Zwischenstand

By openmedi on 29. April 2018 — 16 mins read

Hier soll es um einen Zwischenstand zu meiner Studie zur #kzumafia gehen.

Das Schaffen von Wissen ist keine exklusive Angelegenheit der Wissenschaft. Man könnte auch sagen Wissenschaft fand nie nur in Universitäten und Akademien statt. Der Ort des Wissens hat sich über seine Geschichte schon immer in Bewegung befunden. Nur hat die Wissenschaft eine lange Geschichte und die vermeintliche Stabilität und Normalität der modernen Wissenschaft unterliegt selbst einer historischen Bedingtheit, was diese zuweilen sehr langsame Bewegung unsichtbar werden lässt.1

Wer sich aber für die Entwicklung der Wissenschaft interessiert, der wird auch an der Bewegung der Wissenschaft und ihrem jeweiligen Ausdruck interessiert sein. Als Wissenschaftshistoriker stellt man fest, dass Wissenschaft als anthropologische Geste überhaupt erst in der Moderne als solche artikuliert wurde und folgert daraus, dass es sich bei der Wissenschaftsgeschichte bei genauerem Hinsehen um ein Rückübersetzungsprojekt handelt. Wissenschaft, Kunst und Technik, waren in der Vergangenheit keineswegs so eindeutig voneinander differenziert, wie heute, noch war die Differenzierung dieser Gesten notwendig nur so möglich. Für den Blick in die Zukunft heißt das: Welche Artikulationsform die Wissenschaft, die Kunst oder was auch immer in Zukunft annimmt, welche anderen Artikulationsformen sich noch ausdifferenzieren werden, was zur Wissenschaft gehört und wie normal das ist: Es ist alles sehr kontextabhängig. Im Mittelalter war eine Wissenschaftsgeschichte moderner Art schlicht noch nicht möglich, weil moderne Wissenschaft als Vergleichsgegenstand noch gar nicht existierte. Man kann diese Analyse nun generalisieren: Eine anthropologische Geste artikuliert das Anthropologische. Anthropologische Gesten sind Historizität unterworfen. Die Geschichte einer solchen Geste ist also ein Aufdeckungsprozess. Was von dem alten, Undifferenzierten, kann schon als (oder als Element von einer) Artikulation dieser Geste gelten? Was von dem jetzigen Normalen kündigt etwas Neues an?2

Unbesehen der Gründe der Science Studies, sich nicht mehr nur ausschließlich mit bereits erledigter Wissenschaft zu beschäftigen, sondern Wissenschaft beim Entstehen zu Beobachten, kann man einen Trend zur Gegenwart und zur Praxis innerhalb der Wissenschaftsgeschichte und -soziologie feststellen. Gleichzeitig befindet man sich im Hinblick der technologischen und gesellschaftlichen Voraussetzungen für Wissenschaft, auch Geistes- und Kulturwissenschaft, an einem interessanten Scheideweg. Zum einen wird über die digital Humanities ein neues Beschreibungsvokabular, ein großer Metaphern- und Artikultionsschatz gehoben, zum anderen erlaubt das Internet, insbesondere in den sozialen Medien, das Entstehen von problematisierbaren Phänomenen, deren Beobachtung nicht mehr unbedingt oder vollständig an die Akademie, d. h. hier: die moderne Wissenschaft, gebunden ist.

Klar, die Untersuchung von Festkörperphysik im Großbritannien der 1960er-Jahre wird mir als unabhängiger Forscher schwer fallen, weil ich weder genug Zeit noch Ressourcen habe, einem solchen Problem nachzugehen. Aber suche ich mir eine Fallstudie aus den sozialen Medien, welches ich von überall beobachten und beschreiben kann, dann ist es auch mir als unabhängiger Forscher ohne Fördermittel und Doktorgrad möglich Forschung zu betreiben, weil das Problem und die Möglichkeit der Bearbeitung noch in mein Leben passen.3 Hier ist also trotz aller Knappheit gute, tief gehende Forschungsarbeit möglich und es trifft sich ganz vorzüglich und nicht von ungefähr, dass es sich bei fast allen Fallstudien, die man aus diesem Feld auswählen könnte, um signifikante Phänomene handelt.

Kommen wir nun also zu meiner Fallstudie, zur #kzumafia: Ich bezeichne als #kzumafia eine Gruppe von Internetsoziolog_innen, die sich mit #kzu oder Kommunikation zwischen Unbekannten beschäftigen. Ähnlich, wie man das aus den Science Studies auch kennt, geht es bei mir um die Beobachtung der Arbeit von diesen Wissenschaftler_innen und allen weiteren involvierten Akteuren, mit dem Ziel die zu beobachtende Realitätsproduktion zu beschreiben und plausibel zu machen.4 An dieser Stelle ist mir weiterhin wichtig, dass die #kzumafia lediglich ein Beispiel unter vielen, eine Variante, eine Darbietung oder eben eine Artikulation einer generellen Entwicklung darstellt. Der Anspruch ist, dass man eine sehr genaue Beschreibung der Praxis dieser Gruppe gibt, um damit einerseits die Gruppe besser zu verstehen, andererseits aber auch um damit Inferenzen über den Ort oder die Plattform zu machen, auf dem diese soziologische Forschung stattfindet und was das über die Möglichkeiten insgesamt aussagt, die dank z. B. bestimmter sozialer Medien bestehen und warum dem so ist.

Die Art des Vorgehens ist dabei nicht notwendigerweise unüblich. Unüblich ist der Kontext. Zum einen bin ich als unabhängiger Forscher niemandem zu irgendetwas verpflichtet, was auch bedeutet, dass ich nicht alle drei Monate ein neues Paper veröffentlichen, Konferenzen besuchen oder Seminare abhalten muss, usw. Weiterhin kann ich methodisch selbstbestimmter vorgehen: Ich muss keine Interviews mit diesen Internetsoziolog_innen machen, sondern kann Gespräche führen und kann diese in Form eines Podcasts für andere zur Verfügung stellen und kann das aus dieser Gruppe kommende Feedback wiederum in meine eigene Beschreibung einarbeiten. Was ich noch zu meinem Gegenstand zähle und was nicht, ist nicht von einem erst noch auszuhandelnden Kompromiss mit einem Doktorvater oder einer -mutter abhängig. Und trotzdem muss auch ich forschen, dokumentieren, beschreiben, wenn ich etwas Interessantes über die #kzumafia sagen möchte. Dank des veränderten Kontexts sind die Artikulationen, die sich aus dieser Forschung ergeben auch andere.

Was habe ich bisher herausgefunden? Zunächst bin ich auf enorme Widerstände gestoßen, die sich m. E. vor allem daraus ergaben, dass ich explizit eine Position mit zwei Perspektiven eingenommen habe: Zum einen bin ich schlicht Teil der #kzumafia und zum anderen betreibe ich Feldforschung und nehme an den Kommunikationsangeboten der Gruppe nur im Modus als ob Teil. Dieser Modus “als ob” (kurz #alsobbing), erlaubt zum einen das Ja-und-Amen-Sagen zu allem, was innerhalb der Gruppe diskutiert wird und das sich unterwerfen unter die Voraussetzungen des Kommunikationsregimes und gleichzeitig die Distanzierung von der Gruppe, die die Möglichkeit der Beschreibung schafft.5 Denn es ist von außen nicht sofort einsehbar, ob der Feldforscher dumm ist, oder sich dumm verhält um mehr zu lernen (und vielleicht das eine oder andere schon verstanden hat). Interessant war diese Erfahrung, weil sie zeigte, dass die Gruppe lernfähig ist und andere Annahmen über den Forscher macht, wenn dieser über längere Zeit dabei bleibt. Ich beschäftige mich mit der #kzumafia ja schon eine ganze Weile.6 Dieses Dabeibleiben erlaubt einerseits das Beobachten von anderen Annahmen bei Akteuren dieser Gruppe und andererseits natürlich auch eine bessere Beschreibung, da man eben über die Zeit auch eine Bewegung dieser Gruppe beobachten kann. Jedenfalls bin ich in der glücklichen Lage lange genug mit der #kzumafia zu arbeiten, um interessant genug für deren Akteure zu sein, dass meine Tweets und Texte und Podcast-Episoden einen Unterschied machen, Feedback und damit Emergenz, d. h. neue bisher so nicht bekannte Qualität schaffen.

Aber was habe ich nun konkret herausgefunden? Die #kzumafia ist eine Gruppe, die sich nicht immer als Gruppe versteht. Sie ist kein Institut, keine Schule. Sie hat keinen Grund sich selbst als Gruppe zu verstehen, denn sie ist kein Verein oder anderweitig schwerfällig organisiert. Wer gehört dazu? Aus meiner Sicht gehören all diejenigen dazu, die sich mit der Möglichkeit einer Kommunikation zwischen Unbekannten beschäftigen und die, direkt oder indirekt, miteinander kommunizieren. Die sozialen Medien und insbesondere Twitter haben die Tendenz Kommunikationssituationen zwischen Akteuren zu schaffen, die keinen besondere Grund zur Interaktion haben. Da man Tweets an eine potentielle Öffentlichkeit richtet, die man nicht kennt und die selbst wiederum nicht weiß, wie man etwas gemeint haben könnte und die Kürze der Nachrichten und ihre Verfasstheit (als Text) auch besondere Annahmen über Intentionen erschwert, wenn nicht gar verunmöglicht, kommt es einerseits zur Beobachtung von Trollkomunikation und andererseits bei Affirmation dieser Tendenz zur Möglichkeit eines Austauschs, der viele von den modernen Vorannahmen von Kommunikation relativiert (niemand muss besonders freundlich sein, man kann nicht wissen, wie jemand etwas meint und niemand ist irgendjemandem zur Auskunft verpflichtet, usw. usf.). Letzteres ist, was die #kzumafia versuchen möchte. Aus dem plötzlich sehr viel wahrscheinlicheren Auftreten von Kommunikationssituationen dieser Art eröffnet sich die Möglichkeit andere soziale Ordnungen auszuprobieren, nämlich assoziative-anarchistische Formen, so jedenfalls im Selbstverständnis.7 Praktisch gesehen ist Twitter vielleicht das wichtigste Medium für den Austausch über #kzu. Die potentielle Öffentlichkeit, die auf Twitter zur Verfügung steht, führt zu einer Sortierung oder Siebung von Kommunikationsteilnehmer_innen in zwei Gruppen: Zum einen in solche Mediatoren, die das alte Regime, d. h. die Kommunikationserwartungen der (westlichen) Moderne artikulieren und die als Beispiele und “Forschungsmaterial” für die Arbeit am eigenen Begriffs- und Gestenschatz genutzt wird. Die andere Gruppe sind Kandidat_innen, die das #kzumafiöse (d. h.: die forschende Beobachtung oder Beschäftigung mit #kzu) zumindest mitartikulieren.8 Wer gehört zur potentiellen Öffentlichkeit? All diejenigen, die als solche der #kzumafia auffallen. Die Kandidaten sind auf vielerlei Weise privilegiert, denn dass sie etwas mitartikulieren, erfordert eine gewisse Situiertheit. Es sei an dieser Stelle darauf hingewiesen, dass es um das Experimentieren im Sozialen geht, weshalb möglichst viele Teilnehmer_innen wünschenswert sind. Aber natürlich ist eine Distribution von lokaler Realität eine aufwändige Sache und deshalb sind Kandidat_innen zu trainieren/coachen (über Konversationen und das Vorführen von modernen, problematischen Artikulationen, etc. pp.), die die Ergebnisse der #kzumafia für diese weitertragen.9 Dieser Gruppe ist außerdem eine Lust an der begrifflichen Arbeit gemein, was vielleicht bei einem (hauptsächlich) textbasierten Medium auch nicht weiter verwundert, weil man hier den größten Unterschied machen kann. Man muss sich innerhalb der Gruppe keineswegs einig über Begriffe sein, aber Begriffe und die Schaffung und Verbindung von Begriffen (d. h. die Schaffung von Theorie, auch ad-hoc Theorie) ist definitiv Teil des Forschungswesens. Das macht es dem potentiellen Publikum nicht leicht zu verstehen, was die #kzumafia eigentlich tut. Und Fragen was jetzt eigentlich ganz genau gemeint ist, sind nicht selten, werden aber rhetorisch unterlaufen und sind höchstens als Beispiel für die überholte Moderne produktiv. Dieses Publikum, welches selbst ja nicht “flächig” daherkommt, sondern auch aus Akteuren komponiert ist, wird aufgrund dieses Irritationspotentials also in Kommunikation verwickelt und gesiebt (siehe oben), woraus sich ein stetiger Pool von Träger_innen oder Mediator_innen des #kzumafiösen ergibt.10 Was an der Siebung aber auch noch interessant ist, ist die dadurch etablierte Ordnung, die durch den Mechanismus der #KonTrolle zustande kommt: Fast überall gibt es Autoritäten, die bei der Ordnung des sozialen Geschehens helfen. In der akademischen Wissenschaft ist das die informierte Öffentlichkeit, das Fachpublikum, wobei die Äußerung von Kritik durch hochdekorierte Wissenschaftler_innen die Ordnung des Diskurses bestimmt. In schwächerer Form ist Kritik die Standardgeste zur Organisation von Diskursen. Jemand sagt was. Jemand sagt, was der gesagt hat, stimmt nicht. Jemand anders sagt, doch das stimmt, weil… usw. Es wird erwartet, dass derjenige, der was sagt, auf die Skepsis des Gegenübers reagiert und diese ausräumt, erklärt was gemeint war, usw. In dieser Form setzen sich Diskurse fort und kommen unter bestimmten Bedingungen zu einer Schließung.11 Dass der_die Skeptiker_in der_diejeinige mit der Macht ist, ändert sich auf Twitter aber radikal: Denn die anzurufende Autorität wäre hier die Administration, d. h. die Betreiber_innen der Plattform. Diese haben aber kein Interesse besonders in die Ordnung der Diskurse einzugreifen, weil mehr Tweets am Ende mehr Geld im Geldbeutel bedeutet. Hinzu kommt in vielen Fällen das Fehlen der physischen Greifbarkeit: Auf Twitter muss man sich nicht festnageln lassen. Man kann ungestraft alles Mögliche sagen. Das verschiebt das Machtgleichgewicht zu Gunsten des behauptenden Akteurs. Der Diskurs auf Twitter unterliegt nicht dem Primat besser erklären zu müssen, sondern besser verstehen zu müssen. Und wer nicht versteht, wer sich kritisch verhält, wer anderer Meinung ist, usw., der muss nicht ernst genommen werden. Daraus ergibt sich die Möglichkeit den Diskurs von der Behauptung her zu führen. Kurz: Statt Kritik organisiert #KonTrolle den Diskurs auf Twitter.12 Man ist also mit der #kzumafia unter den Bedingungen von Twitter in der argumentativ besseren Situation, was durch die verwirrende und ständig stattfindende begriffliche Arbeit zu einer Fortsetzung der Kommunikation über #kzu führt. Es ist kein diskursives perpetuum mobile, aber eine überaus günstige Forschungssituation, die durch die Affirmation der kommunikativen Tendenz auf Twitter zustande kommt.

Abschließend sei hier in Stichpunkten noch auf drei Punkte eingegangen:

  • menschliche Akteure: Menschliche Akteure sind nicht unwichtig, weil irgendjemand auch all diese Twitteraccounts bespielen muss, die sich mit #kzu beschäftigen. Aber die menschlichen Akteure der #kzumafia sind sich selbst nicht so wichtig. In vielen Fällen wird – häufig vom Dogma der Systemtheorie ausgehend, dass nur Kommunikation kommuniziert – der Mensch als solcher ohnehin komplett vernachlässigt, was zu interessanten Irritationsschleifen führt, wenn man Menschen als Akteure, also so wie ich, wieder einführt. Aber insgesamt kann man sagen, dass es der #kzumafia nicht um Menschen geht. Was meine Seite anbelangt, so ist dies auch in der Beschreibung auffällig: Es gibt ausnehmend wenig über die Akteure und ihre Provenienz, ihre Biografie und Herkunft, ihre Sozialisation, zu lesen. Das hängt zum einen mit der assoziologischen Gesellschaft zusammen, die man sich in der #kzumafia erträumt (und dieser Fährte gilt es ja zu folgen als Feldforscher…) und zum anderen damit, dass hier konkrete Beispiele anzubieten meine Ressourcen als unabhängiger Forscher übersteigt. Es wäre nicht unsinnig auch Biografien auf Ihre Privilegierung hinsichtlich der #kzumafia zu beleuchten, aber im Augenblick ist das nicht nötig oder schaffbar.
  • Theorie: Wie schon gesagt, ist die andauernde Arbeit an der begrifflichen Sprache von großer Wichtigkeit. Nicht bei allen, aber bei vielen kann man ein öffentliches und ein privates Aussagensystem (= eine private und eine öffentliche Artikulation einer eigenen Theorie) unterstellen, welches durch Artikulation und Diskursivierung zu einem öffentlichen (aber keinem privaten) geteilten Aussagensystem führt, welches wiederum auf all die privaten Aussagensysteme zurückwirkt. Diese Rückkopplung ist der eigentliche theoretische und diskursive Motor, der zum einen die Verwicklung in Kommunikation zur Folge hat und zum anderen zur Siebung führt, d. h. zur Distribution lokaler Realität beiträgt.
  • Praxis: Es handelt sich um eine sehr theoretische Praxis, die andere soziale Regime ausprobiert und sich über Performances, Kunstwerke, Reden und “empirische Praktika”, vor allen Dingen auf Twitter und den Blogs der Akteure, artikuliert. Hier ist die Verbindung zu menschlichen Akteure und zum Trialog (einem eigenen aber verwandten Phänomen) zu finden. Der Trialog ist ein locker organisiertes Treffen von mehr oder weniger miteinander bekannten Leuten, die gemeinsam ein Bild auf eine bestimmte Art und Weise malen.

Betreibt die #kzumafia überhaupt Wissenschaft und nicht vielmehr Kunst oder etwas ganz anderes? Handelt es sich dabei überhaupt wirklich um eine Gruppe? Ist der Einfluss des Feldforschers nicht viel zu groß um die Behauptung eines unabhängig von der Beschreibung bestehenden Gegenstandes zu rechtfertigen? Ist die eingenommene Perspektive und das benutzte Framework der ANT überhaupt adäquat für diese Untersuchung? Mir selbst gegenüber reicht die Rechtfertigung, dass der Versuchsaufbau nach wie vor provozierende Interessanz erzeugt und Texte dieser Sorte produzieren kann, aus, um weiterzumachen.


  1. Gemeint ist: Dass wir die wissenschaftliche Methode als solche als normal empfinden, ist ebenso historisch bedingt, wie das Zustandekommen der Methode und der dazugehörigen Bürokratie. 
  2. Diese Generalisierung ist deshalb von Bedeutung, weil sie auch in unentschiedenen Situationen von z. B. Wissenschaft ausgehen kann, ohne sich vorwerfen lassen zu müssen, alles Neue ausschließlich nur für Wissenschaft zu halten. Dazu später mehr. 
  3. So gesehen sind Akteure mit Interesse an Phänomenen, wie sie sich in sozialen Netzwerken zeigen allein ob der Zeit in der wir leben schon privilegiert: Während für Forscher mit anderen Gegenständen “Outreach” über Blogs, soziale Medien und sonstige Publikationen noch oben drauf kommt, ist die Kommunikation über Internetphänomene immer gleichzeitig auch Forschungsarbeit. Diese günstigen Synergieeffekte nenne ich auch “Komprimierung”. Dazu vielleicht an anderer Stelle mehr. 
  4. In diesem Satz befinden sich viele rote Tücher. Akteure sind im Sinne der Akteur-Netzwerk-Theorie hier alle “Subjekte” und “Objekte”, die gemeinsam die “lokale Realität” meines Untersuchungsgegenstandes ausmachen. Also gehören dazu eben nicht nur die Internetsoziolog_innen selber, sondern auch Twitter, die von Ihnen benutzten Begriffe, kurz das gesamte Ensemble involvierter Dinge, technische, soziale, rhetorische, materielle, digitale. Realität wird hier verstanden als das was da ist, auf was man zeigen kann. Lokale Realität ist dementsprechend die Realität an einem bestimmten Ort. Die lokale Realität in einer Bibliothek ist eine andere (überall Bücher, Tische, Bibliotheksmitarbeiter_innen) als in einem Gefängnis (überall Gitterstäbe, Gefängniswärter_innen), usw. Es wird hier also einem jeden Akteur ein Hier und Jetzt zugestanden, welches seine Realität darstellt und notwendig von anderen lokalen Realitäten unterschieden ist, aber nicht wie üblich Illusionen o. Ä. ausschließt. Solche lokalen Realitäten sind distribuierbar und können dann eventuell “Illusionen” oder was dafür gehalten wird ausschließen, aber das geht dem nicht voraus. Lokale Realität ist aber nicht notwendigerweise voraussetzungsfrei einfach da, sondern wird hergestellt und das nun nicht immer ausschließlich nur durch Menschen, auch deshalb ist von Akteuren die Rede. 
  5. Als Akteur-Netzwerk-Theoretiker ist das ein seltsames Vorgehen, weil gerade hier ja die doppelte Perspektive vermieden werden soll. Ich habe aber festgestellt, dass es gerade für Case Studies in den Sozialwissenschaften wichtig ist, diese Distanz herzustellen, weil man nicht von vornherein wie bei den Naturwissenschaften einen anderen Gegenstand hat, was zu viel Verwirrung führt. Ein_e Experimentalwissenschaftler_in hat einen anderen Gegenstand als der_die Wissenschaftsforscher_in, während der Gegenstand bei verschiedenen Sozialwissenschaftler_innen schon sehr viel schwieriger unterschieden werden kann. Ich rechtfertige dieses Vorgehen vor mir selbst folgendermaßen: Es mag sinnvoll sein, dass man als Eishockeysoziologe auch mal den Sport spielt und sich damit das Leibchen und das Equipment anzieht und sich so verhält wie all die anderen Eishockeyspieler_innen ohne, dass man nie wieder in den Modus des Beobachters zurückfallen kann. Dieses “Flip-Flopping” ist im Gegenteil überaus produktiv. So auch hier. (Man kann diese Doppelperspektive auch andersherum lesen und meine Mitgliedschaft innerhalb dieser Gruppe stärker betonen und die Feldforschertätigkeit als nützliche Fiktion betrachten. Beides ist nicht falsch, sondern richtig.) 
  6. Mein erster Tweet an Klaus Kusanowsky etwa stammt aus dem Jahre 2014. 
  7. Was damit gemein ist, würde man noch genauer spezifizieren müssen, was aber an anderer Stelle geschehen muss. Vielleicht reicht es aber hier zu sagen, dass man versucht eine alternative Gesellschaft(-sordnung) zu erträumen, deren genaue Form man noch nicht genau kennt, wobei diese Unkenntnis eine wichtige Qualität der neuen Gesellschaftsordnung ist. Es handelt sich um ein absichtlich paradoxes Ziel. Eine etwas andere Perspektive dazu: Klaus Kusanowskys Zettelkasten 
  8. Dieser Unterschied ist bedeutsam für das Zustandekommen der #kzumafia innerhalb dieser Fallstudie: Die #kzumafia beobachtet #kzu, während der Feldforscher das #kzumafiöse beobachtet, welches auffällt, wenn Akteure #kzu beobachten. 
  9. Das hier von Training und nicht von Lehre die Rede ist, ist darauf zurückzuführen, dass es eher um das richtige Framework und nicht um das Geben der richtigen Antwort geht. Das ist aber eine #kzumafia-interne Sprachregelung, der auch dort nicht alle folgen. 
  10. Sehr interessant ist, dass es Akteure gibt, die das #kzumafiöse irgendwann nicht mehr mittragen, so etwa @hartcremig/@jenscmoeller, der nicht mehr auf Twitter ist, oder @adloquii, der das #kzumafiöse anderweitig zu erforschen sucht, wie in unserem Gespräch in Folge 7 des #miniPodcasts deutlich wird. #kzumafia ist keine Endhaltestelle, jedenfalls nicht für alle. 
  11. Welche Bedingungen sind das? Auch mir sind nicht alle Bedingungen bekannt, aber manche Dinge sind zeitkritisch, andere haben instrumentelle Versuchsaufbaue zur Voraussetzung, in manchen Fällen muss man wissen, wie es geht. Es gibt sicher mehr. Wissenschaft ist soziale Arbeit am Ontologischen. 
  12. Das macht die soziale Arbeit am Ontologischen aber nicht nichtig. Sie ist nur andersherum organisiert. 
Posted in: Essay

Leave a comment

  • “Im Mittelalter war eine Wissenschaftsgeschichte moderner Art schlicht noch nicht möglich, weil moderne Wissenschaft als Vergleichsgegenstand noch gar nicht existierte.”

    Überlegen wir mal, dass die alten, die in der Antike und im Mittelalter üblicheh Verfahrensweisen der Wissensproduktion nicht darauf eingerichtet waren, auf andere, moderne Verfahrensweisen zu warten. Sondern: die Formen der alten Wissensproduktion hatten ihre eigenen zivilisatorischen Anstrengungen zu erbringen. Aber worum ging es dabei?

%d Bloggern gefällt das: