2018-07-23 Mittag

By openmedi on 23. Juli 2018 — 1 min read

Nach wie vor in Finnland. Von Mücken zerfressen, nach dem wir gestern auf dem Kanjonin kurkkaus unterwegs waren. Habe bei Anchor bereits zweimal zur Natur, Naturschutz und Co. gepodcastet. Grundüberlegungen waren:

  1. Es gibt keine einzelne “normale”, “wahre” Natur. Dementsprechend ist Natur im Nationalpark nicht einfach eine schlechte Imitation von wirklicher Natur, sondern ein eigenes Werk, eine eigenständige vollwertige und ernstzunehmende Instanz von Natur.
  2. Natur ist ein Labor. In vielerlei Hinsicht ist Natur ein Forschungsraum, der nicht nur die eigene Beobachtungsgabe trainiert, sondern auch Fragen bezüglich der eigenen Kultur aufwirft. Diese Konstruktion selbst ist zwar kulturell Bedingt (hier Kultur, da Natur, so sagen wir Modernen), aber nichtsdestotrotz und gleichzeitig ein wertvolles Werkzeug unserer Kultur. Nationalparks sind Heterotopien.
  3. Natur im Nationalpark ist genauso Konstruktion wie forstwirtschaftliche Wälder es auch sind. Die Konstruiertheit dieser Natur im Nationalpark, ihre Zweckhaftigkeit (Naturlehre, Entspannung, Naturschutz), deutet auf eine gewisse Technizität von Natur hin. Auf dieser Ebene sind forstwirtschaftliche Wälder und Naturparks nicht prinzipiell verschieden, lediglich ihr Zweck ist ein anderer.

Da Pflanzen, Pilze und Tiere als Ressourcen für solcherlei Konstruktionen keine einfachen Arbeitsmaterialien sind und keineswegs einfach nur vorliegen, sondern als eigenständige Akteure durchaus gewaltig mitkonstruieren, ist es vielleicht nicht ganz falsch von etwas Vorgefundenem zu sprechen, was in seinem Potential erkannt wird und zu etwas Zweckmäßigen umgearbeitet wird. Naturschutz schützt im Prinzip Vorgefundenheiten, Protonaturen, die sich zur Konstruktion von Naturen eignen.1 Diese Aufgabe ist deshalb also von Bedeutung, weil sich Naturen nur schwerlich aus dem Nichts schaffen lassen. Viele Vorgefundenheiten tragen das Potential für mehr als nur einen Zweck in sich. Weshalb der Kampf um die Auslegung von Protonaturen (wirtschaftlich, touristisch, biologisch, etc.) zum Teil sehr heftig und emotional geführt wird.

Der Naturschutz ist also eigentlich eine Art technisch-architektonische Disziplin, die Protonaturen in didaktische Labore transformieren und diese Labore erhalten will. Zum Charakterisierung der Mittel des Naturschutzes dann demnächst mehr.


  1. Naturen können zum Beispiel zur Konstruktion von Narrativen herhalten, wie man sie aus Naturdokumentationen kennt, als Erholungsgehege, als Sportstätten, aber auch als wirtschaftlich auszuschlachtender Forst, als Jagdgebiet, als überflüssige Biomasse, die den Zugang zu geologischen Ressourcen erschwert, als behindernder Faktor im Ausbau lokaler Infrastruktur, als Bedrohung für die Landwirtschaft, usw. usf. 
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