2019-03-29 (harte Arbeit)

Von openmedi veröffentlicht am 3/29/2019, 10:12:22 PM

Ich mag es hart zu arbeiten. Ich empfinde in der Härte der aufrichtigen Beschäftigung mit einem Gegenstand ein Gefühl Sinnhaftigkeit, die mir sonst wenig im Leben bietet. Ich habe Leute, die hart arbeiten können immer bewundert, weil in der passionierten Beschäftigung mit ihrem Gegenstand eine sich fast religiös anmutende tiefe Beziehung offenbarte, die weiter zu reichen scheint, als die alltäglichen vielen Beziehungen die wir eingehen und verwalten reichen. Dabei meine ich hier mit Reichweite nicht unbedingt die Überbrückung von mehr Distanz – im Sinne einer effektiveren Fernwirkung – wenn auch das durchaus mitschwingt – man denkt noch über den Gegenstand nach, wenn man gar nicht mehr untermittelbar bei ihm ist – auch geht es mir nicht um die Größe des Einflussbereichs – auch wenn man das ebenfalls mitklingen hören kann: andere Akteure fallen unter die Gravitation der Beziehung – mir geht es eher um die Tiefe der Beziehung, also um das Hineinreichen oder -ragen.

Eine tiefe Auseinandersetzung, das ist die besondere Beobachtungssituation, die sich durch fortgesetzte Beschäftigung mit der Sache ergibt. Die Aufgabe ist im vermeintlich selbstidentischen Neues, Emergenz, zu sehen und diese Kraft freisetzen zu können, in dem man sie zunächst auf sich wirken lässt. Es ist ein meditatives “Passivhandeln”, oder sich vom Gegenstand behandeln lassen, den Gegenstand zu spüren, auf seine Handlungsmacht einzugehen, sich kategorisieren zu lassen, sich oktroyieren lassen, das heißt aufgedrängte Privilegien zulassen, die eigene Schwäche gegenüber dem Gegenstand empfinden. Je tiefe man ineinander ragt, je tiefer man reicht, desto größer ist die Chance für Neues, das nur aus Altem oder Nichts kommen kann.

Die tiefe Auseinandersetzung erfordert nicht viel außer im Bann zu stehen und es zuzulassen. Für mich gehörte dazu immer auch ein Ethos. Dieses Ethos ist charakterisiert durch die opportunistische Verhaltenstendenz Schwierigkeiten als Normalität leben zu wollen, sie nicht einzuebnen oder herauszustellen, mit einigermaßen stolzer Miene, mit Bewusstsein für diese Haltung, mit der Fähigkeit für den einen oder anderen Witz um die Härte zu brechen. Es liegt eine gewisse Sportlichkeit in diesem Verhalten. Es kann Teamsport sein jeden Einwand für voll zu nehmen, jede Problematik als Facette zu sehen. Die harte Arbeit, der man sich unterwirft, gemeinsam, das ist eine Art improvisiertes spirituelles Drama. Man spielt gemeinsam Theater und treibt einander vor sich her. Man zwingt sich gezwungen zu werden, in dem man andere zwingt. Es ist auch etwas militärisches und daher an Ehre gemahnendes. Die Relativierung der Ressource Mensch und die Bereitschaft sich zu opfern, für die Sache. Ein altes Motiv. Es ist ein mönchisches Leben.

Es ist aber auch ein Leben, was es nicht gibt. Es ist eine Idee. Man kann gar nicht hart arbeiten. Man kann es nur versuchen. Man kann es nur performen, d. h. man kann es nur machen, wenn der Rahmen stimmt und dann ist es nicht von einem selbst abhängig. Deswegen sind das Aufgeben und das harte Arbeiten zwei Seiten einer Medaille. Man kann sich nur hingeben, wegschenken, sich prostituieren. Man kann das nicht erwartungslos. Man kann sich in der Darstellung des harten Arbeiters nur erwartungslos geben. Performance in der Performance. Und auch hier: Man wird dargestellt, man wird erwartungslos gegeben. Es ist nicht, dass man keine Handlungsmacht hat, aber im Versuch des eigenen Lebens, muss man die Knöpfchen so zu drehen wissen, dass es schwer wird harte Arbeit nicht mehr zu faken. Es ist auch die Umkehrung der Verhältnisse, das sich Unterwerfen, was es erlaubt die Wirkung des harten Arbeiters zu erzielen. Es ist eine Entwicklungsfrage, die nur durch Einwicklung gestellt werden und – zum Glück – nie abschließend gelöst werden kann.

Sinnhaftigkeit wird erkämpft in dem man sich privilegieren lässt durch den Gegenstand in ihn hineinzugreifen und Sprachrohr des Gegenstands zu werden, in dem man das hart erkämpfte Neue einfach weitergibt. Es ist dieser Moment, der aus Altem Neues “herausholt” und es weitergibt, es nicht für sich behält, der Interessanz erzeugt, das heißt bisher unbekannte neue Qualität wird als Ressource benutzbar, ein Veredelungsprozess setzt ein.

Und deswegen mag ich harte Arbeit. Es ist an sich nicht interessant. Und das macht es interessant. Bzw. genauer: Das produziert Interessanz.

Es ist dann umso frustrierender wenn harte Arbeit verunmöglicht wird. Das masochistische Element macht die Leute unruhig. Es erzeugt Unverständnis, man wird zunächst einmal weniger anschlussfähig. Man muss nun entscheiden ob man eine “Kompatibilitätsschicht” schafft, oder man nach den anderen Idioten sucht, für die ein solches Verhalten resoniert.

Sidebar: In der Softwarearchitektur unterscheidet man zwischen der fachlichen und der technischen Perspektive auf Software. Technische Zusammenhänge sind solche, die mit ähnlichen technischen Aufgaben befasst sind: Frontend, Backend, Persistenzschicht. Fachliche Zusammenhänge sind solche, die dem Problem der Domäne entsprechen: Auftragsverwaltung, Kundenverwaltung, Rechnungsmodul (zum Beispiel).

Resonanz könnte man analog dazu also auf technischer wie auf fachlicher Ebene empfinden: Vielleicht resoniert also die Methode, vielleicht resoniert das Thema. Und so finden sich dann schon genug Idioten.