2018-09-16 (Reisevorbereitungen)

By openmedi on 16. September 2018 — 6 mins read

Letzter Tag im Job am Freitag verlief positiv. Fast ein bisschen zu viel Aufmerksamkeit. Aber es lag ja nie an den Menschen im alten Job, sondern am Job selbst. Freue mich jetzt auf die neue Herausforderung.

Bis ersten Oktober ist ja noch ein bisschen Zeit. Ich werde morgen nach Berlin fahren und am Mittwoch dann nach Oulanka weiter. Ganzes Wochenende bisher nur rumgehangen.


Die zunehmende Verlangweiligung meiner Person nimmt zu. Aber gleichzeitig zeigt sich in diesem durch die Entscheidung sich von seinem akademischen Kram – und daran angeschlossene Dinge, wie dem Forschungsprojekt zur #kzumafia – frei zu machen, sich ergebenden Raum, in dieser Schwerelosigkeit, gerade im Kontrast zu dem was davor war vermehrt was es vor allem für persönlich-biografische Eigenheiten gibt, die einen in seinem Versuch Theorie zu machen geprägt haben.

Ich merke es überall. Z. B. wenn ich, was nicht häufig vorkommt, durch meine Facebook-Timeline scrolle und ich an einem solchen Post hängen bleibe:

Ich würde von mir selbst erwarten, dass ich solche Posts interessant finden würde. Es geht um Feldforschung in einem Bereich, der mich interessiert (Naturschutz), mit nicht-klassischen Präsentationsmethoden (Podcast). Mir gefällt sogar Haltung: Dass es ums verstehen derjenigen geht, die dort was machen, anstatt diese sofort in bereits vorgefertigte Schubladen zu stecken.

… und doch habe ich als tatsächliche erste Reaktion eine abwehrende empfunden. Mein innerer Dialog ging in etwa so: “Na toll. Die machen genau das selbe wie ich – in weniger sofistizierter Art und Weise – und bekommen dafür auch noch Aufmerksamkeit. Würde ich versuchen mit diesen Leuten ins Gespräch zu kommen, wäre ich aber lediglich ein Zuhörer. Das will ich nicht. Ich fühle mich ungerecht behandelt. Was ich mache ist interessant und trotzdem erzeugt es kaum Traktion. Und warum sollte ich Traktion auch wollen? Und dann habe ich dafür ja auch gar nicht die Zeit. Und mein Thema ist es ja auch gar nicht, jedenfalls trifft es das nicht genau genug. Und von Interesse für mich wäre ja eher das methodische der Feldforschungsarbeit. Aber das werde ich dann wieder ohnehin nicht zu sehen bekommen. Und das ist sowieso alles Vergangenheit. Ausblenden! Sofort! Ich habe auch gar keine Zeit in neue soziale Beziehungen zu investieren, wenn es doch am Ende nur darum geht, meine Meinung als gleichberechtigt durchzusetzen. Das ist ja dann alles Quatsch. Das macht ja gar kein Sinn. Ausblenden!”

Diese Reflex selbst potenziell Interessantes auszublenden, weil man sich nicht ablenken lassen möchte, weil man weiß, dass man für “Größeres” sowieso mehr Zeit investieren muss, usw. … ich will nichts Interessantes tun, machen, denken, konsumieren, wenn ich mich nicht ausgiebig damit auseinandersetzen kann. Es ist eine Art asketischer Perfektionismus. Die Angst auch als Amateur zu gelten. Ich möchte nur voll investieren oder gar nicht.

Daraus leitet sich für mich der Wunsch nach einem Leben entlang eines großen Projektes ab. Viele Texte, dieses Blogs artikulieren Aspekte großer Pläne. Wie häufig spreche ich über den Aufbau meines Produktivitätssystems? Wie oft ist Planung, was noch in Zukunft zu tun ist, usw. Thema? Ich entwerfe und verwerfe andauernd Zukünfte, was geht, weil ich nie halb investiere.

Auf der einen Seite lässt sich diese Form der Forschung sehr gut allein bewerkstelligen, was meiner Tendenz Dinge am liebsten allein und für mich zu tun, entgegen kommt. Andererseits erlaubt die Planung und das Herumtüfteln an Projekten für mich selbst im stillen Kämmerlein eben gerade das Ausblenden von Interessantem für einen guten Zweck, für den großen Wurf. Es ist dann nämlich möglich die Begegnung mit interessanten Dingen, wie dieser Feldforschungspodcastepisode, einfach wegzuplanen, sie also so im Rahmen des Planes für den großen Wurf zu rekontextualisieren, so dass man sich damit nur am Rande und nur irgendwann in der Zukunft  beschäftigen muss. Es handelt sich um eine Neutralisierung von Interessantem, um sich von anderen Ideen nicht vergiften zu lassen.

