Kandidatenheuristik vs. Vollständigkeit

By openmedi on 20. Februar 2017 — 4 mins read

Die Erfassung der Sonderdrucksammlung stellt mich vor die Herausforderung verschiedene Aspekte meiner eigenen generellen Überlegungen bezüglich der Produktion von Geschichte zu überdenken, nicht notwendigerweise, um sie zu verwerfen, sondern eher um sie zu aktualisieren und sich erneut ins Gedächtnis zu rufen.

Zunächst kann man zur eigenen Beruhigung feststellen, dass es einige sehr klar definierte Aufgaben gibt, die man erledigen muss und deshalb auch kann. Ich muss und will zur Orientierung das gesamte Material in seiner Ordnung/Hierarchie in einer Tabelle verfügbar haben, um damit auch unabhängig von den meisten Archivalien arbeiten zu können. Die Sonderdrucksammlung besteht ja nunmal zum Großteil aus Sonderdrucken, deren Signifikanz eher gering einzuordnen ist, denn es war damals Gang und Gäbe sich gegenseitig Sonderdrucke zu geben (oder so scheint es mir). Diese Tabelle wird dann die Grundlage für eine explorative Vernetzung der mit diesen Sonderdrucken und sonstigen Dokumenten in Verbindung stehenden Metadaten sein. Sind erstmal alle Daten da, dann lassen sie sich berichtigen, normalisieren und schließlich zählen oder weiter differenzieren. Gleichzeitig wird es auch darum gehen weiterführende sekundäre Literatur zu lesen, die es mir ermöglicht zusätzliche Informationen zu diesen Metadaten zu sammeln und ebenfalls zu vernetzen. Da sich die Geschichte mit Entwicklungen in der Zeit beschäftigt, ist auch klar, dass es eine Chronologie geben muss und vielleicht auch eine Karte. All diese Aufgaben stehen schon fest und es gibt keinen Grund nichts zu tun – oder jedenfalls liegt es nicht daran, dass die Aufgabe unklar ist. Die Erfassung und Aufarbeitung des mir zur Verfügung gestellten Korpus oder das (teilweise) Lesen, Sortieren, Rahmen, Kartieren und Beschreiben dessen, ist in “grober Auflösung”1 schon jetzt möglich.

Es wird aber auch wichtig sein, gerade weil die Sonderdrucksammlung eine eher notwendige Pflicht damaliger Wissenschaftler_innen war (oder so scheint es mir), eine Geschichte zu finden, die sich erzählen lässt. Man kann natürlich über Sonderdrucksammlungen an sich sprechen und das werde ich ob ich will oder nicht ohnehin tun müssen, aber das selbst gibt noch keine gute Geschichte ab. Diese Sonderdrucksammlung ist Adolf Engler zugeordnet und repräsentiert grob sein Forschungsnetzwerk, weshalb es interessant sein könnte, dieses Forschungsnetzwerk über den Verlauf der Zeit etwas zu verfolgen. Hier stellen sich dann aber große Herausforderungen, deren Lösung unklar ist. Meiner Schätzung nach habe ich es mit 60 bis 100 Archivordnern zu tun, die ihrerseits etwa 20 bis 50 Dokumente enthalten. 1200 bis 5000 Dokumente lassen sich beim besten Willen nicht im Rahmen einer Masterarbeit bearbeiten, selbst dann nicht, wenn man sich auf die Inhalte gar nicht einlässt und nur mit einem beschränkten Satz von Metadaten arbeitet, die man mithilfe von guten Sekundär- und Primärquellen rekontextualisiert. Auf welcher Grundlage soll man also eine Auswahl treffen? Wie geht man nach der Auswahl weiter vor?

Eine Netzwerkanalyse auf Grundlage von über 1200 Dokumenten, wäre sehr aufschlussreich, aber auch nicht machbar in der mir zur Verfügung stehenden Zeit. Dementsprechend schwer tue ich mich damit, den nahe liegendsten Weg – und auch den Weg, mit dem ich ursprünglich an die Aufgabe herantrat – zu gehen. Es muss also eine Heuristik gefunden werden, die aufgrund unvollständiger Informationen kluge Annahmen macht und schließlich Kandidaten für eine bearbeitbare Aufgabenstellung zu finden. Meine Heuristik bisher ist die unerwarteten Funde innerhalb der Sonderdrucksammlung im Hinblick auf mögliche Fragestellungen abzuklopfen. So fand ich ein Forschungstagebuch eines Botanikers aus einer deutschen Kolonie, welches u.U. über die praktischen Arbeitsabläufe der botanischen Forschung in den deutschen Kolonien informiert. Auch ist eines der wenigen Zeugnisse direkter Kommunikation zwischen Engler und Forschern in Kolonien, die mir bisher unterkamen. Der Text ist leider nur sehr schwer zu entziffern, aber dies könnte im Hinblick auf die Fragestellungen, die sich an so einen Text anschließen ein lohnenswerter Startpunkt sein, auch weil der kolonialbotanische Kontext aus Englers Wirken eben auch im Hinblick auf die Pflanzengeographie eben nicht wegzudenken ist.

Nimmt man nun diese beiden vorhergehenden Absätze zusammen, dann stellt sich ein weiteres Problem dar: Zum einen ist eine Vollerfassung des Korpus’ nicht nur aus Gründen wissenschaftlicher Lauterkeit wünschenswert, sondern auch weil damit eine (auf bestimmte Metadaten begrenzte) Vollständigkeit erlangt werden kann. Da wir aber, wie gesagt nur begrenzte Zeit und Ressourcen zur Verfügung haben, um diese Masterarbeit auch abzuschließen, muss man eigentlich von einer vollständigen Aufnahme absehen und stattdessen entlang eines Themenkandidaten Nachforschungen anstellen, anstatt sich den gesamten Korpus anzusehen.

Historie voll

Dieses explorative Vorgehen ist nicht mein präferiertes Vorgehen, aber es ist das Vorgehen, welches sich im Rahmen einer Masterarbeit noch umsetzen lässt. Die Kandidatenheuristik verkürzt und reduziert den Umfang und den Grad der Genauigkeit mit dem man die wohl definierten Aufgaben, von denen ich eingangs sprach durchführt und nimmt dafür die Ungenauigkeit, Unvollständigkeit und das Risiko in Kauf auf diesem Wege keine oder nur scheinbare Kandidaten zu finden.


  1. Es scheint sinnvoll, sich über den Grad der Differenzierung im Sinne der Auflösung z.B. eines Displays zu verständigen. Es wird so deutlich, dass man das Raster nicht schon zu früh zu eng macht und dass es einen skalenartigen Übergang gibt, von einer ganz undifferenzierten Betrachtungsweise, zu einer hochspezifischen. Wer von vornherein ein zu kleines Raster anlegt, der wird Übermorgen noch nicht fertig und zerschneidet das vorgefundene Terrain möglicherweise unvorteilhaft. Deshalb ist es sinnvoll, sich zunächst grob im Korpus zu orientieren, Signifikanzen zu ermitteln und dann peu-à-peu ein Raster zu finden, welches die Orientierung und genaue, d.h. hochaufgelöste Beschreibung gleichzeitig ermöglicht. 
Posted in: Irrfahrt

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