2019-03-19 (Taskwarrior)

Von openmedi veröffentlicht am 3/19/2019, 9:46:28 PM

Ich merke vor allem die Müdigkeit. Aber ich hatte mir vorgenommen heute noch einmal zu bloggen und nicht schon wieder so einen halbgaren Post abzuliefern, wie die letzten paar Male. Wann habe ich denn etwas interessantes geschrieben in der letzten Zeit? Es ist eine Art Verflüssigung meiner Persönlichkeit eingetreten. Auf der einen Seite ist es begrüßenswert. Nur so kann es weitergehen. Den Kristall aufzubrechen und irgendwie neu zusammenzusetzen. Aber es wäre gelogen, wenn das stets nur eine Freude wäre.

Da ist die Problematik des Denkstils. Meine Lebensumstände haben sich geändert. Es gibt nun Arbeit und Freizeit. Und es wird nun nicht mehr in Richtung Wissen optimiert, sondern in Richtung Wirtschaft. Bestimmte, sonst durchaus mächtige Formulierungen, die ordnend in den Diskurs eingriffen, verlieren außerhalb ihres Einflussbereichs an Macht. Umgedreht, wird man mit Verhalten konfrontiert, was einen ein ums andere Mal überrascht – positiv wie negativ.

Es sind andere Charaktere, die Softwareentwicklung betreiben. Nicht fundamental. Es sind auch andere Leute, die in der freien Marktwirtschaft tätig sind. Ich wirke mit meinen Interessen und Verhaltensweisen schrullig im Kontext des Querschnitts dieser Personenmerkmalshalter_innen. Ich wollte schon schreiben “früher war nicht nur der Geisteswissenschaftler die Schrulle, sondern der Nerd ebenso”, aber schrullig sind wir ja alle. Schrulle ist, wer in einem bestimmten Kontext als Schrulle auffällt.

Die Meetingkultur ist faszinierend. Das Zusammenkommen in kleinen Gruppen ist die generalisierte Struktur der Moderne, nicht das Parlament. Ich registriere wie Autorität gerade in kleinen Gruppen Trumpf ist. Der Manager. Der, der sich mehr Redezeit als alle anderen rausnimmt. Der Coach, der psychologisiert bzw. soziologisiert. Der, der leise Spricht. Der, der den fehlenden Fokus anmahnt. Usw. Viele Gesten der Macht. Und dann aber auch solche, die innerlich emigrieren. Und viel dazwischen. Man stellt schnell fest, dass man nicht klüger als der ganze Raum ist und man das höchstens früher war, wenn man genügend Möglichkeit zum Anderssein hat. Der Andere ist der mit Macht oder mit der Fähigkeit sich der Macht zu entziehen. Aber wie anders ist man als einer von 10? Und die Freiheit des Andersseins, kann auch in eine Vogelfreiheit umschlagen. Da ist Diplomatie im Spiel. Auf einer anderen Ebene laufen die privaten Ziele mit, gerade solche derjenigen, die ihrer Rolle wegen für das Etablieren von Realitäten bezahlt werden.

Auch das ein interessanter Effekt einer pseudodemokratischen “agilen” Unternehmensführung: Die Mitgestaltung einer Ordnung dupliziert den Effekt im kleinen, den das Kollektiv im großen hat: es ist Freiheit in den Grenzen eines Möglichkeitsraums, dessen Dimensionen sich nur scheinbar selbst steckt. Deutlicher: Es ist Autorität, die die Spielregeln für die Lösung vorgegebener Aufgaben vorgibt. Genauer: Die Autorität, das sind Vorgesetzte, Volksvertreter, Administratoren und Co. die aus dem einen oder anderen Grund über mehr Handlungsmacht verfügen und dementsprechend mehr tun können als andere. Weil sie stärker eingebunden sind. Der Zwang dem man als Autorität unterliegt erlaubt das Zwingen anderer. Der Gezwungenste zwingt am meisten.

Es sind verworrene Gedanken dieser Art, die man seiner Umgebung nicht mehr mitteilen kann, wenn man nun weder an einer Universität arbeitet, noch eine Peergroup sein eigen nennt, die an ähnlichen Themen außerakademisch forscht. Man erzählt sie sich noch selbst. Man kann die emotionalen Anteile abscheiden und seinem Partner oder seiner Partnerin mitteilen. Man kann homöopathische Dosen solcher Beobachtungen im Rahmen von Gesprächen und Meetings anbringen. Man kann diese Überlegungen im Sinne der Stoa als “Vorbereitung” verstehen und damit für notwendig halten. Aber sie sind sehr stumm.

Das ist auch eine Ressourcenfrage. Ich komme kaum noch zum Lesen. Und mein Schreiben, gerade mein kreisendes Schreiben, das fehlt auch. Ich schreibe dann oft über effiziente Docker builds. Oder wie Neural Machine Translation funktioniert (keine Ahnung!). Es ist alles nichts halbes und nichts ganzes. Die Entdeckung der Unzufriedenheit eines privilegierten Angestellten ist in diesem Sinne nur für mich interessant. Aber gleichzeitig ist es keine Sinnsuche. Es ist eher eine Suche nach dem Ausdruck der eigenen Beobachtungen im Hinblick auf Anschlussfähigkeit mit Rückkopplung. Das Perpetuum mobile steht still. Nicht weil mir das Thema fehlt, aber der Auspuff ist verstopft.


Außerdem habe ich von OmniFocus auf taskwarrior umgestellt. Vielleicht habe ich es mir zu leicht gemacht. Aber es hat mich immerhin zwei Tage gekostet, vier wenn man noch die Anbindung an Beeminder bedenkt. Ich habe Features verglichen und gewichtet, habe mir in Prosa überlegt was es bedeutet. Sogar ästhetische Überlegungen angestellt (Ist der Eindruck, den ich durchs Nutzen von taskwarrior vermittle ein anderer? Im Sinne meiner eigenen Idee eines Entwicklers von Code und Theorie schöner?). OmniFocus ist ein hübscher Monolith für Tasks, der entscheidungsstark einen verhältnismäßig engen aber überaus produktiven Möglichkeitsraum vorgibt. Taskwarrior ist eine Plattform für Tasks, die es mir erlaubt mein Setup in viel größerem Rahmen mitzubestimmen und dafür aber auch mehr von seinem Benutzer fordert.

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Tags: Agile, Arbeit, Autorität, Denkstil, OmniFocus, Ressourcenfrage, Rückkopplung, taskwarrior, Überzeugung