“Vergiften” meint hier so etwas wie “beeinflussen”. Im Sinne meiner Idee der Akteur-Netzwerk-Toxikologie, ist jede Berührung mit einem neuen Akteur(-Netzwerk) charakterisiert durch den immer selben Ablauf: Man berührt sich, man vergiftet einander mit neuen Ideen, einer Form der Ordnung der Phänomene die einem begegnen, Stilen der Artikulation des eigenen Selbst, usw. und im Austausch versucht man einander nun mit seinen Mitteln zu neutralisieren, d.h. entweder Integration von Akteur A in B oder umgekehrt oder die Schaffung von reproduzierbaren Techniken (auch rhetorische) zum Zwecke der Verteidigung vor einer solchen Übernahme. Es ist der Versuch einen etwas anderen Blick aufs Lernen zu gewinnen, bzw. dieses zu universalisieren, denn aus dieser Perspektive ist fast alles Lernen, bzw. eine Vergiftung.

Man kann sich natürlich unkontrolliert vergiften lassen und wird über diesen Weg interessante Integrationen und Imunisierungstechniken erlernen und das passiert allen, es gehört für menschliche Akteure (und nicht nur diese) zur Entwicklung dazu. Mehr oder weniger gezieltes Leben, d. h. auf die Umsetzung einer Intention hin, die nachher den eigenen Körper und seine Organe (hier ganz generell gedacht) nicht mehr nötig hat, um Vergiftungen zu neutralisieren, das scheint hingegen nach wie vor wichtig. Die Externalisierung der Verteidungs-/Lernarbeit außerhalb des eigenen Körpers schafft Freiräume für tatsächlich Interessantes, weil es Intermediäre zwischen mir und dem fremden Akeur schafft, der ja selbst auch wieder lernen muss mit mir umzugehen, wenn dieser unwissende Akteur nun aber nicht von mir, sondern von einem Intermediär lernt, dann habe ich ressourcentechnisch einen Gewinn gemacht, den ich dann wiederum in die Fokussierung auf meine Intention stecken kann.

Plane ich also, rekontextualisiere ich also, dann schaffe ich zwischen mir und dem was mich berührt Abstand. Ich bin unabhängiger und kann die frei gewordenen Ressourcen in dieses Abwehrbollwerk stecken.

… nur zum großen Wurf kommt es so wohl nicht. Oder jedenfalls ist die Wahrscheinlichkeit für einen großen Wurf auch dadurch verringert, weil ich die Ins und Outs (insbesondere die Ins) meines Netzwerkes so stark kontrolliere, dass der vermeintliche Ressourcengewinn nur ins Produktivitätssystem investiert werden kann.

Tritt man einen Schritt raus aus dieser Dynamik wird außerdem deutlich, dass es sich hierbei um einen Schauplatz neben anderen handelt. Da ist die Arbeit, die Beziehung, die Familie. Alles überlagert sich und ist gleichzeitig der Zeitlichkeit unterworfen. Man driftet in den Wrackteilen, die man sein Leben nennt, knotet hier und dort was zusammen. Die Form des Floßes wird dann stabil bleiben, wenn man die Ins und Outs seines Lebens unter Kontrolle hat. Aber eine zu stabile Form wird reproduzierbar nur Langweiligkeit erzeugen.

Stimmt schon. Die Leute, die so etwas sagen haben ja nicht unrecht – jedenfalls auf den ersten Blick. Ich habe heute mehrer Stunden auf Youtube diesem Künstler bei seiner Arbeit zugesehen. Und dann habe ich mir ein Baseballspiel angesehen. Immer wieder die gleichen Bewegungen, fast identische Spielsituationen – was ist daran schon interessant? Aber vielleicht ist das Interessante dann bei solchen Dingen nicht sofort ersichtlich? Wer diese Frage nicht nur stellen, sondern erforschen möchte, der wird um ausreichend stabil reproduzierbare Langeweile nicht herumkommen. Die Ausblendung von offensichtlich Interessanterem wird notwendig.

Und wenn man dann am Ende ein Floß, eine Plattform hat, auf der sich was aufbauen lässt, anstatt nur zu driften, dann stellt man fest wie viel Interessanter dieser Ozean ist, der einen umspült, weil man Handlungsmöglichkeiten hinzugewonnen hat. Und dann geht das Spiel mit dem Ausblenden der offensichtlich interessanten Dinge von vorne los.

P. S.: Ich habe natürlich gut reden: Ich bin in der glücklichen Situation genug nette Menschen um mich zu haben und den verbleibenden Rest mit Podcasts und Co aufzufüllen, so dass ich mir für meine Projekte kaum weitere menschliche Interaktion wünsche. Für andere Leute ist das mit Sicherheit anders. Diese Unabhängigkeit ist ein Privileg, dessen ich mir sehr bewusst bin.

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