Fahnenstangenenden

Von openmedi veröffentlicht am 5/7/2019, 7:48:21 PM

Es gibt diese Momente wo es einfach aufbricht. Die Ordnung, sie zerfällt. Die ganze Arbeit, die man sich macht eine Realität am Laufen zu halten zerbricht vor dem eigenen Ende der Anstrengungen. Oder man hält es gerade noch so zusammen. Man sagt: Ende der Fahnenstange ist erreicht. Manchmal nur zu sich.

Diese Enden sind aber insofern interessant, als dass aus dem Schweigen, dem Heulen, usw. die Form der Haltung hervortritt. Es wird sichtbar, was als Form in schönere Worte gekleidet, nur durch viel einstudieren erahnbar wird. Und das ist man dann noch. Ein ärgerlicher. Oder was auch immer.

Aber selbst damit kann man noch was machen. Man kann nämlich sich in der Beobachtung des eigenen Fahnenstangenendes selbst zum Gegenstand machen, d. h. Autodidakt, Selbstlehrer werden. Eigenbetrachtung erlaubt das Abtrennen des Ichs vom Ich. Eine Differenz, die weitere Akteure freilegt, die man auch schon immer war.

Oder anders gesagt: Es ergibt sich die Chance, nach dem alle Umgangstechnologien, alle coping-Strategien aufgebraucht worden sind, auf lernen. Man kann an sich selbst wachsen, wenn man nun von einer Haltung, die einem begegnet in eine neue Haltung wechseln kann, die einem selbst das Ende als Anfang schenkt. Man muss sich in solche Situationen bringen. Man “vermenschlicht” sich damit auch für die umliegenden Akteure, bzw. genauer: Man ebnet sich selbst ein, man kann nun neben den anderen stehen und muss nicht darüber schweben, Ordnung gebend – und sei es nur Ordnung für sich selbst.

Schöner Gedanke. Aber auch schmerzlich. Weil nur in Haltung lebend, da hat man noch nichts bewegt, nur gehalten – auch wenn wenigstens ab und an in solchen Situationen Inne halten keine schlechte Idee ist. Aber doch nur für die nächste Ordnung Anlauf nehmend.

Nun ja. Das sind persönliche Enden. Und gleichzeitig ist die Transplantation dieser Gedanken auf andere Sachverhalte gar kein Problem. Man trägt es äußerlich heran, zunächst. Um es dann schließlich als von daher kommend zu identifizieren. Dass etwas wie etwas gesehen werden kann, das ist ein Zeichen.

Und so denke ich, dass auch Unternehmen, oder Gruppen, technische Konfigurationen, mykologische Hexenringe in eben solcher Weise an Fahnenstangenenden stoßen können. Und dann klappt es um. Es ist dann anders. Manchmal nur für einen Moment, weil die Ordnung sich wieder fängt. Manchmal auch für länger. Es mag auch ganz anders werden: lokaler Paradigmenwechsel. Die Realität kann nun nur noch anders sein. Es hat etwas Einzug gehalten. Aber sind es eben diese Stellen, diese Momente, über die man später berichten kann.

Man kann das auch hyperbolisieren. Kann schauen, dass man zerfallende Ordnungen schafft, das heißt Ordnung durch Zerfall schafft, bzw. Zerfall für Ordnung hält. Das geht auch. Aber man kann diese Zusätze rauskürzen. Es wäre lediglich ein Spiegelbild. Was Ordnung und Zerfall ist, das ist arbiträr. Und so ist es mit der Geschwindigkeit in der diese Zustandsänderungen auftreten, ihrerseits selbst ja auch bloß eine Unterstellung von einem gegliederten Ganzen, wobei dies selbst ein Effekt von Zufällen im ungegliederten Ganzen ist.

Aber dahin muss man. Man muss schauen, wie weit reicht die eigene Reichweite. Im Augenblick. Und dann aber auch darüber hinaus. Kann man dann sagen, was noch geht? Oder unter welchen Umständen noch etwas geht? Ich glaube schon.