Zettel 777: zu (@postman2008)

By openmedi on 29. September 2016 — 6 mins read

(Es geht um Neil Postman: “Das Zeitalter des Showbusiness” aus dem Kursbuch Medienkultur.)

Auch wenn ich inhaltlich nicht in allen Punkten widersprechen will oder kann, drängt sich mir hier der gleiche Eindruck wie auch schon bei (@postman1970) auf: Es wird hier so sehr kulturapokalyptisch gejammert, dass man sich fragt, was man mit einem solchen Text mehr anfangen soll, als ihn entweder vollständig zu historisieren oder komplett zu ignorieren. Denn zum einen wird zwar erkannt, dass mit dem Aufkommen des Fernsehens sich die Art der öffentlichen Repräsentanz fundamental verändert, was wiederum gewaltige Umbrüche in der Amerikanischen Kultur mit sich bringt, es wird dabei aber gleichzeitig total verkannt, dass sich ein Medium wie das Fernsehen kaum nur durch das vor dem Bildschirmsitzen analysieren lässt. Zum einen fehlt dabei der gesamte im Hintergrund stattfindende Prozess des Erzeugens von Fernsehen, in dem sich Diskurse und ernsthaftere Auseinandersetzungen finden lassen wieder und zum anderen zeigt sich an einer Analyse, die das Fernsehen gewissermaßen als Blackbox untersucht ein blinder Fleck des gesamten Thesengebäudes: Denn sind diese hier beschriebenden Effekte auf die Wahrnehmung der Amerikanischen Gesellschaft und andersherum der Einfluss des Mediums auf dessen Inhalte mindestens gefühlt keine unbekannte Größe. Wir haben es schließlich nicht mit geistlosen Automaten zu tun, aus der die Gesellschaft zusammengesetzt ist. Sicher ändert ein Medium, dass Unterhaltung an die erste Stelle setzt und so verbreitet wie das Fernsehen ist einiges am Wertesystem einer Gesellschaft, die solche Einwürfe vermutlich schon damals seltsam fand – Was ist denn so schlimm an Unterhaltung, insbesondere, wenn sie von Bildung ununterscheidbar ist, d.h. eine Auflösung des einen in das andere nicht möglich ist, weil das ja eine erst noch aufzulösende Differenz voraussetzt?(@postman2008, S. 231) – aber diese Änderung, diese Irritation des Buchmenschen durch die Fernsehgesellschaft, kann andersherum nur als rhetorische Finte einen Verlust von moderner Rationalität behaupten, was ja selbst lediglich eine Kategorie des Buchs ist. Wenn es diese neue Gesellschaft gibt, dann bringen solcherlei polemische Darstellungen höchstens etwas für die eigene Profilierung, d.h. man arbeitet im Rahmen der neuen Aufmerksamkeitsökonomie, hat sie aber eigentlich überhaupt nicht durchdrungen. Oder wenn man sie durchdrungen hat, dann nur um sie in seinem Sinne zur Selbstdarstellung des eigenen Intellektuellseins, auszunutzen. Von guter Beschreibung ist so etwas jedoch weit entfernt. Das ist immer die Gefahr von solchen Blackbox-Betrachtungen: Erst wenn man diese Blackboxen öffnet, sie als Gewebe aus verschiedenen Akteuren betrachtet, wird deutlich wie sich die Diskursivität in der Gesellschaft verändert. Dieser Text arbeitet jedoch unter der Prämisse keine wirkliche empirische Arbeit leisten zu müssen. Vielmehr gibt er sich lediglich den Anschein er würde es tun. Was hier getan wird, ist zutiefst zynisch. Es werden blinde Massen gegenüber einem zu rationalem Diskurs unfähigen Fernsehen in Stellung gebracht und dann in diesem Versuchsaufbau in einem Cherry-Picking-Verfahren anscheinend schlagende Argumente für die Unbewusstheit der Gesellschaft gegenüber ihrer Veränderung durch das Fernsehen einerseits und das Fernsehen, im Rückspiegelmodus agierend, als sich selbst nicht verstehend karikiert. Es nun leider auch nicht an mir hier bessere Nachforschungen anzustellen, aber die Oberflächlichkeit der Betrachtung deutet darauf hin, dass die Frische des Ansatzes so einiges an empirischer Oberflächlichkeit entschuldigte, insbesondere bei Postman, der selbst ja hauptsächlich als Popularisierer auftrat.(@neitzel2008, S. 199)

Weniger emotional lässt sich festhalten: Das Fernsehen als neues Leitmedium lässt Unterschiede zum alten Leitmedium Buch erkennen, die man als Defizite auffassen kann und in Intellektuellendiskursen häufig auch so aufgefasst hat.(@neitzel2008, S. 197 (Eco-Zitat)) Diese Unterschiede zeigen sich in einer hauptsächlichen Ausrichtung des (Amerikanischen) Fernsehens auf “Unterhaltung”.(@postman2008, S. 226) Andersherum ist die Erwartungshaltung der Amerikanischen Gesellschaft an das Fernsehen nicht dieselbe, wie sie an das Buch geknüpft war, sondern eher mit der Fotografie vegleichbar.(@postman2008, S. 223)

Was kann man jetzt zu einer Verknüpfung von (@postman2008) und (@postman1970) sagen? Nun, zunächst wird mit (@postman2008) deutlich, woher der Wind in Bezug auf die Veränderung des Kurrikulums weht: Die latente Unterstellung, dass das Fernsehen im Rückspiegelmodus verfährt, d.h. sich selbst nur unzureichend versteht, wie auch die Gesellschaft es nicht versteht, macht Untersuchungen wie die von Postman im Hinblick auf neue Formate schon auf der Ebene der Schule wichtig. Denn man muss sich fragen, wie man rationalen Diskurs in der Fernsehgesellschaft ermöglichen kann. Es geht hier um das Überleben der Buchmenschen. Ob das überhaupt möglich ist und so weiter. Wenn es also um media ecology geht, dann geht es hier um die Frage der proaktiven Gestaltung dieser Medienumwelt zur Ermöglichung einer fortschrittlichen (humanistischen?) Gesellschaft, die eben vor allem über Kommunikation zustande kommt, die wiederum in Medien stattfindet. Wenn es hier ums Überleben geht, dann geht es auch immer um das Überleben von Buchmenschen in neuer Umgebung. Die sich daraus ergebende irrtierte Haltung, die sich ein Überleben der eigenen Spezies wünschen, gegenüber einer Umwelt in der es zu einer Veränderung der Wahrnehmungsprioritäten ebenso kommt, wie zu einer Veränderung der Leitwerte(@mcluhan1969, S. 16), spiegelt sich auch in den Texten wider.

Was ist nun aber eigentlich meine eigene Meinung dazu? Zunächst scheint es mir wichtig, dass man Massenmedien tatsächlich in einer Art ökologischem Zusammenhang verstehen muss, allerdings ist meine erste Folgerung daraus, dass das Fernsehen für bestimmte Dinge besser und für andere schlechter geeignet ist. Mit dem Aufkommen des Internets, das sicherlich das Leitmedium für die meisten heute darstellt, wird auch deutlich, dass nicht jeder Medienwechsel notwendig mit einer Verschlechterung einhergehen musss. Vielmehr verteilen sich bestimmte Funktionen, die vielleicht einst noch vollständig vom Buch übernommen worden sind auf verschiedene Medien und die Bedrüfnisse der Gesellschaft nach Diskussionen und nach Bildung werden von diesen Medien natürlich auf unterschiedlichste Weise artikuliert. Es steht in gewissem Maße jedem frei sich bestimmte Medien zu versagen und die multimediale Welt heute macht eine begrenzte Auswahl ohnehin wahrscheinlicher. Ich beispielsweise schaue kaum noch Fernsehen, sehe kaum Videos auf Youtube an, bin nicht (wirklich) bei Snapchat. Aber ich spiele Videospiele (allerdings allein), blogge, twittere und höre gerne Podcasts. Insgesamt wird deutlich, dass diese “sozialen” oder “digitalen” Medien weiträumige Aussagen über die Folgen nur auf Kosten von Allgemeinplätzen treffen kann. Genauere historische oder soziologische Untersuchungen sind vonnöten, wenn man etwa etwas über die außerakademische Internetsoziologie eines Klaus Kusanowsky in Erfahrung bringen will. Die Gesellschaft als “Metadispatcher”, wie Latour das nennt(@latour2013, S. 401), ist aber ungeeignet diese Entwicklungen auf begrenzte Gruppen zu beschreiben, weil mit dem Internet, das eher ein Metamedium denn ein Medium ist, ein Leitmedium zunehmend fehlt. Was es gibt ist eben ein Metamedium, oder, wie ich das einst versuchte auszudrücken, Plattformen, die auf Plattformen aufsetzen und so zwar irgendwie eine gemeinsame Grundlage haben und einen Zusammenhang bilden, aber die einende und Gesellschaft produzierende Kraft des Leitmediums scheint aus dieser Perspektive durch die ermöglichende und neue Akteure (d.h.: Plattformen) schaffende Kraft der Plattform ersetzt. Jetzt ist noch nicht sehr viel zur Wahrnehmung selbst gesagt: In diesem Zusammenhang können wir feststellen, dass diese Frage im Prinzip vernachlässigbar wird, weil wir ohne weiteres zugeben können, dass unterschiedliche Artikulationen natürlich unterschiedliche Sinne berühren, aber das Zustandekommen von Gesellschaft hat mit der Selbstbeschreibung nicht mehr viel zu tun, weil wir nun von Kollektiven sprechen können, in denen sich Akteuren einander gegenseitig (und sich selbst auf anderen Plattformen) auf viele verschiedene Weisen Ausdruck verschaffen, d.h. Wirklichkeit ist nicht Produkt der Wahrnehmung mehr, sondern Realität ist das was Artikulationen auf der Grundlage von anderen Artikulationen schafft.

Literatur

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