2018-09-24 (Verdopplung/Erweiterung)

By openmedi on 24. September 2018 — 4 mins read

Während ich das hier schreibe, sitze ich mit einer ziemlich guten Internetverbindung vor meinem Rechner aber ansonsten mitten im Wald, in einer Forschungsstation des biologischen Instituts der Universität Oulu. Es ist leise. Klar sind auch hier unfassbare Verklumpungen menschlicher Dinge vorzufinden. Da ist die Station selbst, das Besucherzentrum, auf der anderen Seite des Flusses, die Angestellten, eine Gruppe Mykolog_innen, die sich hier noch zwei Tage lang aufhält. Ich bin hier wegen meiner Freundin, die im Besucherzentrum arbeitet, weshalb ich mich tagsüber hauptsächlich in diesem kleinen Zweibettzimmer aufhalte, nur ab und an den Raum, die Station verlasse, in den Nationalpark gehe.

Und dennoch ist das hier keine Stadt. Der nächste Supermarkt ist 30 Kilometer entfernt. Es ist wie gesagt zum Teil bemerkenswert leise. Und es ist dunkel. So dunkel, dass der Himmel, wenn man z. B. Abends von der Sauna zur Abkühlung in den Fluß steigt, am hellsten ist.

Ich finde insbesondere interessant, wie sehr ich diese physische Distanzierung genieße. Die gleichzeitige verhältnismäßige Anonymität hier auf der Station (ich bin ja lediglich Gast meiner Freundin und habe sonst nicht viel mit den anderen Gästen der Station zu tun), ruft Erinnerungen an meine Kindheit wach, in der ich mir häufig ausmalte, wie es wohl wäre wenn man in einer Station am Südpol oder auf dem Mars leben würde: Draußen Lebensfeindlichkeit, aber drinnen ist Leben unter bestimmten Voraussetzungen möglich. Dreht man die Dramatik-Schraube noch etwas weiter: Draußen geht die Welt unter und dagegen kann man nichts tun, aber hier drinnen, im begrenzten Raum, der sich kontrollieren lässt, da ist Überleben möglich.

Es ist dies eine Verdopplung, Externalisierung, bzw. genauer: eine Erweiterung der Herausforderung im “Innern” des Bewusstseins selbst: Äußere Einflüsse lassen sich nicht steuern, nur wie wir auf diese reagieren. Stoizismus.

Diese beiden Tweets stehen beispielhaft für das philosophische Problem der Kontrolle, Intentionalität, Selbstgenügsamkeit: Selbst die im ersten Tweet von @farnamstreet genannten Dinge, die wir vermeintlich selbst kontrollieren können, sind prekär und die Kontrolle über diese ist (aus meiner Sicht) nie vollständig, die Dinge sind aber auch nicht entkoppelt vom eigenen Verhalten. Andere meinen Kontrolle ist das Ergebnis einer reduktionistischen Betrachtungsweise von Relationen, d.h. man kontrolliert nichts (wirklich). Das wiederum halte ich für tatsächlich reduktionistisch, während die anderen Positionen lediglich keine gute Beschreibungsqualität erreichen.

Die Erweiterung und Auslagerung der eigenen Kontrollversuche in Dinge und durch die Konstruktion von Räumen, die genau genommen Relationsgeflechte von Dingen darstellen, erlaubt die Verlängerung der eigenen Handlungsmöglichkeiten und führt außerdem eine gewisse Trägheit in die Reaktionsfähigkeit von menschlichen Akteuren ein, was wiederum die Durchsetzungswahrscheinlichkeit der Intention des Geflechts (also eine intermediäre Version einer Intention des menschlichen Akteurs – *einer* Intention – nicht notwendigerweise der aktuellen – aber trotzdem: immerhin!) erhöht. Die Möglichkeit der iterativen Verbesserung solcher Geflechte (wie man es aus Experimentalsystemen, aus der Programmierung, aber auch aus der Organisation eines Familienalltags kennt), erlaubt die Etablierung von Infrastruktur, einer lokalen Realität, in der das eigene Leben in Kongruenz mit den eigenen Vorstellungen stattfinden kann.

Kurz gesagt: Der richtige Raum kann relationale Kontrolle produzieren. Diese Kontrolle ist Ergebnis relationaler Verklumpungen, die in diesem Beispiel durch menschliches und nichtmenschliches Handeln über die Zeit hergestellt werden, wobei der Erfolg (teilweise Kongruenz mit der inneren Vorstellung/Intention für menschliche Akteure z. B.) einem Machtüberschuss eines Akteurs über andere entspricht, wobei es sich hierbei um eine seinsgebundende Realität (einen “subjektiven Eindruck”) handelt.

Letzteres ist insofern interessant, als dass das Ausbleiben von Kongruenz zwischen Vorstellung und externer Erweiterung unter menschlichen Akteuren auch “intersubjektiv” Machtungleichheiten zur Zirkulation im Akteur-Netzwerk bringen kann. Was ist Macht für nichtmenschliche Akteure? Wenn eine soziales Netzwerk wie Twitter Suchteffekte erzeugt. Wenn der Forscher das Experimentalsystem immer wieder neu zum Einsatz bringt. Wenn sich der Drucker unter Linux nicht installieren lässt. Wenn der Router mit einer neuen Firmware ausgestattet wird um vorher unzugängliche Funktionalitäten freizuschalten usw. Im Akteur-Netzwerk-Sprech, spricht man häufig von Agency oder Handlungsmacht, um den Aspekt des “einander zum Handeln”-Bringens zu betonen. Kann ich andere Akteure dazu bringen zu Handeln, dann gibt mir das Kontrolle.[^1]

[^1]: Und in meinen Augen eben nicht nur das Gefühl von Kontrolle, weil dies mehr Annahmen über das Zustandekommen des Gefühls machen muss, obwohl Kontrolle vermeintlich nicht besteht – also irgendeine Verschwöhrungstheorie über die wirkliche Wirklichkeit™ ausdenken muss. Das kann natürlich Spaß machen und ist eine gute Fingerübung, erreicht aber in den seltensten Fällen eine hohe Beschreibungsqualität. Während die Affirmation von Kontrolle für den subjektiven Eindruck – dass man Kontrolle hat – die viel direktere Antwort hat: Man hat Kontrolle. (Hier sei noch ergänzt, dass das was Kontrolle ist, wie man sie hat und ob das was man da hat nicht auch anders bezeichnet werden kann, alles beantwortbare Fragen sind.)

Posted in: Journal

Leave a comment

%d Bloggern gefällt das: