Freund, Feind, Säure, Base – Akteur-Netzwerk-Toxikologie

By openmedi on 21. Februar 2016 — 3 mins read

Wahrscheinlich hilft es manchmal, sich bestimmte Akteure als eine Art Säure vorzustellen. Säuren sind für bestimmte Dinge wichtig, sie helfen beispielsweise bei der Zersetzung von allzu Verkrustetem. Sie müssen aber gleichzeitig in vernünftiger Weise eingehegt werden, weil sie sonst Dinge zersetzen, an deren Erhaltung einem möglicherweise gelegen ist. Es nimmt wenig Wunder, dass Säurenakteure eine Welt der freien Säure bevorzugen und in der Tat ist eine Welt der freien Säure für freie Säuren mit Sicherheit erstrebenswert, aber gibt es eben nicht nur Akteure, die nach Art einer Säure wirken. Sondern es gibt basen- und glasartige Akteure, es gibt metallene, elektrische und magnetische Akteure und all diese haben ihre ganz eigenen Vorstellungen, wie eine Welt der Freiheit aussehen sollte.

Die Folge davon ist, dass diese Akteure im Widerstreit eine unübersichtlich komplexe Welt schaffen, die aus der jeweiligen Warte den einen oder anderen Eindruck macht. Die gegenseitigen Abhängigkeiten und Kämpfe um Macht, erhöhen den Einzugsbereich der jeweiligen Akteure und lassen so immer wieder aufs Neue Hegemonialbestrebungen entstehen und zerbrechen.

Die hier aufgemachte Metapher, ist die einer prinzipiellen Differenz zwischen Freund und Feind. Diese scheinbar grundsätzlichste aller Differenzen – jedenfalls in großen Teilen der politischen Theorie des letzten Jahrhunderts – als nicht naturgegeben stehen zu lassen, sondern sich zu fragen, ob nicht in der Fähigkeit Realität selbst nicht (oder nicht nur) zu erkennen, sondern im Moment des Erscheinens tatsächlich zu schaffen, mag die Möglichkeit eines Auswegs aus dieser Problematik liegen.

Ein Akteur wird durch seinen Säurecharakter qualifiziert und dann seinen Feinden und Verbündeten und Neutralen, Nutznießern, usw. gegenübergestellt. Aber in erster Linie ist auch ein Säureakteur, wie ein basischer Akteur ein Akteur. Das heißt dem Akteur ist seine Säurequalifikation nicht essentiell, sondern es ist eine erworbene Eigenschaft, die sich über den ihn umgebenden Rahmen konsstituiert, wobei ich mit “Rahmen” hier die mit dem Akteur korrespondierenden Akteure meine, die seine lokalisierte Wirklichkeit ausmachen.

Wir können uns leicht vorstellen, wie ein Kind, dass in einer Umgebung aufwächst, in der rechtes Gedankengut als Hausideologie vertreten wird und dementsprechend als Bezugspunkt der Dorfgemeinschaft die lokale Realität ausmacht, d.h. Bezugspersonen des Kindes, das verfügbare Medienmenü, das Mobilitätspotential des Kindes und von mir aus auch die in den Genen kodierten Informationen seiner Abstammung usw. ultimativ den Möglichkeitsraum der Qualifizierungen des jeweiligen Akteurs beschränkt. Im Positiven wie im Negativen tendieren Äpfel nicht weit von ihren Stämmen zu fallen. Und das ist die Intuition, die hinter der ultimativen Unterscheidung zwischen Freund und Feind liegt: Eine Wahrscheinlichkeit.

Lesen wir Akteure nun aber als generelle Bezeichner für jede mögliche Entität, dann wird deutlich, dass wir es viel mehr mit einer Toxikologie der Akteure zu tun haben, als mit einer grundsätzlichen und nicht hintergehbaren Unterscheidung. Das soll heißen: Es hilft zwar, sich einige Akteure als eine Art Säure vorzustellen, aber nur dann wenn man versteht, dass dieses Säureartige selbst ein Ergebnis von gegenseitigen “Vergiftungen” von den die Akteure umgebenden Akteuren ist. Akteure haben so, zumindest potentiell, die Möglichkeit – es geht hier um die Beschreibung, diese Möglichkeit hatten sie ohnehin schon immer – säureartig (oder: glasartig, baseartig, etc.) aufeinander zu reagieren, weil diese Qualifikationen selbst erst durch Interaktionen mit anderen Akteuren entstehen. Das heißt auch, dass Qualitäten selbst immer schon Akteure sind. Auf diese Weise lässt sich eine generelle Typologie der Möglichkeiten von Akteuren erarbeiten, die die Unterscheidung Freund/Feind, wie sie in der politiktheoretischen Literatur spätestens ab Carl Schmitt aufkommt und sich anschließend verfestigt hat relationalisiert und damit den Weg frei gibt, auf eine Beschreibung dieses Zusammenhangs in lokalisierter Form.

Posted in: Essay

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