Das semiotische Dreieck als reduktionistisches Modell

By openmedi on 6. Mai 2018 — 7 mins read

(Leider habe ich es zeitlich nicht mehr geschafft, eine #miniPodcast-Episode aufzunehmen. Als Trostpflaster habe ich mir überlegt, stattdessen meine “Irrfahrt” zu veröffentlichen, die ich zu den Antworten auf meine Bitte für Themenvorschläge durchgeführt habe, um herauszufinden, was ich im Podcast interessantes sagen könnte.)

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Seinsbedingungen, Kontrolle, Gelassenheit, dass ich so interessant auch wieder nicht bin und mein Wochenende mit der Familie. Alles sehr schöne Themen. Was haben diese eventuell gemeinsam?

Vielleicht die Herangehensweise an die Erschließung solcher Begrifflichkeiten oder die Perspektive? Denn was weiß ich denn über all das wirklich vorab? So viel ja nicht. Und genau genommen ist es auch ohne einen Kontext nicht spannend, weil ein Wort ja erst mal alles bezeichnen kann. Interessant wird es ja eigentlich erst, wenn Worte als Begriffe zum Einsatz kommen. Was ist der Unterschied zwischen einem Wort und einem Begriff?

Zunächst sei an das semiotische Dreieck erinnert: Es gibt Dinge “dort draußen”, von denen wir uns “hier drinnen” eine Vorstellung (einen Begriff) machen, den wir über Worte zu artikulieren versuchen. Die Idee des semiotischen Dreiecks ist in sehr vielfältiger Weise interpretiert worden und hier nur insofern interessant, als dass es von der Grundidee her klar macht, dass Wort, Begriff und Ding im Prinzip nicht voneinander zu trennen sind, sondern ein System darstellen, welches in seiner Gänze die Herstellung eines Bezugs ermöglicht. Aber auch schon hier wird der Kontext entscheidend: So gab es z. B. auch Modelle, die in Verlängerung von de Saussure den Bezug auf die Dinge da draußen in Frage stellten. Andere hingegen betonten, dass es sich bei diesem Zusammenhang eigentlich um einen sozialen Zusammenhang handelte, usw. Man kann mit einem solchen Modell viele verschiedene Akzentverschiebungen in den vielleicht zentralsten Übergangsbereich, nämlich den vom erkennenden Innen und dem erkannten Außen, stellen und sich dann im Anschluss zum Beispiel Fragen, ob ein Innen überhaupt am Außen teilnimmt, usw. usf. Dieses überaus produktive Spiel ist, wie gesagt, in ganz verschiedener Weise in ganz verschiedenen Bereichen gespielt worden. Es handelt sich natürlich nur um ein Modell und wird als solches keinesfalls von allen akzeptiert, aber für diese Überlegungen kann man ja mal spaßeshalber annehmen, dass das Modell selbst ist.

Für mich als Feldforscher ist daran nun zunächst folgendes wichtig: Da ich möglichst vielen Akteuren mehr oder weniger bedingungslos folgen möchte, ist wichtig, dass ich selbst, wenn überhaupt nur eine sehr abstrakte Vorstellung des Dreiecks habe. Man kann es vielleicht so sagen: Es schadet nicht, verschiedene Vorstellungen und ihre Entstehungs- und Wirkungsgeschichte zu kennen, wenn man diese nicht in aller Selbstverständlichkeit auf das was vor einem liegt anwendet. Oder: Die Artikulation des Modells hat eine lokale Realität, die man nicht durch Distribution von nicht-lokaler Realität überschreiben möchte. Deshalb ist auch eine begriffsgeschichtliche Abwägung eher überschreibend als relationalisierend: Denn anstatt den Kontext der jeweiligen Artikulation des Modells zu erforschen, findet eine kurzschlüssige Anbindung der Modellinstanz an die Begriffsgeschichte statt. Deshalb will ich in meiner Feldforschung behutsamer sein und den jeweiligen Artikulationen ihr jeweiliges lokales Eigengewicht als lokale Realität zugestehen. Das klingt so ausgedrückt vielleicht abgehoben, aber es geht genau genommen um die Plausibilisierung von fremden Aussagen in ihrem eigenen Sinne unter ihren eigenen, jeweils lokal herrschenden Bedingungen. Das Mittelalter oder die Antike und das Verhalten der Leute dieser Zeit, mag uns im Rückblick zunächst dumm oder unlogisch erscheinen, jedoch kann man durch behutsames kontextualisieren und durch das Artikulieren dieser Kontextualisierung wiederum einsichtiger machen, dass es gute Gründe gab, die dazu führten, dass sich etwas so verhalten hat, wie es sich verhalten hat. Und diese “guten Gründe”, die gilt es nicht nur für zeitlich verschobene, sondern auch räumlich verschobene Realitäten zu ermitteln. Aber es geht eben nicht nur um die Ermittlung, sondern auch um die Vermittlung. Es geht darum, ein gutes Beschreibungssystem zu finden, in dem die Plausibilität eines Vorgehens sichtbar wird.

Die Akteur-Netzwerk-Theorie hat natürlich auch eine Meinung zum Modell des semiotischen Dreiecks (bzw. genauer: Habe ich eine Meinung über die Meinung der ANT des semiotischen Dreiecks) und die ist zunächst: Es gibt keine Notwendigkeit zwischen Subjekten und Objekten zu unterscheiden, weil eine Innerlichkeit nie zu beobachten ist, Agency (Handlungsmacht) bei allen Akteuren (also das was vorher für Subjekte und Objekte gehalten wurde) hingegen schon. Jede Innerlichkeit zeigt sich immer nur als Äußerlichkeit. Einen Gedanken kann man nie als solchen Beobachten, sondern immer nur vermittelt, durch andere Akteure, wie z. B. bildgebende Instrumente oder eben Worte. Aber damit wird der Gedanke in seiner Äußerlichkeit zugänglich. Wenn es aber gar keine Innerlichkeit und gar kein “Ding an sich” gibt, dann ist das vermeintliche Unzugänglichkeitsproblem ein ganz anderes. Denn jetzt geht es darum, die Vermittlung, die immer da ist, “gut” zu gestalten, wobei was gut ist immer davon abhängig ist, in welchem Kontext wir uns bewegen. Weiterhin ist der vermeintliche riesige Graben zwischen Subjekten und Objekten (oder auch Subjekten und Subjekten) nicht so tief, jedenfalls nicht tiefer, als der Graben zwischen zwei oder mehr anderen beliebigen Akteuren. Die Sonderstellung des Menschen (und sein Sonderproblem: das des Erkennens) wird relativiert. Das heißt, dass das hier aufs Erkennen gemünzte Modell des semiotischen Dreiecks zu einer Komponente in der Herstellung von Referenzketten und damit Realität wird. Wobei der bis dahin so schwierige Sprung von einem Akteur zum nächsten zu einem sehr häufig zu beobachtenden Vorgang wird. Und noch mehr: Man kann sagen, dass je mehr Sprünge man zwischen Akteuren erzeugen kann bzw. vorkommen, je mehr Referenzen man ermöglicht bzw. beobachtbar sind, desto besser ist die Zugänglichkeit: Ausdrucke, Bilder, Bücher, getrocknete Exemplare, pflanzengeografische Karten, DNA-Barcoding, Datenbanken, Satelitenaufnahmen und noch vieles mehr, erlauben z. B. im Falle der Botanik die Wissenschaft. Natürlich könnte es auch immer ganz anders sein, aber das sind die von der Botanik selbst aufgestellten Bedingungen unter denen Sie Realität erzeugt und sich eben nicht nur “als ob” sondern tatsächlich ihrem Gegenstand annähert, den sie im übrigen selbst konstruiert, bzw. der Gegenstand sie. Dieses Verständnis, was Botanik denn nun eigentlich wirklich ist, ist natürlich nie frei von Perspektivität. Da es aber nicht mehr nur um das Erkennen und auch nicht mehr nur um soziale Wirklichkeit, sondern um die Distribution von Realität selbst geht, schafft eine spezielle Akteurskonfiguration eben zunächst lokale aber dann auch distribuierbare Realität durch die Einrichtung von Infrastruktur, d. h. z. B. durch Standards, Nomenklatur, Lehrpläne, Zertifikate und ähnliches, denn es sind an diesem Hier und Jetzt eben ganz viele verschiedene und oft sehr ungewöhnliche Akteure beteiligt und diese wird man dann wiederum natürlich verhältnismäßig individuell artikulieren, die Artikulation selbst wiederum ist aber nicht mit der zu artikulierenden Konfiguration zu verwechseln (die Karte ist nicht das Territorium).1 Prinzipiell handelt es sich beim semiotischen Dreieck also um eine Reduktion, die die vielen Mediationen, die ihre lokale Realität bedingen unsichtbar werden lässt. Ein anderer Weg das auszudrücken wäre zu sagen, dass das Konzept des semiotischen Dreiecks eine Inskription n-ter Ordnung ist. Für die Feldforschung kann das semiotische Dreieck also höchstens als ein Mediator oder eine Artikulation fungieren und so ist es auch mit jedem Konzept und jeder Differenz. Es handelt sich dabei um Artikulationen von Artikulationen, die etwas sichtbar machen, was sich ohne die Verlängerung der Kette nicht hätte zeigen können, aber es erklärt in sich selbst nichts. Wird das Konzept aus seinem Kontext, aus seinem Bezugsgewebe gelöst, kann es für alles mögliche stehen, verliert aber gewissermaßen an Bedeutungsspezifität. Was etwas lokal bedeutet, ergibt sich aus den nicht selten vernachlässigten Akteuren, die eben nicht so einfach reduzierbar sind, aber selten explizit mitartikuliert werden. Wie viel Arbeit man bewältigen kann, um all diese Akteure wieder sichtbar werden zu lassen und wie viel Diplomatie in der Aufdeckung dieser Akteure involviert ist, kann eigentlich nur unterschätzt werden.

Das hatte dann ausnehmend wenig mit den Themenvorschlägen zu tun oder wenn dann nur auf abstrakter Ebene und damit wieder sehr viel.


  1. Deshalb ist es genau genommen eigentlich richtiger zu sagen, dass es Subjekte und Objekte und ein erkenntnistheoretisches Problem gibt, aber nur im Kontext der Moderne. Es gibt daher auch das Soziale und die Gesellschaft. Alles ist wahr und richtig und real und wirklich. Aber eben nicht überall und im gleichen Grade. Und die Beschreibung dieser verschiedenen Realitäten mit z. B. der Realität ist eben nicht mit der Realität selbst zu verwechseln. Es ist ein Interpretationsangebot unter vielen. Im Prinzip bietet die ANT also eine Infrasprache an, die es ermöglicht die Moderne wie die Antike zu beschreiben, ohne große Verrenkungen anzustellen, weil man die jeweilige Realität und sämtliche möglichen und tatsächlich wirklichen und auch alle signifikanten Artikulationen der Realität affirmiert. Nichts ist ganz anders. Nichts muss also ganz anders beschrieben werden. 
Posted in: Irrfahrt

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