Philologie, Philosophie, Sozial- und Naturwissenschaften

By openmedi on 13. Oktober 2016 — 5 mins read

Es gibt einen Unterschied zwischen Philologie und Philosophie, der sich historisch zeigen lässt. Die meisten geisteswissenschaftlichen Disziplinen stammen nicht von der Philosophie ab und teilen mit ihr höchstens oberflächlich Gemeinsamkeiten, etwa in der Auslegung des aufbereiteten Datenmaterials, etc. Aber methodisch handelt es sich bei der Philologie (dem Antiquarianismus und der Chronologie) um die Grundlage, mit der auch noch heutige “Humanities” arbeiten und die ihnen, jeweils in unterschiedlichen Anteilen nach wie vor, gemein ist.

Philosophy was logical, deductive, precise in conclusions, dismissive of change over time. Philology was interpretetive, empirical, treating in probabilities, drenched in history.(@turner2015, S. 381)

Diese Einschätzung hilft bei der Einschätzung dessen, was der Medienökologe Neil Postman in seinem Aufsatz über Sozialwissenschaftler als Geschichtenerzähler diskutiert.(@postman1988c) Darin erklärt er mit Michael Oakeshott, dass es einen Unterschied zwischen Prozessen und Praktiken gäbe und dass erstere Entitäten sind, die sich mit Theorien als Naturgesetze beschreiben lassen.(@postman1988c, S. 21) Prozesse wären demnach von (Natur)wissenschaften erforschbar und können im Vergleich zu den sogenannten Sozialwissenschaften als “echte” Wissenschaften verstanden werden, weil die gefundenen Gesetze sehr viel stabiler als ihre sozialwissenschaftlichen Gegenstücke seien. Für Postman ist die Natur von unwandelbaren universell gültigen Gesetzen bestimmt, während man das für “das Soziale” nicht sagen könne.(@postman1988c, S. 22) Postman hält nun das was die Sozialwissenschaften tun für eine Form von Geschichtenerzählen, was seiner Meinung nach folgendermaßen definiert werden kann:

Ich nenne die Forschungen dieser Leute Geschichtenerzählen, weil dieses Wort darauf hindeutet, daß der Verfasser einer solchen Geschichte einer Reihe von menschlichen Ereignissen eine unverwechselbare Deutung gegeben hat, daß er seine Deutung durch vielfältige Beispiele erhärtet hat und daß seine Deutung nicht bewiesen oder widerlegt werden kann, sondern ihren Reiz aus der Kraft ihrer Sprache schöpft, aus der Tiefendimension ihrer Erklärungen, aus der Triftigkeit ihrer Beispiele und der Glaubwürdigkeit ihres Stoffes. Und daß dies alles einem erkennbaren moralischen Zweck dient. Die Wörter »wahr« und »falsch« sind hier nicht in dem Sinne anwendbar, der ihnen in der Mathematik oder in der exakten Wissenschaft zukommt. Denn an diesen Deutungen gibt es nichts, was universal und unwiderruflich wahr oder falsch wäre. Es gibt keine Prüfverfahren, um sie zu bestätigen oder zu falsifzieren. Es gibt keine Postulate oder Voraussetzungen, in denen sie verankert sind. Sie sind an eine Zeit und eine Konstellation gebunden und vor allem an die kulturellen Vorurteile des Forschers. Ganz ähnlich wie in der Literatur.(@postman1988c, S. 32f.)

Das Geschichtenerzählen klingt nun wieder sehr nach der philologischen Methode. Gleichzeitig muss man, wenn man alles zusammennimmt (und sich nicht auf eine ideelle Kontingenz zurückzieht, die es praktisch nicht gibt), wohl über einen bestimmte Quelle (z.B. die Bibel) nicht alles sagen kann (nur alles mögliche), sondern dass es einen Interpretationsspielraum gibt, in dem argumentiert werden kann. Dass man in diesem Raum sehr viel schwieriger universal geltende Gesetze findet, stimmt sicher, aber es ist deshalb noch lange nicht beliebig was gesagt werden kann. Die hier erwähnte Festigkeit des Arguments spricht von der Möglichkeit der Verhinderung von Kontingenz.

Weiters ist die von Postman gemachte Behauptung, dass sich die Natur gesetzmäßig verhält, spätestens seit den Science Studies nicht sehr triftig: Es ist einfach keine gute Beschreibung der wissenschaftlichen Tätigkeiten. Der Aufwand der betrieben werden muss, um etwas auch weiterhin behaupten zu dürfen, ist enorm, wie beispielsweise Bruno Latour in seinen Büchern gezeigt hat.(z.B.: @latour1987, Kap. 6, vgl. auch @hunter1980) Daraus folgt wiederum, dass die Herstellung von wissenschaftlichen Fakten über Prozesse sehr viel weniger leicht von Praktiken unterschieden werden kann, als es Postman gerne hätte. Es stimmt natürlich weiterhin, dass die generierten “Naturgesetze” den Anschein haben sehr viel beständiger zu sein, als “soziale Gesetze”, aber die liegt möglicherweise auch mehr daran, dass die finanzielle Situation der soziologischen Forschung schwieriger und die einzubeziehenden Faktoren im sozialen Bereich so viel umfangreicher sind, dass eine tatsächliche empirische Vollerfassung aller Variablen kaum möglich ist und dementsprechend sich die Fabrikation von Fakten nicht im gleichen Maße in Sozialwissenschaften erwarten lässt, wie in den Naturwissenschaften.1

Jedenfalls kommt es mir so vor, wenn man das vorhergehende zusammennimmt, als ob sich hier eine sechsfache Unterscheidung zeigt:

  1. Naturwissenschaften und andere Wissenschaften unterscheiden sich.
  2. Diese anderen Wissenschaften sind philologisch-historische Wissenschaften und Sozialwissenschaften.
  3. Die Philosophie unterscheidet sich von den Naturwissenschaften und den anderen Wissenschaften
  4. Die wissenschaftstheoretische (= philosophische) Definition von Wissenschaft passt aufgrund der eher logischen, deduktiven, genauen und historische Veränderungen eher ignorierenden Tradition in der sie formuliert wurde nur auf die Naturwissenschaften
  5. Die wissenschaftstheoretische Definition erlaubt den Auschluss all der anderen Felder, die nicht zu den Naturwissenschaften gehören aus der Wissenschaftlichkeit. Sie werden, wie vieles anderes, zu einer Praxis des Geschichtenerzählens.
  6. Mit Latour kann man sehen, wie sehr aber gerade die Herstellung von naturwissenschaftlichen Fakten zur Produktion von Naturgesetzen von ständig zu verrichtenden Praktiken abhängig ist, was entweder die Naturwissenschaften selber unwissenschaftlich werden lässt, oder aber zu einer anderen Definition von Wissenschaft führt

Man kann hier trotz der ständigen Generierung und Löschung von Unterschieden einen Quatrolog zwischen vier verschiedenen Wissenstraditionen erkennen, wobei die naturwissenschaftliche Seite sich in der Tat für Prozesse interessiert und sich von der Philosophie sagen lässt, was sie eigentlich praktiziert um an diese Prozesse zu kommen. Die (nicht-postmansche) Sozialwissenschaft wiederum ist an der Erlangung von immer mehr (“natürlicher”) Wissenschaftlichkeit gelegen, wobei sie auch zu solchen Redifinitionsversuchen von Wissenschaft führen kann, wie sie die Science Studies und die Wissenschaftsgeschichte, auf der Grundlage von empirischen, eher an philologisch-historische Wissenschaften erinnernden, Methoden, hervorbringen. Postman nimmt sich in diesem Quatrolog als eher philosophische Person aus, weshalb seine Texte (nicht nur zu diesem Thema) im besten Sinne inspirierend, aber im schlechtesten Sinne empirisch, d.h.: nicht sonderlich philologisch-historisch sind.

Literatur

[zotpress items=”USJDR2S5,JUZK4CEU,8MFP5AI5,DIQAWTE7″ style=”Geistes-undKulturwissenschaften(Heilmann)(German)”]


  1. Zugegeben: dieses Argument scheint mir auf dünnem Eis gebauut, weil ich mir nicht sicher bin, wie die finanzielle Situation aussieht und auch nicht, ob darüber hinaus nicht so etwas wie freier Wille, etc. doch eine Rolle spielt. Aber ich halte es schon für wahrscheinlicher, dass die Situation im Sozialen einfach komplexer ist und sich daher universelle Gesetze nicht in der gleichen Form aufrecht erhalten lassen, wie in den Naturwissenschaften, wo Naturwissenschaftler_innen lediglich mit Kolleg_innen und den von ihnen erforschten Entitäten verhandeln müssen. Nicht immer gleich mit der gesamten Menschheit. 
Posted in: Essay

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