Über Lehren

Von openmedi veröffentlicht am 4/26/2019, 11:58:41 PM

“Ich akzeptiere dich weder als Trainer, noch als Lehrer. Ich akzeptiere dich nur als Gegenstand meiner Betrachtung.”

Das Lehren ist machtlos nicht möglich. Ist es machtlos nötig? Vermutlich nicht. Aber es hat seine Vorteile, sich selbst zumindest in eine Lage zu bringen, in der man auch ohne Machtlosigkeit lehrreich sein kann. Damit meine ich, dass man selbst Beobachtungsgegenstand wird und diesen Status auch akzeptieren kann. Als Beobachtungsgegenstand ist es die Aufgabe nicht einen Lehrplan vorzugeben, d. h. es muss keine Lehrprojektion geben an derer man entlang die Zukunft hinsichtlich des Lehrerfolgs anhand der Kongruenz mit der Projektion misst.

Vielmehr ist es eine Frage der Interessanz wenn man Gegenstand ist. Man muss als Gegenstand auffallen. Es ist also eher eine Herausforderung wie man Interessanz projeziert. Allerdings handelt es sich nicht um eine Projektion in die Zukunft, sondern in den kommunikativen Raum. Interessanz – was ist das eigentlich?

Interessanz ist diejenige Qualität eines Akteurs, die ihn handlungsmacht erlangen lässt. Das heißt es ist eine potenzielle Zwingkraft. Kann der Gegenstand in den Bann schlagen, dann kann sich bald alles daran umorientieren. Interessanz, das ist, wenn man emergentes Beobachten am Gegenstand möglich wird.

Gegenstand zu werden geht durch bewusstes nichtreflektieren der eigenen Potenz. Interessanz steigern geht durch kommuniziertes Nichtbewusstsein des eigenen Interesses. Oder anders gesagt: Interessanz und Gegenstand sind vor allem Vorgaben die man macht.

Zunächst muss man überhaupt erst als Gegenstand auffallen, bevor man als interessanter Gegenstand auffallen kann. Oder man muss zunächst Interessanz ausstrahlen, damit man Gegenstand werden kann. Damit beides überhaupt eintreten kann, heißt es paradox zu sein. Und sein das kann man nur werden.

Das wäre lehren. Man gibt sich einer Unmöglichkeit hin. In der Moderne sind Lehrer und ähnliche Gestalten kraft ihrer Rolle als Gegenstand der Beobachtung von Schülern bereits von früh auf im Beobachtungsschema vorgesehen. Aber ihre Aufgaben ist nicht interessant zu sein. Ihre Aufgaben ist gewissermaßen örtlich sondern zeitlich zu projezieren. Anstatt in die Welt geht es in die Zukunft. Dadurch wird Vergleichbarkeit und Bewertbarkeit produziert, die sich als Werte der Kommunikationssituation Lehrer/Schüler abschöpfen lassen.

Ein Lehrer als Untersuchungungsgegenstand hingegen verliert die Hoheit über die Bewertung, vielmehr verkehrt sich das in das Gegenteil: Der Leher wird nun bewertet und produziert nicht im Wechselspiel mit dem Schüler Bewertbarkeit und Vergleichbarkeit, sondern er produziert Emergenz und Paradoxie.

Paradoxie ist diejenige Qualität von Akteuren gleichzeitig mehr Akteure zu artikulieren.

In die Lehre gehen könnte daher also auch bedeuten: Sich einen Gegenstand zu suchen und diesen zu untersuchen. Zu sehen, ob man nicht noch etwas anderes als nur den Gegenstand sieht.

Wenn lernen die erlernte Neutralisierung einer Vergiftung im Sinne der Akteur-Netzwerk-Toxikologie ist, dann ist Lehren die Möglichkeit der Beobachtung einer solchen Neutralisierung durch die Vergiftung eines anderen.

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