2017-09-14 Vormittag

By openmedi on 15. September 2017 — 2 mins read

Turbolenzen. Ich weinte schon wieder. Sokos We Might be Dead by Tomorrow. Ich denke an E, bin erleichtert und dankbar, dass der Flug abhob. Im Song gibt es die folgenden Zeilen:

And I can tell
That you didn’t have
To face your mother
Losing her lover
Without saying goodbye
Without saying goodbye
‚Cause she didn’t have time

Ich denke: Ist es das, was erklärt, warum sie keine traurige Musik erträgt? Während diese Zeilen mich zwar traurig aber auch offen für die Liebe, fürs geliebt Werden wie fürs Lieben öffnen, macht sie es nur unruhig, nur unsicher, es macht sie betroffen. Ist alles in Ordnung? Warum hörst du das? Höre ich sie fragen. Die Wahrheit steckt in diesen Zeilen da oben. Die Mutter, die ihren Liebhaber verliert, ohne „Lebe Wohl!“ Sagen zu können, weil sie keine Zeit hat. Der Vorwurf, den die Tochter damit zum Ausdruck bringt. Denn ich bin ein Mensch, der die Zeit oft nicht hat, der sich entzieht. Der mehr geliebt wird, auch wenn er versucht zurück zu lieben. Ja, ich muss zuweilen erinnert werden, wie wertvoll die Beziehungen, die ich habe sind. Und diese Erinnerungen müssen dramatisch sein, weil sie dann am wirksamsten sind. Darin liegt auch eine gewisse Scham vor der eigenen Unfähigkeit. Und gleichzeitig sind Songs dieser Art alles andere als nur das. Aus ihnen spricht Hoffnung und Vergebung ebenso wie diese Melancholie.

Das Leben als Untergang, als Herbst. Es ist kalt, klamm, matschig. Alles stirbt. Und doch kann Licht durch die Wolken, durch das Gezweig brechen, noch den banalsten Moment in warmes Gold verwandeln. Es sind diese Augenblicke, diese auf Entbehrung und Knappheit beruhenden Vergänglichkeiten, die es erlauben weiter zu machen. Mit blutigen Fingern und Dreck zwischen den Zähnen kann man die Banalität des Lebens und Sterbens noch als Wunder empfinden. Aber das ist mein Problem, nicht ihres. Man kann intensiv lieben für einen Moment, bevor man weiterkrabbelt durch den Matsch. Als gäbe es ein Ziel, als wäre dieser Herbst nicht ewig und würde nicht am Ende dieser Ewigkeit der Winter stehen. Melancholie als Entschuldigung. Tränen als Bitte um Vergebung.

Sie liebt freier. Sie liebt auch mehr mit dem Herzen und nicht mit dem Kopf. Auch sie hat ihre Ziele, ihre unleugbare Unabhängigkeit. Aber ihre innere Balance ist eine andere. Sie liebt aus Selbstverständlichkeit. Dass sie traurige Musik nicht erträgt liegt daran, dass sie die Funktion dieser Musik wie oben beschrieben fürchtet. Sie fürchtet mich zu verlieren, sie fürchtet das Drama, die existenzielle Spitze auf die ich es treibe. Denn sie hat noch Angst vor dem Tod am Ende des Lebens, vor der Vergänglichkeit, vor der Möglichkeit des Scheiterns, vor dem Wahnsinn der Realität. Vielleicht liebt sie auch deshalb selbstverständlicher. Denn es gibt vieles zu befürchten, um vieles muss man sich sorgen. Traurige Songs sind für sie nicht eine Erinnerung an den wärmenden Sonnenstrahl, sondern an den Herbst. Sie will aber glauben dürfen, dass es ein Frühling ist, dass die Sonne stärker wird, dass die Dinge wachsen. Sie will positive Songs und Gefühle. Sie will in ihren Songs aufbrechen. Ich will in meinen Inne halten. Ich wage ihr nicht zu widersprechen. Vielleicht hat sie recht. Ihre Hoffnungen wärmen mich, bevor ich weiterkrieche.

Posted in: Journal

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