2018-12-19 (Wie großartige Führer Handlung inspirieren)

By openmedi on 19. Dezember 2018 — 4 mins read

Das obige Video ist eins der am häufigsten geschauten TED-Talks. Der TED-Talk ist ein Paradebeispiel für den Minnegesang des zweiten Mittelalters. Es wird vermittelt, dass starke Führer solche sind, die sich über ihr Warum im Klaren sind. Das Wie und das Was folgt, wenn es einen starken inneren Antrieb gibt. Apple, Martin Luther King Jr., die Wright-Brüder. Alle würden sich von ihren Zeitgenossen abheben, weil sie ein ganz starkes Warum kommunizieren. Dieses Warum (d. h. grob die Artikulation bestimmter Wertekonstellationen) korreliert mit den Warums der Kunden, Wähler, etc. und erzeugt so eine gewisse Unwiderstehlichkeit.

Das ganze ist außerdem biologisch, bzw. genauer: neurobiologisch (also wissenschaftlich und gleichzeitig nicht (nur) psychologisch) fundiert. Das ganze ist übrigens der beste Teil des Gesagten, denn wird dies dadurch mehr als nur eine Meinung. Der Neokortex korrespondiert mit dem Was und steht für Sprache, Rationalisierung von Entscheidungen und das limbische Gehirn steht für das Wie und Warum (Gefühle, Vertrauen, Entscheidungsfindung).

Im weiteren geht es um Diffusionstheorie, d. h. um die Unterteilung des Marktes in eine Glockenkurve mit Innovatoren, Early Adoptern, frühe Mehrheit, späte Mehrheit, Laggards. Wobei der Sprung zwischen etwa 10% zu ca. 18% das größte Problem darstellt.

Vorgetragen werden diese Einsichten im typischen “turns out”-Stil, bei dem man sich ein rhetorisches Mittel zu Nutze macht, bei dem man den eigenen Schluss besonders neu und überraschend erscheinen lassen kann.  “It turns out all the great and inspiring leaders they all think, act and communicate they exact same way.” Das wirkt überraschend und macht neugierig.

Es ist ein interessantes Stück, weil es so erfolgreich das Genre bespielt.

Aber es funktioniert nur im winzigen Gehege einer Präsentation zwischen Simon Sinek und denen, die gerne selbst inspirierend wären und dafür nach Inspiration suchen. Das impliziert gewisse Werte. Die These performt sich selbst. Ist man selbst nicht mit Autorität (oder Seniorität) gesegnet, ist die Diffusion eines eigenen Warums auf sämtliche Akteure einer Firma (z. B.) nicht zu machen. Die stille Voraussetzung ist, dass diese Autorität also schon bestehen muss oder wenigstens bestehen könnte. Wer zu den 2,5% Innovatoren gehört, der kann, der sollte nach den Prinzipien des goldenen Kreises handeln, denn das erhöht die Wahrscheinlichkeit dafür, dass sich das eigene Potenzial auch durchsetzen kann.

Einerseits sticht die statische Sicht der Dinge ins Auge. Es geht um harte Wissenschaft, um Gesetze und was aus diesen folgt. Implizit schwingt sogar die Eignung der Theorie als prognostisches Werkzeug mit. Wer sich so verhält, so kommuniziert, sich über sein Warum im Klaren ist, der kann nur gewinnen. Und doch ist klar, dass es nur um 2,5% geht. Und ob man dazu gehört? Eingeladen zum TED-Talk wurde ich ja schon mal nicht. Aber wie die New Yorker Lotterie zu sagen pflegt: Hey, you never know.

Vieles ist in ähnlicher Weise über das gesamte Genre gesagt worden. Hier ein Beispiel:

So I ask the question: does TED epitomize a situation where if a scientist’s work (or an artist’s or philosopher’s or activist’s or whoever) is told that their work is not worthy of support, because the public doesn’t feel good listening to them?

[…]

Perhaps it’s the proposition that if we talk about world-changing ideas enough, then the world will change. But this is not true, and that’s the second problem.

Bratton: We need to talk about TED: https://www.theguardian.com/commentisfree/2013/dec/30/we-need-to-talk-about-ted

Hier werden die Rollen des Industrialisten (dem Innovator)  gegen jene des Kritikers – klassische Rollen der Moderne – noch einmal gegeneinander ausgespielt. Vieles ist wahr was der Kritiker sagt und doch kann man die Überzeugungskraft des Minnesämgers des zweiten Mittelalters nicht in Abrede stellen.

Ich würde sagen, dass die hier getätigten Artikulationen viel mehr über das zweite Mittelalter sagen, als die Spätmoderne.

Ob optimistisch oder pessimistisch: Gemein ist beiden Rollen der Glaube an die Möglichkeit zur Veränderung. Wenn nicht vor einem Risiko gewarnt wird, wird eine nicht wahrgenommene Chance angemahnt. Noch wird nicht kapituliert. Der Wissenschaftler merkt an, dass sich die Leute falsche Vorstellungen von Wissenschaft machen und dass Wissenschaft so zukünftig nicht mehr funktionieren würde. Der Thoughtleader weiß vor allem eines: Um Chancen zu ergreifen muss man sich selbst kennen. Von innen (Ich, Warum, Innovation) oder von außen (Gesellschaft, Kritik, Untergang), es handelt sich um fast symmetrische Artikulationen von etwas weiterem: anderen neuen Wertekonstellationen (ja neuen Werten), dem Wegfall vermeintlich verlässlicher Realitätsmaschinen wie der Wissenschaft, kurz der Redistribution von Ordnung durch die Schaffung neuer Akteure und der Verklumpung dieser zu neuen Formen.

Aber die Mittel für die sprachliche oder sonstwie geartete Fassung dieser ist noch nicht gefunden und kann nie gefunden werden, weil es sich um ein bewegliches Ziel handelt. Es ist ein defizitäres Geschäft. Man muss auf das hören was im Alten, im Jetzigen mitschwingt, mitgesagt wird. Um eine Ablehnung des TED-Talks oder des Kritikers kann es deshalb nicht gehen, sondern um eine ernste aufopfernde beschreibende Tätigkeit, um die Verlängerung, Splittung, Abbildung, Aufzeichnung, Kartierung, Verstärkung, Fokussierung, Kontextualisierung, Verdeutlichung usw. an der sich Zeichen des zweiten Mittelalters zeigen.

Und das übrigens nicht um durch die Abbildung der Realität Einsicht in die Zukunft zu erhalten, sondern weil die Tätigkeit der Beschreibung selbst aktiv lokale Realität produziert.

Posted in: Journal

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