Zettel 618

By openmedi on 8. August 2016 — 8 mins read

Mir scheint die Frage nach der Chronologie in meinem eigenen Denken nur unzureichend gestellt zu sein. Wie soll ich denn den Sinn der Geschichte erfassen, wenn ich mir über den Ablauf nicht mal im Klaren bin? Die simple Aufzählung der eireignisträchtigen Daten ist dabei ein einfach wie schnelles und außerdem adaptives Mittel, um Ordnung in die Geschichte zu bekommen. Ja, ich habe in der Vergangenheit über die historische Zeit als einen Akteur versucht nachzudenken, aber das ändert nichts daran, dass die Chronik als Werkzeug von großer Bedeutung für mein eigenes Lebensverständnis und ich vermute auch für die Geschichte an sich ist. Mir liegt das Schreiben eines Journals und das Bloggen eben auch deshalb. Und nun die Chronik als Werkzeug für das Schreiben von Geschichte zu entdecken, wäre sicherlich nicht unpraktisch. Im Prinzip habe ich meine eigene Bachelorarbeit damals genau nach dem Prinzip einer Chronik verfasst. Sie war klassisch geraten, aber keineswegs schlecht.

Ich könnte mir außerdem vorstellen, dass der Zettelkasten von einer Chronik gewaltig profitieren könnte. Im Augenblick ist es ja so, dass der Zettelkasten im Prinzip klassisch auf dem Zettelkasten Luhmanns, so wie ich ihn verstehe, beruht (vgl. [[zettel-b3]] ff.). Eine Chronik im Rahmen des Zettelkastens müsste eigentlich eine eigene Abteilung abgeben, denn wäre eine einzelne Seite, die die gesamte Chronik enthält nicht nur wenig übersichtlich, sondern auch wenig hilfreich: Im Prinzip sind Chroniken nur dann gut, wenn sie an einem Thema kleben oder wenn sie aufgrund einer örtlichen Begrenzung etwas über eine lokale Realität aussagen. Insofern wäre eine Abteilung dann auch wieder hinfällig, weil man die Chroniken ja auch einfach auf den jeweiligen Zettel (oder Folgezettel) zum Thema schreiben könnte. Andererseits würde man die Reihenfolge oder Priorität des Aufschreibens im positiven Sinne verändern, wenn man entlang einer Chronik überhaupt erstmal den Rahmen der Geschichte aufspannt und dann, davon abgehend, Untersuchungen zu Begrifflichkeiten odr Zusammenhängen erforscht. Denn das ist auch ein wenig das Problem mit dem Zettelkasten bis hier: Die sich ihm selbst einschreibende Ordnung macht die Dinge nicht notwendigerweise übersichtlicher. So etwa die Tatsache, dass sich meine Mitschriften und Untersuchungen zur Renaissance derzeit noch unter dem [[zettel-b2A1d2A1a4C1]] finden lassen. Der Versuch einer thematischen Annäherung durch die Abteilung [[zettel-k2]] bzw. [[zettel-g1]], [[zettel-h1]], [[zettel-i1]], [[zettel-j1]] hat sich als wenig tragfähig erwiesen, weil der historische Zusammenhang all dieser Themen hinten angestellt wird. Es muss sehr viel deutlicher werden, dass es um den Ablauf von Zeit geht und das wäre mit einer Chronik gegeben.

  • Chronik macht das Historische Element sichtbarer
  • Abzweigungen innerhalb einer Chronik ergeben sich organisch
  • thematisch und quasi-zufällige Herangehensweisen habe sich als zu unstrukturiert erwiesen, daher schreibe ich auch so viel in die unbenannte Abteilung, die ich dann ja immer noch weiter verzweigen oder in den Baum des Zettelkastens einarbeiten kann

Auch ist hier ein Problem der Weltverdopllung zu sehen. Es erscheint wenig hilfreich die gesamte Wikipedia, oder jedenfalls den Bereich der mich interessiert in den Zettelkasten zu übernehmen, genausowenig wie es sich lohnt die Chronologien aus gelesenen Büchern und Überblickswerken zu übernehmen. Andererseits lohnt es sich, weil man sich die Dinge auf diese Weise zu eigen macht und ich durch meine kleinen Helfer inwzischen ja ziemlich schnell geworden bin, bei der Übernahme von einzelnen Absätzen aus Websites u.A. der Wikipedia.

Alles in allem scheint mir der Chronik-Zugang sehr hilfreich zu sein. Es würde vermutlich außerdem helfen einen Themen-Zugang zu haben. Bzw. es müsste Chronik-Zettel geben und dann müsste es noch Akteurszettel geben. Diese müssten sich durch ihre Benennung unterscheiden. Die Erwähnung eines Akteurs in einem Chronikzettel würde dann wiederum das Weiterschreiben an einem Akteurszettel erlauben usw. Es stellt sich dann aber auch wieder die Frage, in wie fern man eigentlich nicht etwas allgemeineres als Chronikzettel bräuchte. Denn im Grunde genommen bräuchte es zumindest noch Kartenzettel, auf denen anstatt der zeitlichen die spatialen Vorgänge abgetragen werden. Und schließlich bräuchte man dann vielleicht auch noch Konzeptzettel, auf die man versucht die Zusammenhänge von Theorien, Konzepten und komplexen Zusammenhängen zu erklären.

