2018-10-28 (drei Internetphasen)

By openmedi on 28. Oktober 2018 — 3 mins read

Es gibt im Prinzip bisher drei Internetphasen in meinem Leben bisher:

  1. Die Witzphase
  2. Die Theoriephase
  3. Die Rückzugsphase

Phase Nummer eins war am ehesten noch geprägt vom Rumprobieren. Ein früher Podcast (Katergespräch), ein Blog, der jeden Tag drei Links publizierte. Ich hatte eigentlich noch nichts zu sagen, hatte eigentlich auch noch nicht genügend technische Expertise um irgendwas interessantes zu tun. Ich hatte selbst nichts mitzuteilen außer mein Mitteilungsbedürfnis. Ich versuchte hart insbesondere auf Twitter witzig zu sein (und Sterne abzugreifen) und empfinde das im Nachhinein auch als wesentlichen Bestandteil dieser Phase. Nicht ganz zufällig fällt Phase 1 auch (mit Verzögerung) mit meinem Studium der Digitalen Medien in Bremen zusammen.

Phase Nummer zwei ist die Theoriephase. Sie ist sehr stark an meinen Versuch gebunden mein angelesenes Wissen über wissensanthropologische Feldforschung ins Internet zu tragen und sie an einem Fallbeispiel (#kzumafia) durchzuspielen. Es gab Podcastgastauftritte, eigene Podcasts, viel Twitterei und Tagebuchartige Bloggerei zum Thema. Auch der eine oder andere Versuch von etwas längeren Essay-artigen Texten zum Thema. Diese ziemlich lange Phase fiel mit meinem Studium der Wissenschafts- und Technikgeschichte an der TU Berlin zusammen.

Phase Nummer drei ist die Rückzugsphase. Ich hatte viel Zeit und Energie in die #kzumafia gesteckt und am Ende löste sich mein Interesse einfach auf. Vielleicht hatte ich auf Twitter und in meinem Blogartikeln und in den Podcastgesprächen schon alles gesagt. Vielleicht verlor sich mein Interesse auch aufgrund der anderen Lebenssituation (ich war jetzt nicht mehr im akademischen Bereich unterwegs) oder ich fühlte mich einmal zu viel vor den Kopf geschlagen (Hey, ich bin ja dann doch auch nur ein Mensch…). Schwierig zu sagen. Die Phase ist gerade am Anfang oder im Übergang davon geprägt, dass ich aus einer Art Pflichtgefühl heraus versuchte meine Feldforschungsarbeit zu intensivieren, was wiederum auch nur offensichtlicher machte, dass diese Sache sich irgendwie erledigt hatte. 

Man kann nicht sagen, dass sich Phase zwei nicht gelohnt hätte: Auch wenn weder ein Artikel, Buch oder auch nur ein vernünftiger Blogpost aus meinen Beobachtungen erwachsen ist, so profitiere ich doch ungemein von der jahrelangen Auseinandersetzung mit Leuten, die nicht meine Leute waren.

  • Man kann sehr viel länger unterschiedlicher Meinung sein (und bleiben) und trotzdem irgendwie klarkommen, als ich so gedacht habe.
  • Selbstbewusstsein hat, wer in Säure nicht nur schwimmen gelernt hat, sondern immer wieder neu ins Säurebad steigt.
  • Was theoretische Tools anbelangt, ist die Welt begrenzter als sie zunächst den Eindruck macht. Es kommt erstaunlich wenig dazu. Vieles wird mit anderen Worten und in anderen Kontexten immer und immer wieder neu gesagt.
  • Theorie zu machen ist in den meisten Fällen eine Art Gefangenenkunst: Sie informiert in den wenigsten Fällen die Architekten oder auch nur die Administratoren von Gehegen. Und ganz egal wie gut man das Gefängnis welches man bewohnt zu kennen glaubt: An der Struktur und den Abläufen ändert das herzlich wenig.
  • Es ist möglich – auch wenn es unfassbare Mengen Empathie und Plastizität erfordert – allen in allem zuzustimmen und trotzdem auch noch eine eigene Meinung zu haben.

All diese Dinge, die hier nebeneinander stehen und aus ihnen abgeleitete und ihnen vorangehenden Dinge bilden ein ziemlich verlässliches Netz, das wie aus der Pistole geschossen belastbare Antworten produzieren kann. Oder anders ausgedrückt: Die Theorie als Fähigkeit konnte ich mir aneignen. Nicht, dass es hier nichts mehr zu lernen gäbe, aber es kommt auf dieser Ebene nicht mehr allzu viel Neues dazu. Der Aufwand rechtfertigt nicht mehr das Ergebnis. Da ich auch nicht für den Aufwand mir Theorie anzueignen bezahlt werde (oder dafür Theorie auf Fallbeispiele anzuwenden oder dafür mir neue Theorie auszudenken – alles natürlich Sachen, die man genau genommen nicht trennen kann) – oder bezahlt werden könnte, ist der Leidensdruck sich Theorie anzueignen enorm gesunken.

Man könnte auch sagen: Ich habe Theorie genug um vom Beobachten ins Machen zu kommen. Und zwar in ein Machen, welches nicht mehr nur Theorie ist. Da stehe ich jetzt. Es hat ziemlich lange gedauert, aber ich bin nun also ein Programmierer.

Posted in: Journal

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