2017-09-13 Abend

By openmedi on 13. September 2017 — 6 mins read

Auf der Suche nach etwas anderem über diesen Artikel gestolpert. Kaum angelesen. Aber gedacht: Das ist nicht was ich will. Ich möchte gerne über Botanikgeschichte (oder was auch immer) schreiben können, ohne dass es dafür einen neuen Ansatz oder Dreh braucht, der sich nicht aus dem Material oder den ums Material herum angeordneten Versuchsaufbau ergibt. Stattdessen muss man Botanikgeschichte als Beispiel für etwas erzählen, was uns jetzt betrifft. Die Probleme der Botanik werden zu einer Instanz der Klasse von Problemen, der wir auch heute unter den Stichworten „Information Overload“ oder „Big Data“ begegnen. Man kann aus Geschichte was lernen. Es handelt sich vermutlich gar um einen guten Artikel.

Und es stimmt ja nicht. Ich möchte so etwas auch schreiben. Nebenbei oder nachher, nach dem ich all das Allgemeine, die Grundlage für eine solche Arbeit, geschrieben oder gelesen (beides) habe. Zunächst heißt es aber biografische, ideengeschichtlich, praxeologisch, als auch medienhistorisch, die Botanik zu durchdringen, in Erzählbarkeit zu überführen, Desiderate und Probleme ebenso zu entdecken, wie bestehende Narrative, Konflikte, Verallgemeinerungen, usw. Irgendwann kann man dann auch mal einen solchen Egel-Text schreiben, der nicht partizipiert, der weder synthetisiert noch bisher unbekannten Quellen dem Diskurs durch gründlichen Nachvollzug oder Kommentar eröffnet. Und es ist vermutlich ein guter Text.

Da ich Frischs erste Tagebücher lese, kommt mir seine Meinung zum Skizzenhaften in den Sinn. Langes Zitat:

Mindestens ließe sich denken, daß ein spätes Geschlecht, wie wir es vermutlich sind, besonders der Skizze bedarf, damit es nicht in übernommenen Vollendungen, die keine eigene Geburt mehr bedeuten, erstarrt und erstirbt. Der Hang zum Skizzenhaften, der unsere Malerei schon lange beherrscht, zeigt sich auch im Schrifttum nicht zum erstenmal; die Vorliebe für das Fragment, die Auflösung überlieferter Einheiten, die schmerzliche oder neckische Betonung des Unvollendeten, das alles hatte schon die Romantik, der wir zum Teil so fremd, zum Teil so verwandt sind. Das Vollendete: nicht gemeint als Meisterschaft, sondern als Geschlossenheit einer Form. Es gibt, so genommen, eine meisterhafte Skizze und eine stümperhafte Vollendung, beispielsweise ein stümperhaftes Sonett. Die Skizze hat eine Richtung, aber kein Ende; die Skizze als Ausdruck eines Weltbildes, das sich nicht mehr schließt oder noch nicht schließt; als Scheu vor einer förmlichen Ganzheit, die der geistigen vorauseilt und nur Entlehnung sein kann; als Mißtrauen gegen eine Fertigkeit, die verhindert, daß unsere Zeit jemals eine eigene Vollendung erreicht –.

Cesario sagt:

»Jede Ruine hat als solche einen Reiz, der außerkünstlerisch ist, also für den ernsten Künstler nicht statthaft. Man macht keine Ruinen, anständigerweise, und alles Skizzenhafte, alles Aphoristische ist eine Ruine nach der Zukunft. Denken wir an die Akropolis, gewiß, auch sie wie jede Ruine spielt mit der Wehmut, daß sie einmal ein Ganzes war; aber die Akropolis kann nichts dafür, daß sie eine Ruine ist. Ganz anders eure Skizzenkunst! Ihr spielt nicht mit der Wehmut, aber mit dem Gegenteil – mit der Hoffnung, mit dem Versprechen eines Ganzen, das da kommen soll und das ihr in der Tat nicht leisten könnt!«
Hat Cesario nicht recht?

Aphoristik als Ausdruck eines Denkens, das nie in einem wirklichen und haltbaren Ergebnis endet, es mündet immer ins Unendliche, und äußerlich endet es nur, weil es müde wird, weil die Denkkraft nicht ausreicht, und aus bloßer Melancholie, daß es so ist, macht man Kurzschluß, das Ganze als eine Taschenspielerei, um ein Unlösbares loszuwerden, indem man sich einen Atemzug lang verblüfft, damit man einen Atemzug lang nicht weiterfragt, und wenn man es später bemerkt, daß man nichts in der Hand hat als einen Knall, dann ist der Taschenspieler schon nicht mehr da – allenfalls bleibt noch die Verblüffung, daß das Gegenteil seiner Aussage, die uns eben verblüfft hat, nicht minder überzeugt; natürlich gibt es auch Aphorismen, die nicht einmal stimmen, wenn man sie umkehrt.

(Frisch, Max: Tagebuch 1946-1949, „Beim Lesen“)

Dieses Skizzenhafte, dem die Kraft zur tatsächlichen Ausführung fehlt, so sehr es auch (Seit Frischs ersten Tagebüchern wieder? Oder nach wie vor?) lediglich ein Zeichen unserer Zeit ist, stößt mich ab, wenn es sich seiner Mangelhaftigkeit nicht bewusst ist, bzw. die benötigte Arbeit zum Ausmalen des lediglich Angedeuteten nicht zu leisten im Stande ist.

Auch daher sicher meine Schwierigkeit mit Twitter wieder etwas anzufangen. Nicht, weil ich es nicht verstehe, sondern weil ich gerne darüber hinaus will. Gedanken ausführen, vervollständigen will. Mag sein, dass das das Schicksal des Historikers ist. Die unendliche Aufgabe den Schmutz anderer in eine nachvollziehbare Aufstellung zu bringen. Würde etwas geschrieben sein, etwas veröffentlicht werden, könnte man behaupten, dass man sich „im Prozess“ befände, in dem auch mal das eine oder andere Skizzenhafte abfiele. Aber das Ziel darf eigentlich nicht so ein Text sein, oder jedenfalls muss dem die gründliche Auseinandersetzung vorausgehen, der dann ein bewusstes Auslassen folgt. Was ich eigentlich sagen will: Ich könnte auch einen Text dieser Art schreiben, würde mich aber selbst fragen müssen, ob die Auslassungen deshalb bestehen, weil ich die Details erarbeitet habe und in diesem Falle für unwichtig genug halte, oder ob mir genau genommen eigentlich noch das Wissen fehlt, um etwas anderes als Skizzentexte zu schreiben und ob es dann nicht besser wäre mehr zu lesen.

Schließlich aber auch: Schriebe man anstatt eines „vollendeten Textes“ 1000 Skizzen (10000 Tweets), so würde man vermutlich auch vorankommen. Nur: Würde man nicht mehr übers Schreiben lernen, als über das über was man eigentlich zu schreiben beabsichtigte?

Aber es ist sicher ein guter Text.


Packen. Morgen geht es, so denn Air Berlin will, nach Helsinki. Ich freue mich schon sehr, bin aber auch unsicher, ob mein Flug nicht doch noch abgesagt wird. Ich lasse im Hintergrund Baseball laufen (habe den Sport in diesem Jahr für mich entdeckt), während ich Kleidungsstück für Kleidungsstück, Zahnbürste und Co. mit der Küchenwaage wiege, in eine Tabelle eintrage und in den kleinen Rollkoffer lege. Bei acht Kilo ist Schluss. Es ist kalt in Finnland. Als ich heute draußen war um mir Bart und Haar schneiden zu lassen war es noch schönes (wenn auch etwas feuchtes) Herbstwetter.

Ich habe mich schön öfter gefragt, warum ich wohl ein Herbstkind bin. Meine eigene Theorie besagt, dass es vermutlich daran liegt, dass mein Geburtstag im September liegt und ich dementsprechend mit Vorfreude auf diese Zeit hinblicke. Und auch wenn mein Geburtstag mit jedem Jahr weniger bedeutsam wird, so hat sich doch der schöne alljährliche Niedergang ganz gut mit meiner melancholischen inneren Grundstimmung verbunden. Hurra die Welt geht unter. Auch wurde es im Herbst, dank des Regens und des allgemein ungemütlicher werdenden Wetters schwieriger für meine Eltern mich aus dem Zimmer, aus dem Haus zu jagen, was mir als „Couch Potato“ nur recht war.

Vielleicht gefällt mir auch deswegen Finnland. Vieles geschieht zwangsläufig drinnen. Ja, man geht auch mal raus, aber in vielen Fällen ist das Leben draußen zu kalt. Dafür funktioniert das Internet (auch das mobile) einwandfrei und für mich ist der Zustand kalt, dunkel, leise, unterbrochen von glühenden Saunagängen faszinierend, weil er mich fokussieren lässt. Auch wenn ich in erster Linie natürlich meine Freundin besuchen werde, so freue ich mich auch schon darauf.

Posted in: Journal

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