2017-10-02 Nacht

By openmedi on 2. Oktober 2017 — 3 mins read

Es gibt immer weniger Werke, die wir wirklich bewundern können, aber die wirkliche Bewunderung wird immer größer, je länger wir uns selbst versucht haben. Bewunderung: Das könnte mir nie gelingen, und wenn ich siebenmal leben dürfte. Und vor allem, scheint mir, schärft sich der Unterschied zwischen Bewunderung und Achtung; ein Unterschied ohne Übergang. Achtung nenne ich es, wenn der andere, den ich lese, zwar weiter gekommen ist als ich, aber er geht auf der gleichen Ebene, ich werde ihn nicht mehr erreichen, aber es ist nicht unerreichbar von vornherein, er hat im wesentlichen keine anderen Mittel als ich, vielleicht hat er mehr davon, vielleicht nutzt er sie glücklicher, sein Vorsprung sei nicht geleugnet, aber sein Gelingen liegt nicht jenseits meines Begreifens. Das ist die große Mehrzahl der Schriftsteller und Dichter, die man achtet, zuweilen auch beneidet, etwa wie Sportler einander achten oder beneiden, wenn sie unterliegen – Dann aber, und das ist das Erlösende der wirklichen Bewunderung, gibt es solche, die uns von jedem Vergleiche befreien; der Unterschied ist unerbittlich klar: wir gehen – er fliegt …
(Trakl zum Beispiel.)
Von den Fliegenden, denke ich, kann der Fußgänger wenig lernen, was für ihn nicht eine Pose bliebe.

(Frisch, Max: Beim Lesen, Tagebücher 1946-1949)

Bewunderung habe ich im Prinzip nicht. Oder jedenfalls nicht in den Dingen, die ich selber auch kann oder könnte. Ich habe Achtung für die konsequente Durchführung eines Planes und ansonsten höchstens _Ver_wunderung über meine eigene Disziplinlosigkeit. Ich verstehe vieles nicht. Relativitätstheorie, Quantenphysik, RNA, usw. Aber wäre es mir unmöglich gewesen das alles je zu Begreifen? Vielleicht wäre ich nicht „von allein“ drauf gekommen. Das ja. Vielleicht ist das der entscheidende Unterschied? Vielleicht bin ich auch zu narzisstisch. Überlegen und damit bewundernswert sind mir trotzdem nur harte Arbeiter_innen erschienen, denn Quantenphysik oder Auf der Suche nach der verlorenen Zeit ist die Frucht der Arbeit.

I am from Missouri. You have got to show me.

Ich denke, wenn ich an Frischs Nachkriegstagebücher denke: Gib mir weniger von der Literatur, vom Fabulierenden und mehr vom Betrachtenden, von dem, was sonst so passiert. Das ist besser und nicht so uninteressant überzogen grell. Die Inhalte interessieren mich nicht. Das lange Schinz-Stück am Ende, z. B. Mich interessiert die Praxis, die zu den Inhalten führt. Die Beobachtungen, die das Leben prägen, welches sich da artikuliert. Inhalte produziere ich selber, aber die Praxis, die theoretische oder literarische Praxis, z. B. der Textproduktion, das ist, was mich interessiert. Auch so bei meiner Masterarbeit: Ich interessiere mich für die Dinge, die um die Inhalte geschehen. Ja, ich sehe ein: Inhalte sind unumgänglich für die historische Entwicklung, aber es interessiert mich nicht so sehr, wie die generelle Form des Tuns und was daraus wird und wie es zu Stande kommt, prozesshaft gedacht.

Die Natur, neutral gedacht und dann noch an Wunder glauben. Gespräch mit ihr macht überraschend deutlich: 1. Ich glaube an die Wissenschaft als eine aufdeckende Kraft 2. Ich glaube an die Liebe auch in Zeiten der Evolutionstheorie und der Genforschung, weil ich nicht finde, dass sich das ausschließt. 3. Ich glaube, dass Natur das Fundament von Kultur ist und sich unter, über, zuweilen auch in, kurz überall finden lässt. Sie kann für schön gehalten werden, aber ihr Ziel ist nicht notwendigerweise zielgerichtet zu sein, sie mag schön sein wollen, um z. B. der Fortpflanzung zu dienen, aber dann ist Ästhetik zunächst ein unaltruistischer Vorwand. Altruismus sowieso: Es mag ihn immer noch geben – wie das Bewusstsein selbst. Menschlichkeit stirbt nicht dadurch aus, dass man wissenschaftlich zu erforschen sucht, wie der Prozess z. B. der Liebe biologisch, chemisch, genetisch vonstatten geht. Vielmehr zeigt sich im Kleinen auch wieder, dass die Sorge, die der Liebe nicht unverwandt ist, nicht sehr leicht weginterpretierbar ist.

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