2017-12-05 – Abend

By openmedi on 5. Dezember 2017 — 6 mins read

Da die Freundin heute aufgrund der Feierlichkeiten des hundertjährigen Bestehens Finnlands (morgen ist es soweit – Deutschland gratuliert übrigens nicht mit der Erleuchtung eines Wahrzeichens) unterwegs ist, habe ich nicht nur die üblichen 90 Minuten “für mich”. Ich stecke in der vierten Woche meines neuen Jobs und es ist vieles schon sehr viel klarer, auch selbstverständlicher – was mein Arbeitspensum anbelangt: auch auf der Gegenseite. Es gibt gewisse Erwartungen, auch was mein Verständnis für den Möglichkeitsraum oder das Entwicklungspotential der Abteilung anbelangt. Aber es läuft.

Als Medienrechercheur ist das Anfragen, Recherchieren, Aufbereiten und Berichtigen von Medien- und Redaktionsdaten in dauernder sich wiederholender Schleife die Hauptaufgabe. Im Prinzip bin ich ein professioneller Abspeicherer. Es ist wohl kein Zufall, dass ich darin viele Parallelen zu den Aufgaben und Herausforderungen der Botanik sehe. Die Aufgabe ist ausreichend komplex, um nicht langweilig zu werden, aber sie ist uferlos. Es gibt immer ein nächstes Medium zu recherchieren, der nächsten Unstimmigkeit auf den Grund zu gehen. Es macht vor allen Dingen Spaß über die Speicherstruktur und Automatisierung und Standardisierung von Vorgängen nachzudenken, darüber zu fantasieren, welche Möglichkeiten sich böten, wenn man diese oder jene Technologie einsetzen würde. Es gibt ständige Klassifizierungsschwierigkeiten, spezielle Eigenschaften bestimmter Medienbranchen und Medienarten, die in der Aufbereitung berücksichtigt werden müssen und am Ende geht es darum den Sweet Spot zwischen einem gerade noch referenzierbaren “semantischen Anker” und Weltverdopplung zu finden. Denn dieser semantische Anker sollte natürlich auch nützlich sein. Wir in der Medienrecherche sind moderne Taxonomen. Was früher die Botanik auch deshalb tat, weil die Botanik nicht nur Prestige sondern handfeste wirtschaftliche Anwendungsmöglichkeiten versprach, hat sich mit der Hinwendung zur Wissensarbeit im 21. Jahrhundert, mit einer Hinwendung zu Medieninformationen transformiert.


Dazu gehört auch noch Paranoik und dionysische Wildheit von Klaus und meine Überlegungen zur Akteur-Netzwerk-Toxikologie:

Das Konzept einer Akteur-Netzwerk-Toxikologie, bei der es durch die Berührung zweier sich einander fremder Akteur-Netzwerke notwendig zu gegenseitigen “Vergiftungen” kommt, die dann mit Neutralisierungsbemühungen (auch “lernen” genannt) beantwortet werden. Kann ein Akteur-Netzwerk ein anderes reproduzierbar neutralisieren, oder gar vollständig vergiften, dann geht das eine Netzwerk im anderen auf oder ist zukünftig nicht in gleicher Weise mehr für Berührungen mit dem anderen Netzwerk sensitiv. Dies ist nur eine Frage der Zeit und der Ressourcen des jeweiligen Netzwerkes. betrachtet man das ganze chronologisch und stellt sich ein Diagramm vor, auf dem auf der x-Achse die Zeit und auf der y-Achse, die Interaktionsintensität eingetragen wird, dann würde man idealtypisch eine Glockenkurve sehen: Zunächst keine Berührung, dann die Berührung/Vergiftung, zunehmende Interaktion/Auseinandersetzung, bis am Höhepunkt “gelernt” wird (Neutralisation oder vollständige Vergiftung, wobei eine gegenseitige Neutralisation das typische Ergebnis ist), woraufhin, dank reproduzierbarem Lernerfolg, die Intensität der Auseinandersetzung wieder abnimmt. Die Intensität drückt sich im Freiwerden von Emergenz aus, oder noch unbestimmter Qualität, die sich durch die Interaktion mit dem jeweilig anderen Netzwerk ergibt.

Aus 2017-11-14 Abend.