  • Akteurszettel
  • Chronikzettel
  • Kartenzettel
  • Konzeptzettel

Vermutlich wäre auch ein Literatur- oder Medienzettel von Bedeutung, auf dem man die Metadaten festhält, allerdings kann ich mir das Dank meiner Zotero/Bibtex/Pandoc/ikiwiki-pandoc-Lösung sparen.

Problematisch ist nun noch das Folgende: Das hier vorgeschlagene beißt sich mit der grundlegenden Struktur eines Zettelkastens, glaube ich. Denn was ich hier habe, ist ein baumartiges System, für die Umsetzung wäre aber ein rhizomartiges vermutlich hilfreicher.

Denn wären die Verknüpfungen zwischen Chronik, Karten, Akteuren und Konzepten nicht in gleicher Weise hierarchisch vorgegeben, wie das bei einem klassischen Zettelkasten der Fall ist. Zunächst ist da das Problem, dass ein Akteurszettel, auf den von der Chronik aus verwiesen wird, vermutlich nicht nur eine einzige Stelle in der Chronik zukommt und deswegen ein sehr viel komplexeres Verweisgeflecht zustande kommt, als beim klassischen Zettelkasten, der eine solche Struktur nicht kennt.

Weiterhin kommt hinzu, dass dies nicht nur für Akteure und die Chronik so ist, sondern für alle möglichen Zettel. Ein Akteurzettel verweist auf eine Stelle in der Chronik und auf einen Kartenzettel, auf dem dieser Akteur auftaucht, der Kartenzettel wiederum verweist auf die gleiche Stelle an der Chronik, aber darüber hinaus auch noch auf zwei andere! Die Chronik an einer Stelle wiederum verweist auf einen Konzeptzettel und dieser wiederum verweist auf zwei weitere Akteurzettel die ihrerseits wiederum auf verschiedene Stellen in der Chronik verweisen und so weiter.

Vergleicht man das nun mit der Arbeitsweise Luhmanns (von hier)…

Dieser Baum wird dann wiederum durch vereinzelte Verzweigungen zwischen den Ästen des Baumes ergänzt, aber prinzipiell unterscheidet sich die Luhmann’sche Struktur damit dann doch sehr von meiner eigenen Konzeption.

Es endet aber nicht dort. Das Problem mit den hier vorgegebenen Zetteltypen ist, dass man nicht gut etwas anderes tun kann, als diesem einmal festgelegten Schema zu folgen. Das heißt die Kategorisierung von Zetteln ist im Hinblick auf sich ständig ergebende Veränderungen problematisch, gleichzeitig vereinfacht sie den Umgang mit Zetteln erheblich, denn wenn ich nicht ständig raten muss, hinter welchem Zettel sich nun wohl eine Karte oder eine Chronik versteckt, dann kann ich mich darauf verlassen, dass ich nicht versehentlich Arbeit doppelt mache, denn geht es bei so einem Zettelkasten ja ums Vergessen und serendipe Wiederauffinden. Wenn ich meine Informationen natürlich nie auffinde, dann ist das schlecht. Im Prinzip ist meine Zettelbenennungststrategie vor diesem hintergrund schon gut gelungen ([[zettel-b3]]):

Jedes Thema bekommt eine Nummer und kann beliebig abgezweigt werden. Es ist leicht erkennbar, wie tief wir uns im Baum befinden und der nächst höhere Zettel ist einfach durch das Weglassen der letzten Nummer möglich. Da aber dieses neue System nicht den Baum sondern ein Netz zu Voraussetzung hat, kann man sich darauf nicht verlassen. Auf dieser Ebene macht es dann also wieder Sinn den Zetteln statt einer Stelle eine Kategorie zuzuordnen und die Zettel dann einfach durchzuzählen, ähnlich wie ich es im Bild oben gemacht habe.

  • Akteurszettel1
  • Akteurszettel2
  • Akteurszettel3
  • Konzeptzettel1

  • Konzeptzettel2
  • Konzeptzettel3

Problematisch daran ist nun aber noch, dass sowohl Karten- als auch die Chronik ein anderes Vorgehen näher legen: Google Earth oder auch OSM ist ein Beispiel dafür: Was man hat ist eine Datenbank/eine Karte, auf der man selektiv Metadaten einblenden kann, die für die jeweilige Fragestellung von Bedeutung ist. Aeontimeline setzt dieses Konzept für Chronologien um. Es lassen sich Ereignisse und AKteure taggen und so selektiv Ein- bzw. Ausblenden. Die auf diese Weise immer komplexer werdende Karte und Chronik bietet dann den Grundstock auf dem man empirisch gut abgesichert arbeiten kann.

