Neil MacGregor: A History of the World in 100 Objects (Rezension)

By openmedi on 12. Januar 2017 — 5 mins read

Neil Macgregors Eine Geschichte der Welt in 100 Objekten macht für mich zweierlei deutlich: Erstens die Herausforderung, ja die Notwendigkeit die alte, olle Geschichte, die kaum einer noch hören mag und für die sich ohnehin nur die interessieren, die sich für sie interessieren, immer wieder neu zu erzählen. Und zweitens, dass sich in diesem „immer wieder“ und „neu“ eine Dialektik des Erzählens zeigt, die vielleicht nicht von ungefährt an Meditation erinnert.

Das vorliegende Buch ist ein Buch zu einem Radioprogramm. Gemeinsam mit der BBC hatte das British Museum sich die Aufgabe gestellt, auf der Grundlage von 100 Objekten eine aktuelle Geschichte der Welt zu erzählen. Da ich die Radiosendung selbst nie gehört habe, kann ich zu ihrer Qualität und ihrem Design nicht mehr sagen, als in der Wikipedia steht, das Buch habe ich hingegen gelesen.

Wie lässt sich nun eine Weltgeschichte schreiben, wie lässt sich überhaupt eine Geschichte schreiben, die sich auf Objekte stützt? Zunächst ist entscheidend, dass Objekte hier als Startpunkt der Exploration früherer Zeiten und Gesellschaften verstanden wird. Man stellt sich also nicht dumm und versucht den Gegenstand an sich zu beschreiben und aufgrund dieser 100 Objekte eine Geschichte zu erzählen, sondern tatsächlich handelt es sich um den Aufhänger. So wird z.B. schon beim ersten Objekt, der Mumie von Hornedjitef klar, dass die Methode der Erzählung hier in der Beschreibung des Objekts einerseits, aber vor allem in der Kontextualisierung des Objekts oder die Nacherzählung der Biografie des Objekts liegt und diese Biografie selbst erhellt häufig Zusammenhänge, die für das Erzählen einer Weltgeschichte von Bedeutung sind. So erfahren wir durch die Kontextualisierung der Mumie, z.B. dass sie 1835 geborgen worden ist und zehn Jahre später ins britische Museum gelangte. Wir erfahren außerdem, dass die Hieroglyphen zu dieser Zeit gerade erst entziffert worden waren und außerdem, dass wissenschaftlicher Fortschritt auch heute noch Einfluss auf die sich aus solchen Objekten herausanalysierbaren Informationen hat. So wird erzählt, dass man mithilfe von CT-Scans ins Innere der Mumien, das heißt unter die Leinenwickel schauen kann, was in der Zeit der ursprünglichen Ausgrabung noch nicht möglich war. Wir erfahren also nicht nur etwas über die Mumie selbst, dass es sich hierbei um einen angesehenen ägyptischen Priester handelt, der in der Zeit Ptolemäus III. lebte und dass der Mumiensarg darüber informiert, dass sich dieser Priester auf die gefährliche Reise im Leben nach dem Tod vorbereitete, sondern wir erfahren außerdem etwas darüber wie man etwas über das Objekt herausgefunden hat, welche Fragen sich immer noch stellen und außerdem welche Bedeutung das Objekt in anderen Kontexten hat. Außerdem dient jedes Objekt auch immer der Explikation eines bedeutenden Apsekts der Geschichte als anthropologische Geste. So dient Macgregors Mumie als Beispiel wie Objekte im Verlauf der Beschäftigung erstaunlicherweise immer wieder neue Informationen generieren.

Diese drei Aspekte – Beschreibung des Objekts, Biografie des Objekts, das Objekt eingebettet in seine Biografie als Beispiel für einen allgemeinen Aspekt der Geschichtsschreibung – ziehen sich durch das gesamte Buch. Ebenfalls durchs gesamte Buch ziehen sich die Kommentare von auf die eine oder andere Weise mit dem Objekt in Verbindung stehenden Persönlichkeiten, die ihren eigenen Eindruck über die Signifikanz des Objekts schildern. So wird der Archäologe Angus Wainwright etwa zu einem Helm, der zur Sutton-Hoo-Ausgrabung gehört, befragt und Sumarsam, ein indonesischer Schattenspieler zu einer Schattenspielerpuppe die mehr als 200 Jahre alt ist. Diese Kommentare lockern einerseits den Text etwas auf und weisen andererseits daraufhin, dass es sich bei diesem Buch um eine Adaption eines Radioprogramms handelt. Inhaltlich sind diese Kommentare häufig eher vernachlässigbar, was nicht zuletzt aus Gründen des Platzes der Fall gewesen sein dürfte.

Denn diese Weltgeschichte ist kurz und lang zugleich: Auf der einen Seite ist keines der Kapitel sehr lang. Es handelt sich eher um ein historisches Tauchbad, aus dem man schnell wieder zurück an die Oberfläche kommt, bevor man dann wieder für ein paar wenige Minuten in ein ganz anderes Thema abtaucht. Diese Kürze der einzelnen Kapitel erzeugt Abwechslung und Unterhaltung und wirft die Frage auf, wie sich diese Formel auch in anderen Fällen nutzen ließe. Demgegenüber steht die Anzahl der Kapitel: Es sind 100 (bis auf das erste Objekt) chronologisch angeordnete Kapitel, die sich außerdem noch in zwanzig Teile ausdifferenzieren. Die gedruckte Ausgabe des Buchs umfasst immerhin 640 Seiten. In dieser Hinsicht bleibt auch diese Geschichte allen anderen Geschichten treu: Geschichte zu erzählen, das braucht eine Menge Worte. Die kurzen, häufig durch Fotos und Kommentare aufgelockerten Kapitel scheinen im Wechselspiel mit der Länge des Buchs jedoch ein gutes aktuelles Rezept für die Erzählung einer Geschichte der Geschichte zu sein. An einigen Stellen hätte man sich vielleicht ein paar Karten gewünscht, so etwa, wenn es um die Herkunft des Materials (Italien) einer in Canterbury gefundenen Jadeaxt, dem 14. Objekt, geht. Weiterhin wären Karten auch deshalb wünschenswert gewesen, weil einen der Schwerpunkte die Beschreibung anderer Kulturen bildet. Wo diese jedoch jeweils liegen und welche anderen Kulturen gleichzeitig auf der Weltbühne agierten und jeweils in Beziehung (hätten) stehen (können), muss sich aus den Texten erschlossen werden, was zwar nicht immer leicht aber anderseits auch nicht unmöglich ist, weil es sich ja um eine chronologische Darstellung handelt und die Kapitel nicht selten über Querverweise verfügen.

Alles in allem handelt es sich bei dieser Weltgeschichte um eine moderne Darstellung der Geschichte, die insbesondere formal interessant ist und als gutes Beispiel für die Geschichtsschreibung dienen kann. Trocken, langweilig oder langatmig ist sie nicht. Wenn man ihr einen Vorwurf machen wollte, so müsste dieser im Fehlen eines langen Atems für ein spezielles Thema liegen. Als Überblick, gar als Rückgrat einer tiefergehenden Auseinandersetzung mit der Geschichte, also als Narrativ, welches ein hohes Maß an genereller Anschlussfähigkeit besitzt, kann ich sie nur empfehlen.

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