Ich bin zu langsam

By openmedi on 18. März 2016 — 3 mins read

Ich bin zu langsam. Das was ich jetzt weiß, hätte ich vor zehn Jahren schon wissen müssen. Ich lese ein Interview mit Bruno Latour, dem Autoren, der für mich in den letzten fünf Jahren am bedeutsamsten war. Der Wissenschaftssoziologe spricht über die Bedeutung der Philosophie und die der Anthropologie, dass er Professor ist. Die Fragen der jungen Anthropologin sind sehr gut. Sie zielen in mehrerlei Hinsicht auf die Problematik des Westzentrismus ab: Glaubt Latour wirklich, ernsthaft, dass seine Arbeit als Anthropologe der Modernen außerhalb akademischer Kreise eine Bedeutung hat? Sieht er denn nicht, dass sein Gerede von einer neuen Bedeutung symmetrischer Anthropologie, als derjenigen, die alle Akteure, egal aus welchen Kollektiven, betrifft, Differenzen nivelliert, die Unterschiede zwischen arm und reich, schwarz und weiß, zwischen dem Westen und den First Nations unbeachtet lässt? Die Antworten, gewohnt besonnen, sind für sich genommen interessant genug, aber weisen sie mich auf den simplen Umstand hin, dass auch ich mich auf einem Weg hin zur frischen Luft, gewissermaßen, befinde, dort wo man die Moderne – die Moderne an sich, aber auch die lokaleren Dramen: die Aufklärung, die Kolonialisierung, die Kriege, all das… – überstanden hat, wo man die Aufregung begreifen kann, die Frische, die in der Provinzialisierung Europas und in der Perspektive liegt, die einem die Welt gestattet, nach dem man, die Einwürfe und Entwürfe und Argumente und Utopien und all das was den Westen, was uns, mich ausmacht, abgelaufen ist, jedenfalls die wichtigsten Positionen, seien wir ehrlich, so dass man über den Westen als Westen zu sprechen beginnen kann, als etwas Kompaktes, danach sehne ich mich. Aber ich bin zu langsam. Schaue ich in meine kleine Studierstube, dann sehe ich die Meter an Büchern, die ich noch Seite um Seite bezwingen muss, durcharbeiten, verarbeiten muss, neu lesen muss, will. Es ist unumgänglich. Und viele Standards liegen erst noch vor mir! Dies als meine eigentliche Aufgabe betrachtend, nämlich, die Moderne beschreiben zu können, d.h. sowohl das Rüstzeug zu besorgen, als auch die benötigten Reisen für die Datensammlung zu machen, bei gleichzitger Erfüllung all der kleinen und großen Pflichten, den Studienabschlüssen, der Sicherung eines Lebensunterhalts, z.B., erfordert einen gewaltigen Spagat, der auf bis jetzt noch nicht absehbare Zeit, auch wenn sich die Pflichten verändern mögen, so bleiben wird. Und es mag sogar sein, das wäre meine Befürchtung, die ich mir selten genug eingestehe, dass ich zu langsam bin, um mich je wirklich freizuschwimmen. Ich merke schon jetzt, wie die immer gleichen Sprachspiele, die spezifische Institutionalisierung, die Art der politischen Organisation und deren ausgefranste Kontexte, wie nasse Klamotten an mir hängen. Nur kann die Antwort auf diese Erschöpfung kein “Nein!” sein, kein “Bis hierhin und nicht weiter!”, auch kein Zynismus, keine Ignoranz. Nicht schon wieder die nächste Revolution, die alles wegwischen, alles abstreifen will. Vielmehr muss all das examiniert werden, die Form dessen in Augenschein genommen werden. Es wird dann möglich darüber hinwegzugehen ohne dessen Existenz zu verneinen. Und praktisch, nützlich, ist es auch. Aber die ganze Moderne zu relationalisieren braucht Zeit. Die ganzen Dinge, die als gelesen, bekannt, verarbeitet, verstanden vorausgesetzt werden, all das braucht es und das braucht wiederum Zeit. Ich sterbe irgendwann. Die Welt dreht sich weiter. Aber zwischen dem Jetzt und meinem Tod, dazwischen liegt das Problem der Bewertung der Welt und der Bewertung derjenigen, die die Welt bewerten. Ich kann z.B. das was Slotterdijk schreibt ebensowenig beurteilen, wie ich die Urteile eines Latour beurteilen kann. Aber das wird nötig sein. Es wird nötig sein im Verlauf des eigenen Wachsens selbst Urteile anzufertigen, die über die intellektuelle Traumabewältigung des kürzlich Gelesenen hinausgeht und sich der eigentlichen Aufgabe stellt, nämlich Geschichte zu schreiben.

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