Da Zeit und Raum zusammenhängen ist dieses Problem aber auch eines der “Versionierung”, was insbesondere für die Karte ein schwieriges Problem ergibt: Es wäre wünschenswert, wenn man die Veränderungen, die sich im Verlauf der Geschichte ergeben (Gebietsverluste, Reisen, etc. etc.) auch auf der Karte visualisieren könnte. Da es aber dafür keine Tools gibt, die sich mit ikiwiki bespielen lassen – also weder für die iterative Chronik, noch für die Timeline, noch für die spatialtemporale Visualisierung – bleibt als nächstbestes eigentlich nur die Versionierung und Instanzierung von Karten und Chroniken. Das heißt man würde…

  • Kartenzettel1 (Deutschland zum Zeitpunkt x)
    • Kartenzettel1a – Version vom 2016-06-18 (Karte mit mehr Daten)
    • Kartenzettel1b – Version vom 2016-06-27 (andere Karte mit mehr oder weniger gleichem Inhalt, etwa aus anderer Publikation übernommen)
  • Kartenzettel2 (Deutschland zum Zeitpunkt y)
  • Kartenzettel3 (Deutschland zum Zeitpunkt y mit Themenstellung A)
  • Chronikzettel1 (die Moderne von n bis n+x)

    • Chronikzettel1a – Version vom 2016-06-18 (unbereinigte Rohversion)
    • Chronikzettel1b – Version vom 2016-06-18 (bereinigte und übersichtlichere Variante der Chronik)
  • Chronikzettel2 (Übergang 19. zum 20. Jahrhundert)
  • Chronikzettel3 (die Moderne von n bis n+x mit Themenstellung A)

so etwas bauen. Es stellt sich dann wiederum die Frage, ob der Aufwand dafür nicht zu groß ist und ob die Durchzählung nicht eigentlich schon genug ist. Man kann ja dann Kartenzettel auf Kartenzettel verweisen lassen. Für Akteure und Konzeptzettel stellt sich dann natürlich sofort die Frage, inwiefern man dort nicht auch gerne eine Art Versionierung hätte. Getreu dem Motto, dass im Prinzip jede Erwähnung eines Akteurs oder Konzepts eigentlich eine eigene vollwertige Instanz darstellt, wäre es darüber hinaus interessant zu sehen wie sich diese Instanz (nach unserum Wissen) konstruiert. Also: Was wird über einen Akteur/ein Konzept in einem Text (z.B.) gesagt? Welche Verbindungen, welche Aussagen lassen sich finden? Und welche nicht? Wie sieht die Welt für diesen Akteur in Bezug auf diesen Akteur aus? Usw. Was man mit einem einzelnen Akteur machen kann, kann man dann natürlich auch mit mehr als nur einem Akteur machen, also mit einem ganzen Akteur-Netzwerk. Jede dieser Instanzen eines Akteurs sind für sich jeweils ernst zu nehmen.

Zunächst bleibt dann noch zu klären, dass die Kategorien Unterscheidungen machen, die im Denken über dieses Problem nicht unbedingt hilfreich sind. Es handelt sich bei jedem der hier erstellten Zettel um Akteure. Eine Bezeichnung nach einer Kategorie ist nicht wirklich hilfreich, weil damit die allen Zetteltypen gemeinsamen Probleme schwerer handhabbar werden.

  • Zettel sollen symbolisch auf einen Akteur verweisen
  • Zettel sollen bidirektional und eher im Sinne eines Netzes denn eines Baumes fungieren
  • Zettel sollen so strukturiert angelegt werden, dass Instanzen möglich und als solche erkennbar sind
Posted in: Zettel

Leave a comment

  • Hallo, ich schaue gerade online nach Zettelkasten-Enthusiasten. Die Idee die Zettelkastenmethodik mit dem Aspekt einer Chronologie zu kombinieren finde sich super. Vielleicht ist ja das Projekt von mir und meinen Freunden etwas für dich (bzw. andere Besucher dieser Seite). Wir machen uns seit kurzem Gedanken über die Umsetzung eines digitalen Zettelkastens und sind mittlerweile so weit: https://auratikum.de/bl

    Was haltet ihr davon?

    • Soweit ich das von außen einschätzen kann, sieht das doch schon ganz gut aus. Hübsch jedenfalls. Ich habe leider keine Zeit mir das im Augenblick genauer anzuschauen. Es wäre interessant eine Roadmap für den Service zu sehen, von der ersichtlich wird, ob Aspekte der chronologisch-spatialen Verschaltung von instanzierten Zetteln irgendwann kommt – und falls ja: Wie?. Wird das dann auch visualisiert? Auch wichtig: Was passiert, wenn nach 10 Jahren intensivster Nutzung eures Service, Ihr euch entscheiden solltet, dass ihr etwas anderes tun wollt? Wird der Quellcode Open-Source? Welche Programme können den dann noch lesen? Etc. Auch sehe ich nirgends was ihr für den Service haben wollt.

%d Bloggern gefällt das: