytische Begriffe aufgefahren. All diese artikulierten selbstredend den Zusammenhang und allen Teilnehmer_innen war das auch klar, soweit ich das beurteilen konnt, prinzipiell hätte man also fortfahren können, aber stattdessen drehten wir uns noch ein paar Extrarunden im Kreis, weil die Seminarleitung offenbar noch weitere Meinungen einholen wollte, als ginge es darum auf möglichst viele verschiedene Weisen dasselbe auszudrücken. Wären wir alle Expert_innen auf diesem Gebiet gewesen, hätten wir uns aller Wahrscheinlichkeit genausowenig auf eine einzige analytisch-begriffliche Fassung einigen können, aber das wäre auch nicht nötig gewesen, denn ergibt sich die erkennbare Ähnlichkeit aus dem zu Beschreibenden und so wäre es Lesern unserer fünf Papers möglich gewesen diesen winzigen Zusammenhang trotzdem zu begreifen, ganz egal welche begriffliche Fassung der Beschreibung wir nun verwendet hätten. Im Prinzip ist es ja wünschenswert, wenn man möglichst viele Artikulationen eines Sachverhalts hat, weil auf diese Weise eine Reihe von Teilaspekten zu Tage treten, die durch eine einzige Formulierung vielleicht im Dunkeln blieben. Nur besuchten wir ja kein Seminar zu einem einzigen Paper, welches es zu Dekonstruieren galt, sondern eben eines zur Geschichte des Experiments von der Antike bis zur Neuzeit.

Dieses Problem der Artikulationssammlung ist ein schwieriges, weil natürlich alle gerne diejenigen wären, die die entscheidende Formulierung für eine begriffliche Klärung liefern. Aber es obliegt am Ende eben dann der Seminarleitung eine Schließung der Diskussion über diesen Punkt herbeizuführen, um die Tendenz der “Überauflösung” eines Punktes durch Diskussion zu brechen.

Neben diesem Problem gibt es noch eine Reihe anderer, die hier im einzelnen zu diskutieren müßig wäre. Kurz gesagt: Ich bin schon nach zwei Wochen Seminaralltag den Spielregeln nach denen verfahren wird sehr überdrüssig.


Der Frust, der sich in meinen Seminaren anstaut, stammt zum Teil zumindest auch aus den Problemen, die sich mit meiner Masterarbeit ergeben. Wie eingangs gesagt, geht es mühsam voran. Eigentlich hatte ich gedacht, dass ich etwas zur Kolonialbotanik Deutschlands machen würde, aber die Langsamkeit mit der meine Recherchen aus verschiedenen Gründen voranschreiten, bedeutet eine inzwischen enorme Zeitverzögerung. So hatte ich ursprünglich geplant bis Ende September meine Masterarbeit anzumelden und bin jetzt, zwei Monate später immer noch nicht dazu in der Lage. Das lag auch daran, dass die mündlichen Prüfungen später stattfanden als ich das noch im Sommer antizipiert hatte und auch daran, dass ich für drei statt zwei Wochen in Finnland war und dort nur bedingt etwas geschafft habe. In erster Linie ist für die Verzögerung jedoch die Schwierigkeit zuständig, zu dem Feld, in dem ich eine Masterarbeit schreiben will, auch genügend Quellenmaterial zu finden. Meine Hoffnung im Archiv der Max-Planck-Gesellschaft Materialien zu Adolf Engler oder jedenfalls der Kolonialbotanik bzw. zur Pflanzenforschung um 1900 zu finden, wurde leider enttäuscht. Ein Telefonat mit dem Archivar im botanischen Garten und Museum Berlin machte dann auch schnell deutlich, dass meine Idee die Engler’sche Systematik auf Verbindungen zum kolonialbotanischen Netzwerk in Berlin hin zu befragen zu konstruiert ist. Zumal noch dazukommt, dass 1943 das Museum des botanischen Gartens einem Brand zum Opfer fiel, wodurch kaum noch Materialien aus der für mich einschlägigen Zeit zur Verfügung stehen. Das wusste ich zum Teil auch schon, hoffte aber trotzdem mehr finden zu können. Ich werde ihn und das Archiv auch leider erst in zwei Wochen treffen können, wobei jetzt schon jede Woche Verzögerung sich ernstlich auf meine Zeitplanung auswirkt. Zwei Wochen Verzögerung bedeuten schon, dass ich mit einem halben Monat späterer Abgabe rechnen muss. Und wenn mein initiales Thema überhaupt nicht funktioniert, dann stehe ich in ein paar Wochen möglicherweise vor dem Problem ein neues Feld abstecken zu müssen, in dem sich ein Thema finden lässt.

Das wäre alles nicht so tragisch, wenn ich nicht gleichzeitig auch wüsste und zu spüren beginne, dass der finanzielle Druck spätestens ab März 2017 gewaltig ansteigen wird. Könnte ich mir in Ruhe Zeit dafür nehmen, dann würde ich die Masterarbeit sinnvollerweise auf das nächste Semester schieben, aber das ist leider nicht möglich.


Aber es ist ja nicht alles schlecht. Mir tut die gesicherte Wohnungssituation sehr gut und auch ist allein der Umstand erfreulich, dass ich über meine Finanzen gut genug bescheid weiß, dass ich überhaupt sagen kann, dass es ab März knapper wird. Ich verdiene mir ein wenig zusätzliches Geld durch das Besuchen von Experimenten und durch Blutspenden und alles in allem läuft es trotz den oben angedeuteten Umständen entsprechend gut.

Complice und Beeminder sind weiterhin wichtige Helferlein und mit Vultr habe ich ein VPS gefunden, was mir verlässlich genug und günstig genug ist, um darauf mein auf ikiwiki aufsetzendes Notizensystem online zu haben. Ich will zwar auch noch mal sehen, ob es nicht auch ein Paket von LowEndSpirit tut, aber alles in allem wäre ich so damit zufrieden.

Außerdem habe ich aus finanziellen Gründen meine Parteimitgliedschaft bei den Linken gekündigt, da ich das Geld gerade anderweitig gebrauchen kann und ohnehin nie aktiv genug war, um die fünf Euro im Monat zu rechtfertigen.


  1. Es geht hier um folgenden Text: Domenico Bertolini Meli, A Lofty Mountain, Putrefying Flesh, Styptic Water, and Germinating Seeds. Reflections on Experimental Procedures from Perier to Redi and Beyond, in: Marco Beretta u. a. (Hg.), The Accademia del cimento and its European context, Sagamore Beach, MA (Science History Pub) 2009. 
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