2017-10-18 Nachmittag

By openmedi on 18. Oktober 2017 — 1 min read

Hamburg. Trotz vorab schon pessimistisch-skeptischer Grundhaltung eine überaus ernüchternde Erfahrung nach Wohnungen in Hamburg zu suchen. Morgen Arbeitsvertragsunterzeichnung. Ein Leben als Stuhltanz. Kreisen um Jobs. Kreisen um Wohnraum. Kreisen um eine Existenz, die man gerne die eigene nennen wollte. Entspannung erst dann möglich, wenn man all das hat: Beziehung, Wohnung, Arbeit. Ich merke: Das ist eine bisher noch unbekannte Erfahrung. NIcht, dass man als Student nicht auch seine Probleme hat. Ich stelle mir mein Studentenleben jedoch fast mönchisch, irgendwie außergesellschaftlich vor – im Rückblick die Lächerlichkeit mancher politischer Forderung. Nun trage ich gesellschaftlich in viel stärkerem Maße, wenigstens gefühlt, bei. Ich zahle Sozialabgaben, zahle den vollen Preis im Museum und auch sonstwo. Ein Gefühl von Ebenbürtigkeit, von Gewichtigkeit. Implizit auch ein stärkerer Mitgestaltungswille, schließlich ist es jetzt auch mehr meine Gesellschaft. Aber eben auch: Die nicht enden wollende Suche nach Deckung, Unterschlupf. Es ist anstrengend auf eine Art und Weise, die nur aus Erfahrung ersichtlich wird.

Das selbe Geld bezahlt in Hamburg im Vergleich zu Berlin weniger und qualitativ schlechteren Wohnraum. Elf oder Zwölf Leute stehen in einer Dachgeschosswohnung, deren Rauhfasertapete nicht nur an einer Stelle schwarz vom Schimmel ist. Eine andere Wohnung besichtigen wir im Dunkeln, weil es keine Lampen gibt und nicht nur wir lassen uns trotzdem den Interessentenbogen aushändigen. Ich stelle mir vor, wie das in 10 Jahren laufen wird. Man müsste spaßeshalber in Kopenhagen oder New York nach einer Wohnung suchen, um die dystopischen Zustände erahnen zu können. In und um Berlin in den 1990ern und 2000ern groß geworden zu sein, heißt auch, dass man solche Probleme in dieser Größenordnung auch von seinen Eltern nicht kennt. Ich spreche mit meiner Mutter darüber, die mich dankenswerter Weise nach Hamburg begleitet hat. Wir träumen von Zeiten, als man wegen einer Wohnung anrief, den Schlüssel bekam und in aller Ruhe selbst schauen konnte. Zum Teil ist das auch noch heute so, sagt sie. Sie hat sicher nicht Unrecht, aber gerade die kleineren, günstigen Wohnungen, die ich mir leisten kann, werden auf diese Weise wohl kaum angeboten.

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