2016-12-13 Nachmittag

By openmedi on 13. Dezember 2016 — 6 mins read

Verschiedene Probleme fliegen mir im Kopf rum, die alle mehr oder weniger unklar mit den Seminarbesuchen und der Masterarbeit oder noch allgemeiner mit meinem Studium zu tun haben. Es ist als hätte ich es erst in den letzten paar Wochen verstanden, was es heißt, missverstanden oder für etwas gehalten zu werden, was man gar nicht ist. Und sich etwas einzubilden. Und das war ja nicht mal über was ich schreiben wollte. Diese Verwirrung ist das andere Problem.

Also:

  • ungewöhnliches Gefühl im Studium an Boden zu verlieren, “es” vielleicht nie begriffen zu haben (in dem Glauben war ich aber über ein Jahr)
  • Verwirrung, auch sprachliche aber hauptsächlich gedankliche, die sich aus einer Unsicherheit bezüglich der eigenen Dinge nährt – mache ich denn nun Wissenschaft, oder etwa nicht? Ist das alles zu oberflächlich, zu ungeduldig, zu ruppig, zu einfach gedacht? Liegt in diesem, meinem Naturell vielleicht das Ausschlusskriterium für eine wissenschaftliche Karriere meinerseits?

Erst neulich erklärte ich einer Bekannten noch, dass diese Seminare endlich vorbei sein müssten, weil ich selbst zu viele Ideen habe, die in diesen (als Teilnehmer) auszuführen unmöglich ist und gleichzeitig sind es diese Ideen, die zu Blockaden werden, wenn es um die Erfüllung der erforderlichen Aufgaben fürs Studium geht. So auch heute wieder: In einem Proseminar lasen wir einen Auszug aus Platons naturphilosophischer Schrift Timaios und es wurde schnell klar, dass bis auf ein paar oberflächliche Sätze dazu fast nichts gesagt werden konnte. Aber nicht nur das, es konnte auch nichts gelernt werden, außer, dass man sich zuweilen mit Sachen auseinandersetzt, deren Weite man in der vorhandenen Zeit nicht wird erschließen können. Das kann man aber auch lernen, wenn man versucht in Skyrim auf 100% Achievements zu kommen.

Und das alles leitet sich natürlich aus meinem Verständnis der Welt als Versuch ab, oder eher: Welt als letzendlicher Zusammenhang von lokalen Realitäten, die immer Versuche sind und sich aus Differenzen zu anderen lokalen Realitäten durch Wechselwirkung produzieren. Und so ist eben auch ein Seminar ein Versuchsaufbau, wie Texte Versuchsaufbaue sind, usw., wobei man auch hier genauer gesagt davon sprechen müsste, dass sich bei mir in Texten zu den unzähligen Phänomenen, die sich in der Welt zeigen, diese Phänomene als Versuchsaufbaue artikuliert finden, d.h. sie werden in meinen Texten durch den mehr oder weniger leeren und vollständig temporären Begriff “Versuchsaufbau” repräsentiert und das so lange, bis ein geeigneterer oder nützlicherer Begriff sich aus der Beschreibungstätigkeit ergibt. Ähnlich wie Punkte auf Karten das Vorhandensein von Orten repräsentiert, sind es bei mir Versuchsaufbaue.

Der Begriff Versuchsaufbau bringt Assoziationen von Experiment, Emergenz, Erfolg und Fehlschlag, Ensemble, Wechselwirkung, Exploration etc. mit sich. Gleichzeitig ist er hoffentlich artifiziell genug, um nicht auf einen dieser Begriffe reduziert zu werden, insbesondere nicht auf den Begriff des Experiments. Ein Versuchsaufbau kann sich als Experiment herausstellen, das geht umgekehrt nur, wenn man aufgrund der Quellen seine Meinung über ein Phänomen verändert. Dann kann aus eine Experiment wieder ein Versuchsaufbau werden um schließlich eine populärwissenschaftliche Vorführung zu werden. Usw. In gewisser Weise übernehme ich hier Überlegungen der Objekt orientierten Programmierung in meine historiografische Beschreibungssprache und halte das ganze zu Latours ANT kompatibel.

Auch wenn es sich hierbei um ein kleines Beschreibungsvokabular handelt, implizieren die Regeln dessen sehr viel mehr als es in Beschreibungsvokabular ausdrückt.

Das bedeutet aber auch, dass Seminare in denen Texte lediglich angelesen und nicht weiter verteift werden, weil sie das nicht können, unbefriedigend bleiben, denn wäre über diese Situation selbst schon so viel generelles zu sagen (was sich ja im Blog niedergeschlagen hat), dass man zur Einordnung schon fast gar nicht mehr kommt. Und bezüglich wöchentlich vor den Seminaren abzugebener Hausaufgaben, in denen man kurz die Texte zusammenfassen und einordnen soll, läuft man Gefahr sich von den eigenen Implikationen des Rahmens in dem eigentlich schreiben möchte ablenken zu lassen. Dann werden nämlich nicht selten die vermeintlich selbstverständlichen Fragen problematisch. Bisher gelingt es mir nur mühsam – wenn überhaupt – den impliziten Anforderungen des Seminars – mit den expliziten habe ich nämlich kaum ein Problem, oder jedenfalls kein größeres als alle anderen auch – gerecht zu werden, was sich schon in meiner Rhetorik ausdrückt.

Jedenfalls ist daraus nicht zwangsläufig zu schließen, dass ich mich den Umständen entsprechend gut genug verhalte, um es so weiterlaufen zu lassen. Vielmehr stellt sich die Frage, wie ein so großes Problem zu erklären ist, wenn doch mein Beschreibungsvokabular und meine Methode mehr oder weniger für jeden Fall passen sollte und wenn nicht, so wenig selbst impliziert, dass eine Exploration des Neulandes nichts im Wege steht? Und hier kommt dann auch die Skepsis her: Möglicherweise bringt meine Herangehensweise zu wenig “eingebaute Geduld” mit. Das wiederum ist ein Problem, dem ich mit der Idee des Einräumens eines gewissen Grades von Realität bzw. der Affirmation jeder Artikulation als real begegnen wollte. Zu allem Ja sagen. Das ist und war das Ja-Projekt. Die Nötigkeit über die Seminare und das was sie in mir auslösen hatte ich versucht im Bild einer Vergiftungssituation zu beschreiben: Bevor es zu einer Neutralisation kommt, ist an einen Normalbetrieb vorerst nicht zu denken. Zunächst müssen die Zweifel, die Symptome dieser Vergiftung sind, ausgeräumt werden. Es handelt sich hierbei um die Berührung zweier unterschiedlicher Akteur-Netzwerke in einem Schnittpunktakteur. Das hatte ich einst als Akteur-Netzwerk-Toxikologie zu beschreiben versucht.

Aber Vergiftung und Ja-Sagen zum Trotz, d.h trotz keinesfalls schlechter Beschreibungen dessen was da vor sich geht, überrascht mich der Seminarbetrieb negativ immer wieder aufs Neue. Mir gelingt es auch nach sieben Jahren Wissenschafts- und Technikgeschichte am gleichen Ort nicht, diesen zu normalisieren. Während aber vor ca. einem Jahr noch die Motivation hoch genug war, es irgendjemandem, vor allem mir selbst, beweisen zu wollen, dass eine Normalisierung auch schon als Teilnehmer (d.h. zunächst ohne herausgehobene Autorität) möglich ist, haben sich meine Interessen jetzt so verschoben, dass ich mein Studium ganz gerne einfach abschließen und mich anderen Problemen widmen will. Ich würde nämlich gerne mehr Wissenschaftsgeschichte im Netz betreiben anstatt immer nur diese oberflächlichen Halbessays zu schreiben und eigene inhaltliche Projekte anstoßen, als mich in der anscheinend unlösbaren sozialen Hölle namens Seminar gefangen zu sehen. Dafür ist mir meine knappe Zeit und Energie zu schade.

Die Skepsis bleibt. In den Seminaren wird deutlich, dass Selbstverständlichkeiten nicht existieren und vieles nicht vorausgesetzt werden darf, aber paradoxerweise trotzdem wird. Gleichzeitig ergibt sich die Außengrenze dessen was noch als plausibel gilt aus dem Horizont der Seminarleitung und wenn man dazu orthogonal forscht, dann ist man bald ein Alien im Seminar an der eigenen Universität. Auch diesem Problem habe ich versucht mit der Alienanthropologie zu begegnen. Aber dieses Alien hier ist langsam müde, zumal mein Output besser in einer Form dargereicht wird, die mir selbst genug Autorität zugesteht (d.h. z.B. in einem Vortrag, hier im Blog oder allgemeiner in Texten) um sagen zu können, was ich gerne sagen will. Als Teilnehmer ist das nicht möglich, weil man dafür ja die Fähigkeit zum Mitmachen (unter Autorität) besitzen müsste, die mir, wie gesagt eher verloren zu gehen scheint, je mehr Arbeit ich in die Normalisierung und Beschreibung dieses Betriebs, stecke.

Posted in: Journal

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