Und hier Kusanowsky:

Das heißt, dass das, was bei Luhmann mit dem Vermeidungsbegriff „symbiotischer Mechanismus“ (z.B. Affektkontrolle) behandelt wurde, dann nicht etwa nur ein Krisenbewältigungsverfahren zum homöostatischen Wiedereinpendeln von Ordnungsmustern ist um auf diese Weise die Systeme gegen Veränderung durch Differenzierung zu immunisieren, sonden im Gegenteil, um den Zerfall von Ordnungsmustern und Regeln zu beschleunigen, ohne damit zugleich die Motivationen zum Weitermachen zu vernichten. Paranoische Beobachtung von Operativität würde darauf reagieren, auf die beständig anhaltende Beobachtung des Zerfalls von Formen, was allerdings erst geht, wenn diese symbiotischen Mechanismen nicht zur Krisenbewältigung gebraucht würden, sondern, übertrieben formuliert: als Verfahren der Überlebensversicherung. Ein altes Wort dafür ist: dionysische Wildheit.
Dazu aber ist es notwendig, dass soziale Systeme immer weniger Rücksicht auf den affektfähigen Körper nehmen brauchen. Er müsste durch soziale Strukturen besser geschont werden, weil er sich dadurch umso eigensinniger selbst belasten kann.

Für mich scheinen diese Ideen verwandt. Zwar geht es ihm, wenn man den Rest des Texts hinzu nimmt, um den Versuch die Strukturen zu erschließen, die den “Projektor” (sein Begriff) eines jeden Akteurs (mein Begriff) ausmacht, also es geht um die Nutzbarmachung für Experimente, aber die grundsätzliche Dynamik der “fremden Berührung”, die dann zunächst Emergenz freisetzt bis gelernt worden ist, da ist es ähnlich. Der Versuch ist nun in Kusanowskys Falle, die Schließung der Wunde, die durch die Berührung entstanden ist, so lange wie möglich zu verzögern, wobei die Schließung als “Überlebensversicherung” für den Experimentator natürlich von Bedeutung ist. Paranoik ist nun denn also diese Experimentalwissenschaft, die an den Strukturen des Projektors interessiert ist.

Sage ich also etwas zur #kzumafia, dann ergibt sich der interessante Umstand, dass damit Handlungen von Akteuren beschrieben werden – Das ja, keine Frage! – die aber selbst etwas ganz anderes im Sinn hatten und diese Beschreibungen für sie dementsprechend befremdlich wirken. Die Erwartungshaltung bezüglich des Möglichkeitsraumes von Beschreibungen wird unterlaufen, genauer: Die Erwartung an wahrscheinliche Beschreibungen, eine Untermenge der möglichen Beschreibungen, wird unterlaufen. “Wie kann man mich nur so und so anhaltend falsch verstehen?”

Für solche, für die die Erforschung des Projektors wichtig ist, ist das Experimentieren mit sich bewusst oder unbewusst anbietenden Akteuren von großer Bedeutung. Im Wechselspiel mit dem Versuchsaufbau, der unter Anderem den defizitären Mediator Twitter umfasst, weil dieser die Wahrscheinlichkeit von Korrespondenzkommunikation unwahrscheinlicher macht und damit etwas anderes, Internetkommunikation, deutlicher hervortreten lässt, wird immer wieder neu versucht die oben genannte Schließung so lange als irgendmöglich hinauszuzögern. Es ist die Luftpumpe, die das Vakuum (hier: den Projektor) nachweisen soll. Zum geglückten Experimentieren gehören bestimmte Experimentalstrategien, wie etwa das semantische Zerfahren von Kommunikation, wenn sich entgegen aller Wahrscheinlichkeit Korrespondenzkommunikation anbahnt. Man versucht das System so gut es geht zu kontrollieren, man könnte auch sagen: Zu disziplinieren.

Dabei ist die inhaltliche Auseinandersetzung in den Tweets oder auch sonstwo eine “als ob”: Die Auseinandersetzung ist nicht qua Auseinandersetzung wichtig, sondern nur ein weiterer Test in der Versuchsreihe des Experimentalsystems.

Es ist interessant, dass sich dieses “als ob” auch in den so stattfindenden Diskursen wiederfindet: Die Begrifflichkeit der Fabula Rasa, in der oben von mir zusammenfabulierten Fassung jedenfalls, bringt zum Ausdruck, dass zur Teilnahme am Diskurs (am Experiment) ein essentielles Verständnis für die Teilnahme gar nicht nötig ist. Auch ohne mein Wissen oder mit meinem Halbwissen bin ich Teil des Experimentalsystems der #kzumafia.

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