Gunter Scholtz: Philosophie des Meeres (Rezension)

By openmedi on 2019-03-10T22:18:46.000Z — 1 min read

Im Buch geht es um das Meer als Gegenstand der Philosophie. Dabei geht es nicht um eine neue Spezialphilosophie, sondern die Benutzung des Gegenstandes Meer als Geländer für eine philosophiegeschichtliche Kreuzfahrt (d. h. eine geführte Reise, keine Irrfahrt). Es fällt mir schwer vom historischen Standpunkte aus geschriebenen Büchern die wichtigsten Ideen zu extrahieren, weil dies eigentlich dem Charakter der hier nebeneinander gehaltenen Ideen widerspricht. Aber vielleicht kann man wenigstens einige Dinge benennen, die einem als besonders wichtig vorkamen.

Ganz grundsätzlich kann man sagen, dass das Meer als reflexionsfläche für Philosophen Europas auch schon in der Antike von Bedeutung war. Als Spiegel der Seele, bzw. als Gleichnis wurde es häufig zum Einsatz gebracht. Wasser wurde als Grundprinzip von Thales angenommen, Platon erschien das Meer suspekt, es diente den Stoikern als Bild für die richtige d. h. einsichte und selbstbeherrschte Lebensweise, Lukrez verdeutlichte an ihr die Bedeutung der Leidensfreiheit für das eigene Glück. In dieser Form könnte man noch viele Beispiele mittelalterlicher und moderner Autoren (es sind hauptsächlich Autoren im Buch) verdeutlichen. Gemein ist ihnen allen, dass das Meer hauptsächlich als kontemplativer Gegenstand auftritt, Metaphernpotenzial mal so mal so ausgelegt wird.

Beschäftigungen, in denen das Meer konkret interessant wird, sind für das Buch nicht vordergründig wichtig. Im wesentlichen beziehen sich diese auf Fragen des Naturrechts (z. B. bei Grotius) und der Bioethik, die selbst aber nur genannt wird. Ich finde das nicht schlimm. Aber es geht um das Meer eher im unkonkreten Sinne, als Vorstellung oder Bild. Einzig das Mittelmeer hat als Wiege der europäischen Kultur häufige Erwähnungen.

Sehr interessant unter den Stationen des Meeres als Bild, sind die Darstellungen zur Erhabenheit, d. h. zu den Ausführungen zu dieser ästhetischen Kategorie, die im Hinblick auf die Positionen von Burke, Kant, Ritter, Hegel, Herder und anderen diskutiert wird. Erhabenheit eröffnet mir auch das Türchen meine eigenen Überlegungen zur Thalassophobie (wie ich neulich in einem Forumsbeitrag erklärte):

The aesthetic category of the sublime (Erhabenheit) and how it relates to the incomprehensibility of the ocean, its opaqueness and how all of this relates to society but also the “observing subject” (using old-school terms here, but really it’s about actors or mediators for me). The ambiguity of the ocean might be read as our own blindness before an incomprehensible actor or a network of those, rather than simply unanswering darkness (think: finally realizing the darkness you see is your own reflection from a big mirror; the ocean has been seen as the mirror of the soul for some philosophers). It’s all very useful for my own theoretical concept of thalassophobia (“an intense and persistent fear of the sea or of sea travel…”), which I use as a metaphor to express certain observations about doing field work in non-academic scholarly work on the internet[^1], namely, that the opaqueness of any scholarly venture risks uncovering the horror of incomprehensibility if the environment of the medium to be researched is different enough.

Ich über die Philosophie des Meeres im Beeminder-Forum.

Dass das erhabene Gefühl der Forschung (des Agierens in einem unbekannten, unübersehbaren Medium) kippen kann, wenn sich die Dunkelheit als das ins Feld getragene Eigene entpuppt (als die Reflexion, das heißt als Selbsterkenntnis artikuliert) oder jedenfalls von seiner Umwelt nicht ausreichend unterschiedenen werden kann und sich damit Schrecken über die ultimative Unverständlichkeit einstellt, dann spreche ich von Thalassophobie. (Und wie sehr ich verdeutlichen möchte, dass Undurchschaubarkeit nicht nur wünschenswert sein kann und als Produkt aus Interaktion zwischen Akteuren anzusehen ist, nicht als subjektiv zu erschließende Realität “da draußen”…) Das Erhabene dieser Auseinandersetzung erlaubt es nun von einer Theorieästhetik meiner Feldforschungs- und Normalisierungs- oder Relationalisierungsversuche zu sprechen: Ich trete als Akolyth des Ozeans der Geschichte auf, mit all seiner dynamischen Gleichförmigkeit, in der sich das eigentlich fantastische unserer Existenz zeigt.

Das Meer diente auch der Geschichtsphilosophie als Abgrenzungs- und Systematisierungswerkzeug, wie z. B. bei Herder und später pessimistisch gewendet beispielsweise bei Spengler.

Insgesamt habe ich das Buch gerne gelesen und ich merke, dass nur eine eigene forschende Beschäftigung – ob nun in der Freizeit oder als Beruf – Bücher dieser Sorte vernünftig aufschließen kann, weil sie ohne die Anbindung an eigene theoretische Versuche als lediglich angenehm geschriebene historische Faktentouren entlang am Geländer verkommen müssen. Sie können aber auch als Einstiegslektüre oder Überblickslektüre fungieren, wenn man etwas mit ihnen anzufangen weiß oder zumindest bereit ist mit ihnen etwas anzufangen.

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Tags: Bioethik, Erhabenheit, Meer, Naturrecht, Nützlichkeit, Ozean, Philosophiegeschichte, Thalassophobie, Theoriegeschichte, Wasser